Text: ulrich gutmair aus De:Bug 10

Surfing on Video Der Dokumentarfilm zum Cyberspace “Plane of Immanence” Ulrich Gutmair Soundtracks sind die Bonbons von Filmen. Für Vladimir Muzheskys Video “Plane of Immanence”, das im Augenblick auf Welttournee ist, gilt das Gegenteil: Der Film ist als formales Pixelcandy eine nette Ergänzung zu den Sounds von To Rococo Rot, ein überlanger Videoclip. Zur schillernden Tonspur aus gewohnt smarten Rhythmussequenzen, Arcade-Sounds, Signaltönen, ziemlich digital klingenden Klangoberflächen und Loops werden visuelle Cut-Ups, Überblendungen und andere Mixeffekte auf der Bildebene gegengeschnitten. Anfangs verfolgt die Kamera einen Roboter, der nicht so aussehen will, wie man sich einen Roboter vorstellen mag: Ein aufgeblasenes Kissen schwebt aufrecht durch Büroflure. In der nächsten Sequenz folgen superschnelle Flüge durch die simulierten Flure bunter VR-Architekturen. Im Hintergrund des Soundtracks spricht jemand und dann erscheint hinter der VR-Matrix, die sich langsam in einzelne geometrische Formen auflöst, ein Mann in klassischer Interviewposition, der zu erzählen beginnt. Dazwischen Roboter, sowjetische Zeichentrickfilme zum Space Race, 50er Jahre Wissenschaftler in weissen Kitteln, Roboter und wieder VR-Korridore in raffinierten Schnitten und Überlagerungen auf mindestens zwei Bild/Ton-Ebenen. So geht das 60 Minuten weiter, in ständiger Mehrfachbelegung von Bild- und Tonspuren, ohne Rücksicht auf irgendwelche Hi-Tech / Lo-Tech Differenzierungen zwischen aus der Hand gedrehten Reality-TV-Bildern und hochaufgelösten Computeranimationen, die aussehen wie Quake ohne Monster. Dazu gibt es gelegentliche Videotexteinblendungen und Statements zu transzendentalen VR-Erfahrungen auf der einen Seite und der Erkenntnis, daß die letzte unhintergehbare Realität halt immer der menschliche Körper bleiben wird, auf der anderen. Wenn dieser Film eine Doku wäre, würde man sich jetzt fragen wollen, wie Muzheskys – auf keinen Fall unbeeindruckende – Montagetechnik die inhaltliche Ebene reflektiert: Es geht wohl um die Paradoxa, die sich auftun, wenn der *Cyberspace* zu einer sozio-ökonomischen Realität wird. Wenn dieser Film eine Doku wäre, müsste man sich dann auch gleich die nächste frustrierende Frage stellen, nämlich was man mit den hier versammelten Statements zu Virtual Reality, Robotik und Medienaktivismus 1998 eigentlich noch soll. Auch wenn Muzhesky (vom Abspannn abgesehen) auf direkte Hinweise auf die diversen Protagonisten des Films verzichtet, kennt man die Herrschaften und die zugehörigen Positionen zur Genüge: Robotik-Theoretiker Moravec, die Jungs vom Survival Research Laboratory und – Stelarc. Im Subtext tauchen Schnipsel aus Hakim Beys “Temporary Autonomous Zone” auf, ansonsten spricht man im Rahmen einer russo-kalifornischen Cyberesoterik über Roboter, die wie Menschen sein werden, das göttliche Wissen, das heute die Manipulation von digitalen Informationen, genetischen Codes und Molekülen in der Nanotechnik ermöglicht, undsoweiter. Da treffen sich Versatzstücke aus der Californian Ideology mit Sowjetkybernetik und einem merkwürdigen russischen Techno-Mystizismus zum fröhlichen Sit-In. Wir erinnern uns an Herrn Nikolaj Fjodorov, der im letzten Jahrhundert die gesammelten Atome aller bis dahin verstorbenen Menschen aufsammeln wollte, um sie mit Hilfe der modernen Wissenschaft wieder zusammenzusetzen. Wiederauferstehung als Wissenschaft. Spätestens beim zweiten Sehen wird klar, daß “Plane of Immanence” gar nicht die Doku ist, die man schon zweimal auf Arte gesehen zu haben glaubte: Die Collage von Bildern, Sounds und Statements ist auf vertrackte Weise schon der Inhalt, nämlich die Konstruktion eines “synthetischen plane of immanence” was dann auch erklärt, warum mitten im Satz geschnitten wird, oder runtergepegelt. Und 10 Minuten später gehts an der selben Stelle weiter. Muzhesky hat sich offensichtlich lang genug mit medialen Wahrnehmungsveränderungstechnologien beschäftigt. “Plane of Immanence” leistet somit immerhin den Transfer von Plunderphonics und anderer Mixtechniken in die Welt von Video. Analog zu bestimmten Techniken aktueller Soundproduktion, die mittels Störgeräuschen, Fehlern etc. die Apparate hörbar macht, läßt Muzhesky aus dem Takt geworfene Bilder von oben nach unten laufen und setzt gezielt Digitalisierungsfehler als visuelle Störeffekte ein. In diesem Sinn droppt Medientheoretiker Geert Lovink, als Metameister hinter einer Glasscheibe gefilmt, eine Interpretation, auf die man sich einigen kann: “Ja, die Medien können befreit werden. Der Preis dafür ist allerdings komplette Bedeutungslosigkeit.” Und Bedeutung muss man von einer befreiten Bildspur ja auch nicht erwarten. Der Soundtrack zu “Plane of Immanence” erscheint auf City Slang. ZITATE Da treffen sich Versatzstücke aus der Californian Ideology mit Sowjetkybernetik und einem merkwürdigen russischen Techno-Mystizismus zum fröhlichen Sit-In. ”Ja, die Medien können befreit werden. Der Preis dafür ist allerdings komplette Bedeutungslosigkeit.” Geert Lovink

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Elektronische Lebensaspekte.