Lass RSS-Feeds miteinander reden
Text: Janko Röttgers aus De:Bug 111


Yahoos Pipes-Plattform macht Mashups zum Kinderspiel – und bereitet die Firma damit auf Geschäftsmodelle jenseits der klassischen Web-Welt vor. Lego und Mac OS X standen Pate für die neue Wildheit von RSS-Feeds.

“Das Internet ist eine Ansammlung von Röhren“, erklärte der republikanische US-Senator Ted Stephens im Sommer letzten Jahres. Stephens wollte sich mit der mittlerweile berühmt gewordenen Metapher in die Diskussion um mögliche Regulierungen großer Netzbetreiber einschalten. Stattdessen bewies er mit einem Salvo fehlgeleiteter Vergleiche und kruder Missverständnisse, dass er das Zeug zum Edmund Stoiber der US-IT-Politik hat. Was nicht so schlimm wär, wenn der vierundachtzigjährige Berufspolitiker nicht zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender eines Ausschusses für Technik-Forschung und Regulierung gewesen wäre. Mittlerweile hat der Machtwechsel in Washington dafür gesorgt, dass Stephens den Vorsitz an einen ganze 14 Monate jüngeren Demokraten abgeben musste.

Stephens Röhren-Metapher werden wir so schnell trotzdem nicht los. Schuld daran ist ein Yahoo-Projekt namens Pipes, das seit seinem Start im Februar für viel Wirbel gesorgt hat. Pipes ist eine Plattform zum Remixen von RSS-Feeds, die Nutzern ohne große Programmiererfahrung das Erstellen eigener Web-MashUps ermöglichen will. Dazu setzt Pipes auf einen Browser-basierten, grafischen Editor, dessen einzelne Module sich Flussdiagramm-artig mit an Schläuche oder Röhren erinnernden Verbindungen verknüpfen lassen. Ted Stephens lässt grüßen. Das Prinzip der Pipes-Nutzeroberfläche wird dem ein oder anderen aus anderen Anwendungsbereichen bekannt vorkommen: Apples Quartz Composer setzt auf nahezu identische Elemente zur visuellen Grafik-Programmierung unter Mac OS X. Legos Mindstorms-Roboter lassen sich nach ähnlichen Prinzipien programmieren. Und schließlich erinnert der Pipes Editor auch an den ein oder anderen Software-Synthesizer, bei dem sich auf diese Weise Effekte virtuell verkabeln lassen. Die Pipes-Entwickler geben denn auch gerne zu, dass sie sich für ihr Projekt eingehend mit Musiksoftware beschäftigt haben – was nicht überrascht, wenn man weiß, dass der Pipes-Produktmanager zu den Mitbegründern des Lucky-Kitchen-Labels gehört.

Web2.0 in echt oder nur Quatsch?
Trotz aller Parallelen, Metaphern und Geschmackssicherheiten sorgte Pipes zu seinem Erscheinen erst einmal für reichlich Verwirrung im Netz. Während einige Blogger darin gleich so etwas wie den lang ersehnten Web2.0-Erlöser sahen, fragten sich andere nach ein paar erfolglosen Tests: Was soll das eigentlich? “Die Idee des Ganzen ist, Datenfeeds nützlicher zu machen, indem man mit Pipes ein Mashup für sie erstellt“, erklärt Pipes-Vordenker Pasha Sadri am Rande einer Pipes-Präsentation im kalifornischen Santa Clara. “Ein Beispiel dafür ist, die Wohnungsanzeigen von Craigslist.org zu nehmen und dann nach Wohnungen zu suchen, die in der Nähe eines bestimmten Geschäfts sind. Oder eines Parks. Wenn du das manuell machst, müsstest du dich durch alle Wohnungsanzeigen kämpfen und dann auf einer Karte nachschauen, ob ein Park in der Nähe ist. Wir erledigen dies für dich automatisch und geben dir einen optimierten, gefilterten Feed dieser Wohnungen.“

Das Craigslist-Beispiel kommt nicht von ungefähr. Das Pipes-Team hat vor dem Start im Februar intern eine Reihe von Beispiel-Pipes entwickelt, um die Funktionsweise der Plattform besser erklären zu können. Pipes hilft dabei, indem es von Grund auf Open Source ist: Jeder Pipes-Mashup kann als Diagramm geöffnet werden, um den Fluss der Feed-Daten zu studieren. Wer sich so zum Beispiel den Craigslist-Suchfilter mal genauer anschaut, stößt dabei auf eine komplexe Verkettung von Modulen, die Suchanfragen generiert, Ortsangaben erkennt, Distanzen berücksichtigt und Suchergebnisse filtert. Die Funktionsweise jedes Moduls kann in einem Live-Debugger überwacht werden, so dass der Fluss der Daten von Modul zu Modul genau nachvollzogen werden kann. Angehende Pipes-Entwickler können auch gleich das Mashup kopieren, um eigene Veränderungen zu erstellen. Gleichzeitig bietet Yahoo eine simple Web-Formular-Oberfläche für Endnutzer an, die sich nicht mit den technischen Details eines spezifischen Mashups auseinander setzen wollen. Im Fall des Craigslist-Beispiels fragt diese nur nach den wichtigsten Parametern: Was soll in der Nähe der Wohnung sein, wie weit entfernt soll es maximal sein und in welcher Stadt soll danach gesucht werden? Wer nach der Eingabe dieser Details auf den Run-Button klickt, bekommt als Ergebnis eine Liste der gewünschten Wohnungsanzeigen. Dazu gibt es einen RSS-Feed, damit sich die Suche gleich auch abonnieren lässt.

“Pipes besitzt zwei Zielgruppen“, erklärt Pasha Sadri dazu. “Entwickler, die diese Mashups entwickeln, und Endnutzer, die auf die Informationen zugreifen, die von Pipes ausgegeben werden.“ Im Beta-Test konzentriert man sich logischerweise noch hauptsächlich auf die Entwickler. Diesen will das Team in naher Zukunft nicht nur mehr Module, sondern auch eine API geben, um die Einbindung von Yahoo-fremden Webservices zu ermöglichen. “Ein anderes mögliches Szenario wäre ein Service, der Nutzer eine Reihe von Fragen stellt und auf dieser Basis dynamisch selbst für dich Pipes entwirft“, so Sadri. Das Mashup per Knopfdruck – Pipes kommt dieser Idee auch ohne solche Automatisierungen schon heute sehr nahe. Der extrem einfach zu bedienende Editor und die täglich zunehmenden Beispiele erlauben es auch Nutzern ohne große Programmierkenntnisse, sich spielerisch Mashups für den Heimgebrauch zusammenzustellen.

Anwendungsmöglichkeiten gibt es genug: So kann man mit wenigen Modulen einen Filter zusammenbasteln, der alle Spiegel-Online-Berichte über Second Life zu einem RSS-Feed zusammenstellt. Wer dann erst einmal die ersten simplen Filter zum Managen seines täglichen News-Aufkommens gebastelt hat, wird früher oder später mehr wollen. Zum Beispiel ein Mashup, das im Netz nach Promo-MP3s zu den aktuellen Debug-Reviews sucht und diese dann als formschönen Podcast präsentiert. Oder ein Kalender, der gleich auch ortsbasierte Musikempfehlungen gibt. Der eigenen Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. “Ich glaube, dass viele Leute Borderline-Programmierer sind“, meint Pasha Sadri dazu. “Sie können mit etwas Einfachem anfangen und Schritt für Schritt immer komplexere Pipes entwickeln.“

Das Ende der Web2.0-Blase?
Doch wenn wir plötzlich alle zu Programmierern werden – was wird dann eigentlich aus den bisherigen Mashup-Entwicklern? Gut möglich, dass Pipes für sie zu einem wichtigen Prüfstein wird. Bisher brauchte es oft nur ein paar fremde Datenquellen und ein schickes Web2.0-Design, um aus einer kreativen Idee eine Firma werden zu lassen. Doch wenn Nutzer ihre Feeds selbst remixen können, dann zerplatzt schnell so manch eine Geschäftsmodell genannte Seifenblase. Andererseits lassen sich natürlich um das programmierbare Web herum auch prima wieder neue Business-Pläne aufbauen. Womit wir schließlich auch bei der Frage wären: Was verspricht sich Yahoo eigentlich von einem Projekt wie Pipes? Offizielle Antworten will darauf keiner geben. Pasha Sadri macht denn auch schon vor unserem Interview unmissverständlich klar, dass er nicht über Yahoos Strategie sprechen will und darf.

Später lässt er sich dann aber doch noch dazu hinreißen, ganz unverbindlich ein paar Gedanken zu möglichen Einnahmequellen zu äußern: “Ich glaube, das ist eine wichtige Komponente für den langfristigen Erfolg des Projekts. Du willst allen Beteiligten einen Anreiz bieten. Den Mashup-Entwicklern wie auch den Anbietern, deren Daten für das Mashup genutzt werden.“ Wie das Geld-Verdienen mit Pipes im Detail aussehen werde, wisse man aber auch noch nicht, ergänzt er mit höflicher Bescheidenheit. Doch Pipes ist für Yahoo alles andere als ein simples Seitenprojekt mit offenem Ausgang. Die Firma hat in den letzten Jahren mit Flickr, Del.icio.us & Co. gezielt allerlei Web2.0-Infrastruktur aufgekauft. Pipes könnte für all diese Angebote nicht nur das fehlende Glied, sondern gleich die ganze Kette sein. Yahoo könnte sich damit langfristig als wichtiger Netz2.0-Infrastruktur-Anbieter etablieren. Verdienstmodelle für Datenströme jenseits der klassischen Web-Welten stecken bisher noch in den Kinderschuhen. Doch wenn erst einmal all unsere RSS-Feeds bei Yahoo zusammenlaufen, dann wird der Firma dafür schon etwas Gescheites einfallen.
http://pipes.yahoo.com

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Elektronische Lebensaspekte.