Seit 34 Jahren macht John Peel das, was er am liebsten tut: Platten auflegen im Radio. Vom mächtigen Mothership BBC beschallt er mehrmals wöchentlich die ganze Welt mit allem, was zwischen Elektronika, Indie und Obskuritäten wichtig ist. Mittlerweile 62 Jahre alt, verschwendet er keine Gedanken an die Rente. Es gibt zu viele gute Platten. Eine Legende aus gutem Grund.
Text: Thaddeus Herrmann | thaddi@debug-digital.de
aus De:Bug 52

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John Peel

DEBUG: Herr Peel, wann haben sie zum letzten Mal einen Radio-Stream im Netz gehört?

John Peel: Noch nie, leider. Ich höre Radio aber auch nur im Bett und im Auto, und mein Internet ist im Arbeitszimmer…

DEBUG: Und einen Piratensender?

John Peel: Das ist lange her. Ich lebe ja auf dem Land, und hier gibt es einfach keine Pirates.

DEBUG: Sie sind seit nunmehr 34 Jahren DJ bei der BBC. Begonnen haben sie aber bei einem Pirate?

John Peel: Stimmt. In den 60er Jahren machte ich Radio in Kalifornien. Als ich dann 1967 nach England zurückkam, arbeitete ich für “Radio London”, einen großen Piratensender, der von einem Boot vor der Ostküste Englands sendete. Das klingt vielleicht romantisch, war aber knallhartes Geschäft. Der Sender gehörte einem texanischen Geschäftsmann, der mit diesem Konkurrenzprodukt zur BBC Geld verdienen wollte und die Werbezeiten im Tagesprogramm teuer verkaufte. Das Tagesgeschäft auf dem Boot war genauso reglementiert wie bei der BBC. Aus dem Büro in London wurden die Playlists übermittelt, und die DJs hatten genauso wenig Freiheiten wie bei anderen Sendern. Nur die Musik an sich orientierte sich mehr an AFN oder Radio Luxemburg. Wir spielten also Tracks, die auf der BBC nicht zu hören waren. Ich hatte zwei Shows, eine im Tagesprogramm und eine nach Mitternacht. Nach ein paar Wochen bemerkte ich, dass nicht mal die Besatzung des Schiffes meine Nachtsendung hörte. Dann hört das im Londoner Büro erst recht niemand, dachte ich mir, warf die Playlist in den Müll und spielte meine eigenen Platten, vor allem Sachen, die ich aus den USA mitgebracht hatte. Irgendwann rief dann der Manager der Beatles an und gratulierte zur tollen Sendung. Da merkte man bei Radio London, dass ich nachts da so mein eigenes Ding machte. Zu diesem Zeitpunkt war aber schon klar, dass der Sender nur noch ein paar Wochen existieren würde, weil die englische Regierung mittlerweile ein Gesetz erlassen hatte, dass der Wirtschaft verbot, bei uns Werbung zu schalten. Nach einer kurzen Zeit bei ‘Radio Caroline’, einem anderen Piratensender, kam die BBC auf mich zu. Zu diesem Zeitpunkt wurde dort gerade RADIO ONE konzipiert, als direkte Antwort auf die Pirates.

DEBUG: Offenbar änderten sich dann bei der BBC die Strukturen, sonst hätten sie bestimmt nicht solange durchgehalten.

John Peel: Es blieb noch eine ganze Weile sehr merkwürdig. Die ersten Sendungen auf Radio One waren die ersten Programme überhaupt auf der BBC, die über den Sender gingen, ohne dass vorher ein Redakteur die Manuskripte abgenommen hätte. Bis dahin wurde jeder Witz abgelesen und geprobt! Kein Wunder, dass mein Vertrag dann erstmal auf sechs Wochen befristet war. DJs, die sich für Musik interessierten, waren den Direktoren des Senders unheimlich, weil die befürchteten, dass wir dann eigene Platten mitbringen und am Ende sogar spielen würden. Übrigens wird mein Vertrag immer noch lediglich für ein Jahr verlängert.

DEBUG: Welchen Effekt hatten Pirates wie Radio London oder Caroline auf die englische Radiolandschaft?

John Peel: Die BBC hat sich verändert. Nicht ihre Strukturen, aber immerhin ihr Programm. Hätten wir damals nicht von unserem Schiff gesendet, würden heute auf der BBC wahrscheinlich immer noch Stand-Up Comedians die Musikwünsche von Hausmännern und Hausfrauen erfüllen.

DEBUG: Sind die Piratensender von heute eine ernst zu nehmende Konkurrenz für die BBC?

John Peel: Ich glaube nicht. Natürlich wird immer reagiert, wenn ein neuer musikalischer Trend wie Jungle oder 2-Step entsteht, aber die Pirates sind heute zu lokal organisiert und musikalisch zu spezialisiert. Außerdem übernehmen sie oft die schlimmsten Elemente einer typischen Pop-Station: Blöde Sprüche, langweilige Call-Ins oder es werden ewig Freunde gegrüßt. Als Hörer kommt man sich dann fast so vor, als würde man auf einer Privatparty sein und niemanden kennen. Hinzu kommt – und ich möchte jetzt nicht als arrogant missverstanden werden: Es ist oftmals einfach nicht professionell genug. Die Arbeitsumstände sind natürlich nicht perfekt, aber es hat auch mit der generellen Attitude zu tun…

DEBUG: Radio zu machen muss heute weder den Gang durch die Instanzen in einem legalen Sender noch den nervenaufreibenden Aufbau eine Piratensenders bedeuten. Kleine Community Radios sprießen überall aus dem Boden, und das Netz bietet genug Möglichkeiten, seine Lieblingsmusik zu hören oder zu verbreiten. Angst vor der Konkurrenz?

John Peel: Nein, aber wie gesagt bin ich da nicht so firm. Prinzipiell ist es zu begrüßen, dass es einerseits noch mehr Musik zu hören gibt, und dass hoffentlich dann auch die ist, die es sonst nicht im Radio gibt. Andererseits ist es wichtig, dass Leute die Chance haben, sich an das Medium zu gewöhnen, an ihren Moderationen arbeiten und einfach Dinge ausprobieren können. Irgendjemand wird schon zuhören. Ich bin ja auch ein Stream, und die Reaktionen, die ich nun weltweit auf meine Sendung bekomme, sind fantastisch.

DEBUG: Die Copyright-Gesellschaften und Plattenfirmen fürchten ja, dass durch das Netz letztendlich alle leer ausgehen und niemand mehr Geld verdient.

John Peel: Also da bin ich altmodisch. Ich hatte ein ähnliches Problem mit meiner Show auf BFBS, dem englischen Soldatensender. Der zahlte nämlich auch keine Abgaben an die PRS (englische GEMA) und durfte offiziell nur von Soldaten gehört werden. Aber gerade von deutschen Zivilisten bekam ich begeisterte Reaktionen, viele riefen während der Sendung an. Mein Producer verpasste den Anrufern dann immer englische Namen und am Ende sogar noch militärische Ränge, bevor sie auf den Sender gingen. Was ich sagen will, ist: Die Musik ist am wichtigsten, und tricksen muss da schon erlaubt sein. Wie auch immer.

DEBUG: Haben sie keine Angst, irgendwann abgewickelt zu werden, weil es zu viele kleine Stationen gibt, die genau ihre Musik spielen? Im Netz oder terrestrisch?

John Peel: Es tut ja niemand! Alle neuen Radios spielen die selbe langweilige Mischung rauf und runter. Warum versucht nicht mal jemand etwas wirklich Neues? Hinzu kommt, dass im vergangenen Jahr nicht nur erstmalig wieder mehr Menschen in England Radio hören als fernsehen. Ich als 62jähriger habe den höchsten Anteil von Hörern unter 16 Jahren auf der gesamten BBC. Ich glaube also nicht, dass meine Sendung in Gefahr ist. In diesem Alter sind die Jugendlichen nicht an Genres interessiert, wollen also nicht zwei Stunden lang Jungle hören oder Tech-House. Sie wollen Musik hören, die sie noch nicht kennen, aus verschiedenen Genres. Ich auch! Je größer der musikalische Horizont des DJs, desto besser. Und das gelingt mir, glaube ich, sehr gut. Egal, ob es nun im Netz oder über Antenne gehört wird. Wahrscheinlich bin ich mittlerweile der einzige Radio-DJ, der von sich behaupten kann, Elvis Presley in seiner guten Phase live mitbekommen zu haben. Sowas verändert.

DEBUG: Vielen Dank!

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Elektronische Lebensaspekte.