Pyranja ist MC. Aber das interessiert oft sekundär. Denn Pyranja ist female MC. Und darauf sind im Moment alle scharf wie auf Klingen aus Solingen. Ob das neue Interesse rostfrei bleibt, ist abzuwarten, in Anbetracht der künstlerischen Ernsthaftigkeit von
Text: Jan Kage aus De:Bug 40

‘für ‘ne Braut ganz nice’
Pyranja

Beim Schreiben über Musik trifft man immer wieder Acts, die dem Autor das Thema quasi vorschreiben. Oft, ohne es wirklich selbst zu wollen. Einfach, weil sich das öffentliche Interesse in seiner Ignoranz nur auf einen gewissen Aspekt fokussiert. Was also tun? Am besten, was man automatisch mit der Öffentlichkeit tut: sich fügen.
Es gibt im Moment wohl eine handvoll Rapperinnen und alles stürzt sich auf sie. Im Vergleich zu den männlichen Kollegen, von denen es inzwischen Tausende gibt, werden die Damen schnell mit Aufmerksamkeit bedacht, was Segen wie Fluch sein kann. “Female MC hin oder her: wenn du ein scheiss female MC bist, ist auch die Aufmerksamkeit schnell wieder weg. Du musst dich genauso behaupten und hast vielleicht noch mehr Druck als ein Typ. Wenn du tight sein willst, musst du besser sein, damit die Leute auch checken, dass es cool ist. Durch die gesteigerte Aufmerksamkeit erwarten die Leute auch mehr. Es gibt mehr Druck, gut zu sein.” Pyranja hält den Druck aus. Sie ist vor zwei Jahren von Rostock nach Berlin gekommen und hat sich durchgesetzt. “Berlin ist meine musikalische Heimat. Da sind die Homies, die mich mental unterstützen”, erzählt sie mir am Telefon und ist selbst in den Düsseldorfer Headrush-Studios, die zuletzt mit dem Plattenpabzt Album auf sich Aufmerksam machten. “Aber ich hab in Berlin nicht die Infrastruktur gefunden, um meinen Scheiss aufzunehmen, Beats an den Start zu bringen und Leute zu haben, die sich mit ins Studio setzen und sagen, wir machen das so lange, bis wir alle glücklich sind und wir das Ding feiern. Und auch nicht zum ersten Mal eine Platte machen. Wir nehmen jetzt bei ‘Beats aus der Bude’ in Köln [dem DCS Studio; JK] auf und mastern in D’dorf. Ich habe DCS auf der diesjährigen Curse Tour kennengelernt, und da die alle cool sind, kam eins zum anderen. Ich habe auch kein Problem damit, in Köln aufzunehmen. Ich weiß, wer meine Leute sind, aber darauf beschränkt sich das dann nicht. Da kommen dann auch Neue dazu. Und bevor ich noch ein halbes Jahr in Berlin sitze und nach Möglichkeiten suche.”
In Pyranjas Delivery steckt viel Freude an der Sache. Die Grundregie scheint aber aggressiv zu sein: “Die Wut treibt mich an. Wut darüber, dass ich nicht als MC gesehen wurde, sondern als Mädchen mit Mikro. Leute, die mit verschränkten Armen skeptisch vor der Bühne stehen und denken, wer braucht denn Frauenrap. Oder wenn jemand wie Samy [Deluxe] Frauenrap disst, denk ich nur: ‘Typ, hast du schon mal geilen Frauenrap gehört?’ Aber sich beweisen zu müssen, spornt auch an.” So kommen wir automatisch wieder auf das Geschlechterding zu sprechen. Es lässt sich auch gar nicht vermeiden. Da Pyranja eben auch immer darüber rezipiert wird, fließt es unweigerlich mit in ihren Output ein. Und für die Medien ist der Exot Frauenrap natürlich ein gefundenes Fressen, da dieses Thema nicht nur Fly-Girls anspricht, sondern auch Feministinnen und aufgeklärte LehrerInnen, denen HipHop (denn darum geht es hier ja) ansonsten am Arsch vorbei geht. Angebliche Freunde sind so diejenigen, die eine Künstlerin vor allem auf das Geschlecht reduzieren.
“Für die Medien ist das natürlich cool. Die warten ja nur, dass was passiert. Oh, Pyranja. Frauenrap, yeah! Dabei kennen die noch nicht mal meine Musik. Daran erkenne ich, wie diese Medienmaschinerie im Grundsätzlichen funktioniert und find sie ziemlich wack.” Natürlich verkauft sich auch HipHop über die Medien und ist Teil von ihnen, bleibt aber oft in einem widersprüchlichen Verhältnis der Kritik. So ist HipHop nicht nur vermarktbares Genre, sondern auch Lebensgefühl und Schicksal seiner Protagonisten.
“Ich mach das Ding, weil es mir Spass macht und weil ich den Leuten was geben möchte. Geschichten, die ich erlebt habe, und Sachen, die mir einfallen. Ich will die auch unterhalten. Und ich will denen zeigen, dass ich rappen kann. Ich habe Spaß an der Sache. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Rap denke, es mache oder lebe; Zeit investiere. Und wenn ich es mache, bin ich glücklich. Es ist eine Leidenschaft. Und je mehr ich mich ihr hingebe, umso weniger habe ich eine Chance, davon wegzukommen.”
Genausowenig wie dieser Artikel vom Thema Geschlecht. Und so will er mit dem folgenden Exzerpt enden:
“Ganz verkackte Punkansagen von halbstarken Akneschwarten/ die ankommen und spontan erwarten/ das ich sie zu ‘nem Chat einlade/ so hör ich oft: ‘Ey Py, verzeih! Du leistest dir zwar grad ‘nen Hype/ doch muss schon sagen: Show war tight/ und auch in Sachen Flow und Style/ für ‘ne Braut ganz nice und cool, dass du Texte selber schreibst’/ mit andern Worten: ‘Baby, willkommen im Mittelalter’/ und ich nur: ‘Danke für die Blumen, doch du starrst grad auf meine Titten, Alter’/ Uuups, zu harte Worte für die harten Jungs im harten Biz / die mit Schulterklopfen ankomm’ und mir dann erklär’n, was HipHop ist / ich mein, man lernt nie aus, doch fall’s es jemand interessiert/ ich hab mir erst mal ‘Keep it real’ dick auf meinen Hintern tätowiert.” Word Up!

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.