Ei mit Kräutern
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 140

Das bestangezogenste Hafenbecken für House jenseits des tradierten Dancefloors, Dial Records, ist zu seinem zehnten Geburtstag längst mehr als nur Label. Eher eine Referenzmaschine zwischen Pop-Antifa, Kunst und Design, Chicago, Detroit und Romantik. Zum Jubiläum haben sich die Protagonisten für De:Bug noch besser als gewöhnlich angezogen und glänzen in der Modestrecke mit Teilen von Missoni.

Die fünf liebsten House-Platten von Peter “Pete” Kersten und David “Dave” Lieske sind Paradise von Blaze, Oblivion von Kerri Chandler, Theo Parrishs Ebonics, Rick Wades Deep N Dirty und Gabrielle von Roy Davis Jr.. Jedenfalls in diesem einen Moment. Aber eigentlich ist das gerade eben jetzt auch egal. Denn nicht um Chicago-House, nicht um Detroit-Techno, nicht um die letzten zehn Jahre soll es hier gehen. Nicht um Politik, nicht um ihre Zeit als Resident-DJs der Pop-Antifa, auch nicht um Kunst und den ganzen theorieschweren Überbau, der um das Label Dial herumgebunden wird, sondern einfach darum, Fan zu sein. Um das Bestaunen, das Sich-Verneigen und das Aneignen.

Und damit natürlich doch wieder über genau all die genannten Dinge, aus denen sich die Dial-Seele zusammensetzt. Denn diese Seele, sie ist auf höchstem Niveau zusammengestohlen: “Die Motivation Musik zu machen, kam immer aus der Fan-Perspektive. Wir wollten nie neue Musik erfinden oder Grenzen austesten. Ich wollte immer exakt so sein, wie verschiedene andere Leute,” meint Lieske aka Carsten Jost beim Tee. “Etwa Wolfgang Voigt, der frühe Pentax-Sound. Aber irgendwann wollte ich auch gerne schon wieder Pete nachmachen.” Pete aka Lawrence schaut auf und entgegnet: “Also dich wollte ich noch nie nachmachen.”

Wir haben den Dial-Mitgründer, Konzeptkünstler und Modetheoretiker David Lieske gebeten, eine Modestrecke mit der Kollektion, die er derzeit am liebsten mag, zu produzieren. Er entschied sich ohne zu zögern für das italienische Label Missoni. Nach Jahren “angewandter Prepphaftigkeit” freue er sich, dass ihn mal wieder etwas in Ekstase versetzt, was ein bisschen spackiger ist. Die begehrteste Männerkollektion dieses Sommers besorgten wir gemeinsam mit der fantastischen Stylistin Claudia Riedel, eine Woche bevor wir loslegten, fotografierte Jürgen Teller die Familie Missoni zu Hause auf dem Sofa in Missoni. Was vom ästhetischen Gesichtspunkt unserem Plan ziemlich nah kam. Aber man ist ja Fan. Die Fotos, die im Hotel Marienbad, einer Installation in den Berliner Kunstwerken, entstanden sind, umspielt ein cleaner Katalogstil mit einem Hauch kuscheldeckenhafter Verknuffeltheit. Das Unfertige, das schwer Greifbare und doch gut Genießbare wäre eben seine Sache, meint Lieske und schmeißt schnell noch ein paar literarische Referenzen ins Bild.

Ei mit Kräutern drauf
Als Dial Records im Jahr 2000 startete, hatten Lieske, Kersten und Paul Kominek aka Pawel kaum mehr in den Händen, so sagen sie, als Marcel Broodthaers Al-Capone-Verneigung, das Dream House von La Monte Young und Marian Zazeela, den übersteuerten Bass von Theo Parrish, die Plakate der Autonomen Antifa M, das Hamburger Wohnzimmer Golden Pudel Club und Long Island Ice Tea in Strömen. Nun, man muss all diese Dinge nicht kennen oder gar in einen Zusammenhang bringen, man kann auch einfach den leicht verwischten, kaum auf den Punkt genauen Dial-Sound hören. Eine Musik, die oft eher über das Tanzen als für Tanzen gemacht ist. Oder man kann die tollen Cover anschauen. Das Plattendesign kommt von KünstlerInnen wie Michaela Meise, Sergej Jensen, Hanna Schwarz, Cosima von Bonin und auch von Lieske selbst. Es ist geschmackvolles Alleinstellungsmerkmal, aber auch eine Art Spiegelung dieses eingängigen Referenzrahmens, der im Schlappen der Desert-Boots-Kreppsohle nachhallt.

Eine Vorliebe für diese Schuhe, Oberhemden und Cardigans schweißt das modische Grundprinzip Dial zusammen, es prägt auch den gerade aktuellen Margiela-Studienrats-Look für den Club. Lieske glaubt: “Wenn man den doch recht heroischen Begriff Haltung durch einen anderen ersetzen und sich auch selbst eher in die Gefahrenzone bringen, würden man vielleicht Geschmack als Kategorie wählen. Dieser Geschmack steht dir ja immer zur Verfügung, vor allem wenn du dir abends etwas zu essen brätst. Wenn du statt einer Tiefkühlpizza doch vielleicht noch mal ein Ei machst, mit Kräutern drauf, oder so.”

Prävention und Widerstand
Zum Abendessen macht Lieske später einen exzellenten Milchreis. Wenige Stunden zuvor, es ist Sonntagmittag, kommt Oliver Kargl aka Rndm ins Hotel Marienbad und schaut erst einmal erleichtert auf das Bett: “Schön, von einem ins andere.” Während ein Großteil der Dial-Crew sich auf dem Grand Lit wälzt, spielt einige Kilometer entfernt Omar S in der Panorama Bar, aus dem MacBook Pro hier im Zimmer fiepst ein außerirdischer Techno-Sound. Irgendwann fragt jemand, was das denn eigentlich sei, was da liefe. Und jemand anderes entgegnet: Das sei das Demo von Roman Flügels neuem Album, wollen wir das nicht im Sommer veröffentlichen? Jawohl! Zustimmung, man findet das gemeinsam eine klasse Idee.

Das Dial-Knäuel besteht aus einem Haufen Menschen, die nur mit viel Prätention und Prävention in einen Raum und auf ein Bett passen. Auch als Fans arbeiten sie sich an ganz unterschiedlichen Dingen ab: Efdemins 2007er Album spürt den musikalischen Codes von New-House nach, das einzige Album von Carsten Jost organisiert nostalgisch Formen politischen Widerstands, Pantha du Prince eignet sich Teile der deutschen Romantik an. Und der Lawrence, der Sten, der Pete, der steht im Grunde ein bisschen wie der große Bruder über all den anderen, höchst kunstwilligen Jungs, lächelt sein Schuljungenlächeln und macht diese wunderbare Musik, die als einzige eigentlich leicht und versiert nur sich selbst genügt. “House”, sagt etwas später Pete, “House ist doch vorbei.”

In den zehn Jahren, die Dial Dial sind, schwappten die Hörgewohnheiten von Techno nach House rüber. Das haben sicher nicht Dial allein zu verantworten. Aber vielleicht machen wir den Weg ja jetzt wieder anders herum. Das aktuelle Album von Pantha du Prince zeigt eine Richtung auf, das Album von Pawel wirft einen zarten Blick zurück. Und vielleicht ist auch nach zwei Jahren forcierter Preppyness, die zuletzt mit einer doch allzu strengen Zugeknöpftheit á la von Guttenberg die Hipster auf der Straße erreichte – vielleicht ist nun einmal Zeit für genau die spackige, gut abgehangene Carlo-Colucci-haftigkeit, die in der Modestrecke präsentiert wird.

Am Ende der Dial-Jubiläumsplatte jedenfalls steht das Lied ”He Said“ der Band Dominique. Es beschreibt auf einer Pop-Singer-Folie das ganze Nachtleben-Club-Gefühl so eindeutig, wie es eigentlich nur ein 4/4-Techno-Takt kann. Doch statt dessen spricht der Sänger Dominic Eichler leise über eine schlichte Pianomelodie: “After hours on the dancefloor, he said, somehow i like you, in some way i want you, somehow i like you not.” Ganz am Schluss, als die letzten Töne eigentlich schon verklungen waren, setzt plötzlich eine Bassdrum ein. Ein letztes, kurzes Stampfen, von ganz weit weg, wie in Watte gepackt, hallt es nach.

Die Compilation “2010” ist auf Dial/Kompakt erschienen.
http://www.dial-rec.de

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Elektronische Lebensaspekte.

3 Responses

  1. Kacy Wannarka

    Ich bin gespannt ob die BILD Zeitung Ihre Meinung gegenüber Karl-Theodor zu Guttenberg noch ändern wird und auch in die Hetzjagd der allgemeinen Medien mit einsteigt. Ich hoffe nicht das das das Ende seiner öffentlichen Karriere ist und wir Ihn doch noch als Merkels Nachfolger demnächst willkommen heißen dürfen. Egal, und der gute Herr Professor Lepsius der Guttenberg vor allen Leuten als Lügner brandmarkt, währe mal wissenwert welcher Partei er angehört, den Grünen, den Linken, der SPD? Ich denke zwar auch das Herr Guttenberg sich genauso viel Wissen im Vergleich zu seinem Doktortitel auf solchen Seiten wie Hauslehrer aneignen hätte können – aber was zählt ist ja nicht die Theorie sondern die Praxis. Und dort ist er mit seinem Charisma und erstaunlichem Verstand eben sehr gut gewesen.