Den Knast kannten die Webdesigner der Agentur Gaderobe 23 nur vom Hörensagen. Ganz ähnlich ging es ihren neuen Auftraggebern mit dem Internet. Die Insassen der Jugendvollzugsanstalt Tegel in Berlin haben jetzt zwar eigene Website, im Netz sind die Häftlinge deshalb aber noch lange nicht.
Text: janko roettgers aus De:Bug 46

Ein sicherer Kunde
Die Website der Jugendvollzugsanstalt Tegel
“Non-Disclosure-Agreements” und ähnliche Schweigegelübde gehören ja heute zum üblichen Geheimhaltungszirkus bei der Planung eines neuen Webauftritts. Doch all das ist nichts gegen das Procedere, welches das Team der Agentur “Gaderobe 23” regelmäßig bei einem ihrer Auftraggeber erlebt. Termine müssen Tage vorher schriftlich beantragt werden. Vor Ort wartet gleich der nächste Antrag. Dann werden Kameras, Handys, Wertsachen und Personalausweise eingesammelt. Unter strenger Bewachung öffnen sich schließlich wuchtige Stahl-Schleusen und machen den Weg frei zum sichersten Kunden der Agentur – den Knackis der JVA Tegel.
Seit 1998 besitzen diese eine eigene Website unter dem Namen “Planet Tegel”. Realisiert von einer Initiative aus Häftlingen, Ex-Insassen und einer Düsseldorfer Agentur sollte der Planet Tegel den Alltag im Knast dokumentieren, Mauern zumindest symbolisch überwinden und den Gefangenen die Möglichkeit geben, mit ihren Texten Leser außerhalb der JVA zu erreichen. Doch mit der Zeit wurde die statisch aufgebaute Site zu unflexibel, der Planet zu klein. Mit dem Ausbruch ins Web-All wurde die Garderobe 23 beauftragt.
“Wenn du da rein kommst, fühlst du dich automatisch zehn Zentimeter kleiner”, beschreibt Goetz Hunold von der kleinen Berliner Agentur seine ersten Erfahrungen mit der JVA. Knasterfahrung hatten er und seine Kollegen vorher alle nicht, man kannte das nur aus dem Fernsehen. Auf den ersten Blick schien das Samstagskrimi-Klischee aber gar nicht so weit von der Realität entfernt zu sein: Der Weg zum Redaktionstreffen führte am Kraftraum vorbei, wo die schweren Jungs ihre Muskeln trainierten.
Der Knast ist offline
Zu Anfang waren die Treffen wie Begegnungen zweier Welten. Auf der einen Seite die Designer, die erst einmal die internen Sozialstrukturen und Hackordnungnen des Knasts kennenlernen mussten. Auf der anderen die Knackis, die teilweise vor dem Internetboom eingeliefert worden waren und das Netz nur vom Hörensagen kannten. Denn auch wenn die Knackis nun schon seit Jahren eine eigene Website haben: Der Knast ist per se offline. Der Internet-Gruppe stehen ganze zwei PCs zur Verfügung. Einer mit Mailclient und Modem, aber ohne Browser. Der andere mit Browser, aber ohne Netz.
“Es ist schon mühselig und völlig grotesk”, meint Phillipp Wassermann, “eine Website für jemanden zu bauen, der gar nicht surfen kann.” Die Insassen wollten ihren Knast im Netz nachbilden und erfahrbar machen. “Es sollte schwerfällig, langsam und statisch ablaufen. Aber so etwas können wir als Webdesigner nur bedingt umsetzen, sonst werden wir dabei krank.”
Seit Ende letzten Jahres ist nun der Trabant Tegel online. Wer die Site betreten will, muss sich ganz wie im richtigen Leben erst einmal anmelden, auf Passierkarte und Gruppenbetreuer warten. Danach kreisen Texte durch das Dunkel. Schwer verdauliche Texte teilweise, finster und perspektivlos: “Man sperrt mich ein, um mich auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten. Man reglementiert mich permanent, um mir zur Selbständigkeit zu verhelfen”, heißt es dort beispielsweise. Und in einem anderen Text: “Am Gefängnistor gibt man seine Würde ab, drinnen wartet man auf den Tod.”
Knäste ans Netz!
Versteckt hinter einem kleinen Icon findet sich der Satellit, ein Web-Magazin. Hier können die Knackis in Interaktion mit Besuchern der Site treten, sich über Messageboards austauschen und die Website um neue Texte erweitern. Es werden aktuelle Geschehnisse in der Anstalt thematisiert und von der Medienhatz auf einen geflohenen Hafturlauber berichtet, die im Selbstmord endete. Ein Bereich, den die Knastleitung erst einen Monat nach dem Launch entdeckt habe, wie Phillipp erzählt. Eine fast schon subversive Methode, das eigentlich Unmögliche zu erreichen: Die Vernetzung des Knastes.
Für das Gaderobe 23-Team ist die Website sowieso nur ein erster Schritt. Eigentlich bräuchten die Knackis ein Computerlabor mit PCs und vollwertigem Netzzugang, um den Kontakt zum Planeten Erde nicht völlig zu verlieren. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Geld ist keins da, Computerspenden bisher auch nicht. Weshalb sich die Internet-Initiative erst einmal darauf beschränkt, mehr Zeit zum E-Mailen zu erstreiten. “Das konnten wir uns gar nicht vorstellen, wie langsam dort alles geht”, meint Phillipp. “Jeder kleine Schritt wird als Riesenerfolg gewertet.”
Kein Wunder, dass da auch die neue Website ordentlich gefeiert wurde. Gemeinsam organisierte man eine kleine Präsentation im Kultursaal der JVA, der so viel Charme hat wie eine vergitterte Turnhalle. Den Knackis war das egal. Kurzerhand wurde eine Anlage aufgebaut und ein einsitzender, ehemaliger DJ kramte seine House-Platten raus – lauter fünf Jahre alte Club-Hits. “Du konntest sein Einlieferungsdatum an der Musik erkennen”, erzählt Jörg Suermann.
Überwachen und Strafen
So richtige Clubatmosphäre wollte sich trotz der hier und dort unter den Häftlingen gesichteten Ex-Türsteher nicht ganz einstellen, doch im Vergleich zum üblichen Knastleben war diese Houseparty der reinste Ausnahmezustand. Sonst kommt man dort nur selten in so großen Gruppen zusammen. Und überall lauern sonst die wachsamen Ohren der Wärter und ihrer Gegensprechanlagen, die bei den lauten Beats jedoch keine Chance hatten. Beim Gaderobe-Team hinterließ der Abend trotzdem einen seltsamen Nachgeschmack. “Manchmal kam dieses komische Gefühl durch: Du bist jetzt im Club, aber nachher sind alle Leute außer dir wieder weggesperrt”, beschreibt Herr Sphen dieses Gefühl.
Für die Gaderobe geht die Arbeit auch nach dem Launch weiter. “Sozusagen ehrenamtlich” hilft man dabei, das Magazin auszubauen und zu pflegen. Natürlich stellt sich während dieser Arbeit irgendwann auch automatisch die Frage, wie viel Sinn das überhaupt macht: Die Strafen, das Wegsperren, der Knast. Für Phillipp steht fest: “Resozialisierung ist ein Hohn.” Viele rutschten durch den Knast nur noch weiter ab. Doch die eigene Arbeit sieht man dadurch nicht in Frage gestellt. Zumal konkrete Erfahrungen solche grundsätzlichen Zweifel schnell wieder ausräumen. Jörg erzählt, er habe Knast-Arbeit früher immer für Ausbeutung gehalten. Doch seitdem er mit den Knackis gesprochen hat, weiß er: Die freuen sich über jede halbwegs sinnvolle Beschäftigung. Noch mehr würden sie sich natürlich freuen, wenn sie statt Tüten kleben Websiten basteln könnten. Letztlich ist das Gaderobe-Team aber ganz froh, mit der eigenen Arbeit keine Entscheidung über Sinn und Unsinn des Strafverfolgungssystems treffen zu müssen. Abgesehen von der persönlichen, selber den Knast lieber weiterhin nur als Besucher zu betreten. Phillipp dazu: “Früher hat man vielleicht mal gedacht, das ist nicht so schlimm, Aber seitdem ich da war, hab ich echt keinen Bock drauf.” So gesehen, resümiert Spehn, sei das “Projektziel erreicht.”

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Elektronische Lebensaspekte.