Chris Reed guckt nur nach vorne. Und da leuchtet der Weltdurchbruch der "shabby little scene", als die Grime mal begann. Rein rechnerisch muss es so kommen.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 97

Zu jung zum Verlieren

Einer letzter Blick an sich herunter gibt Gewissheit: Ja, der neue Trainingsanzug sitzt. In ein paar Stunden ist Showtime und Chris Reed aka Plasticman schlendert zufrieden durch die Weiten des Dresdner Bahnhofs, dem alten Frachtzentrum der Berliner Post, in dem sich zur selben Zeit noch Flatland-BMXer in einem eindrucksvoll roughen Koordinations-Ballett um die Krone der ”Berlin City Games“ duellieren, und schaut sich die großformatigen Bilder, die aus dem gerade erschienenen Grime-Fotoband ”Open Mic“ entnommen sind und als Austellung eine ganze Hallenwand zieren, an. Bilder, die von Aufbruch zeugen, von jugendlichem Drängen.

Chris Reed ist zum ersten Mal als DJ in Berlin, das zweite Mal in Deutschland generell, und wenn man ihn fragt, dann geht es jetzt erst los. Grime ist nicht nur der Sound des Jetzt, sondern auch die Zukunft. Und das ist nicht ideologisch gemeint, sondern demografisch für ihn quasi belegbar. ”Die durchschnittlichen Grime-Kids sind ungefähr zwischen dreizehn und fünfundzwanzig Jahre alt, wobei die Mehrzahl auf jeden Fall minderjährig ist. In fünf Jahren wird es wahrscheinlich ein noch viel größeres Club-Publikum geben, wenn die Kids erst mal ihre Schule fertig haben“, rechnet Chris vor und man weiß nicht so recht, ob man seinen Optimismus teilen soll. Aber was solls, momentan explodiert dieser neueste, typisch britische musikalische Bastard. Und das Spannende daran ist gerade, dass keiner so recht weiß, wo die Reise hingehen wird. Es gibt nichts zu verlieren und alles zu gewinnen, also los.

Klar, dass sich auch Chris’ Werdegang wie eine mittlerweile klassische Inner-City-Erzählung liest. Mit fünfzehn fing er an aufzulegen. UK-Garage stand gerade in seiner frivolsten, Champagner-launigsten Blüte und Two-Step war einfach überall. Eigene Shows bei verschiedenen Piratenradios folgten und irgendwann der erste mit ”Fruity Loops“ ausgerüstete Rechner. Als UK-Garage langsam in seinem Rausch aus überkandidelter Luxus- und Gangster-Attitüde versank, wendete sich Chris immer mehr den darkeren, instrumentalen Tracks zu, die plötzlich überall auftauchten. Auch seine Tracks waren mittlerweile so weit, dass er sie in seinen Sets auflegt und Demos verteilt. Es gibt Kontakte nach Manchester zu Mark One und er wird Teil des Virus Syndicate, einem Kollektiv aus DJs, Produzenten und MCs. ”Hard Craft“, ein Track, der auf dem Label Soulja erscheint, wird zu einem kleinen Pirate-Radio-Hit und Rephlex werden auf ihn und Grime aufmerksam.

Wer ist Aphex Twin?
Bevor Rephlex ihn ansprachen, kannte er weder das Label noch kannte er dessen berühmten Chefdirigenten Richard D.James aka Aphex Twin. Techno, Gabba, IDM, alles musikalische Baustellen, die ihn, den heute Zweiundzwanzigjährigen, nie interessiert, bis er mit Rephlex in Kontakt kam nicht mal seinen Weg gekreuzt hatten. Es gab immer nur HipHop und Garage. Der Summer of Love und illegale Raves in der britischen Pampa sind für ihn nur noch ferne Mythen, mit denen er nicht viel anfangen kann. ”Grime kommt nicht aus der Rave-Kultur“, sagt er dann auch. ”Das ist vorbei. Grime ist Street Music.“

Mittlerweile hat Chris sein eigenes Label Terrorhythm gegründet und nach seinen Beiträgen für die beiden Grime-Compilations auf Rephlex und einem Remix für Alter Egos ”Rocker“, der ihm noch einmal eine ganze Menge Aufmerksamkeit eingebracht hat, arbeitet er gerade an einem Debüt-Album. ”Grime wird ein globaler Sound“, prophezeit er gut gelaunt. ”Die Musik sitzt zwischen so vielen Genre-Stühlen, dass sie einfach eine ganze Menge verschiedener Leute ansprechen wird. Und wir werden uns nicht in London einigeln. It started out as a shabby little scene, but now it’s molding into something nice.“

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Elektronische Lebensaspekte.