In der Geschichte des Poetry Slams spielt er eine zentrale Rolle. Mitte der Siebziger gründet der puertoricanische Miguel Piñero den Club, der zur Keimzelle der literarischen Bewegung aus New York werden wird, ein Kultort für literarische Insider. Regisseur Leon Ichaso hat nun das Leben des Dichters verfilmt.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 61

Kino

Zwischen Weltumarmen und Totalabsturz
Poetry & Slam mit Miguel Piñero

Miguel Piñero, Dichter, Stückeschreiber und Schauspieler kam zum Schreiben im Knast, genauer in Sing Sing, wo er für Drogenhandel und Diebstahl einsaß. Bekannt wurde er für sein Gefängnisstück “Short Eyes” von 1974, das am Broadway inszeniert und für einen Tony nominiert wurde. Er war Mitbegründer des Nuyorican Poets Cafe, heute Institution für Poetry Slams und bis in die 80er, bis zu seinem Tod 1988 Bestandteil und Supporter der New Yorker Puerto Ricanischen und Latino Community.

Piñero in “Piñero” ist der lebenshungrige Mensch von der Schmierengegend Lower East Side, eine wildgeworden umtriebige Hummel, die ruhelos zwischen Eigenanspruch und Weltumarmen, berühmt werden und Totalabsturz hin und her wummert. Ein Dichter mit einigen Poserqualitäten und zweifelhafter Integrität, was ihn nicht immer sympathisch macht. Dafür brettert er mit einer ziemlich polternden Energie voran. Die hat Regisseur Leon Ichaso vielleicht zu ambitioniert als Klischee vom Künstler interpretiert, dessen Energie als kriminelle Selbstzerstörung auftritt, um die Credibility seiner Dichtung zu gewährleisten.

Nichtsdestotrotz bietet Ichaso einen Versuch, mit authentischer Künstlichkeit ein tragisches Leben zu verfilmen. Dabei werden nicht sämtliche Mythen zusammengehäkelt, eher gelingt der Entwurf eines Glamour-Lifestyles auf Kokain-Basis, der es tatsächlich fertigbringt, noch den kaputtesten Verhältnissen einen schicken Schliff zu verpassen, ohne zu stilisieren. Piñero haust immerhin am Ende als Junkie in einem alten Van am Straßenrand. Dramatik soll sein, aber eine kalkulierte: Hauptdarsteller Benjamin Bratt sieht einfach zu gut aus und gibt sich zu offensichtlich Mühe, den Exzess des taumelnden Künstlers ordentlich zu overacten. Und wie hätte man sonst das Ex-Bond Girl Talisa Soto als Piñero Freundin besetzen können, wenn nicht mit der Absicht, ihre luxuriöse Eleganz, die sie wie ein Hermès Tuch umflattert, auf ein ramschiges Naddel-Niveau herabzulassen, sobald sie als aufopferungsvoller Fan dem Sack unkritisch zur Seite steht. Wäre ein Realismustouch gewollt, hätte man wohl kaum ästhetisch mit grobkörnigem Film in Farbe, schwarz/weiß und Wackelhandkamera gedreht. Die besseren Absichten hat da bestimmt die Parallele “Before Night Falls” von Julian Schnabel über den Cubanischen Dichter Reinaldo Arenas. Nur leider stellt der sich auch viel ungeschickter an.

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Elektronische Lebensaspekte.