Die Platinum Pied Piepers wollen Musik revolutionieren. Dass so ein Anspruch charmant umgesetzt werden kann, indem man Detroit in Pop verwandelt und trotzdem Independent bleibt, klingt in dem neuen Album sehr überzeugend.
Text: Ekrem Aydin aus De:Bug 93

Platinum Pied Piepers
Pop Flirt

Seit beinahe vier Wochen sind Platinum Pied Pipers (PPP), im Kern bestehend aus Beatbastler Waajeed und Multiinstrumentalist Saadiq, in Europa unterwegs. Die meiste Zeit haben sie auf englischem Boden verbracht. Kein Zufall, denn von hier aus startete vor etwas mehr als einem Jahr der Siegeszug der PPPs. Es waren unter anderem die “üblichen Verdächtigen” Benji B und Gilles Peterson, welche – wie immer mit enormem Vorsprung vor allen anderen – bestückt mit CD-Rs in ihren jeweiligen Shows dafür sorgten, dass die Aufmerksamkeit erneut in Richtung USA, genauer Detroit, gelenkt wurde.

Motor City Detroit
Wieder kommt die Musik aus der gleichen Ecke wie einst Slum Village, deren Produzent Jay Dee und später Sänger Dwele. Waajeed gehörte zu den ursprünglichen Gründern von Slum Village und betreibt nahezu seit Beginn die Website Bling47.com. Eine Plattform, die stets darüber auf dem Laufenden hält, was innerhalb dieser kreativen Gemeinschaft passiert. Auf dem daran angeschlossenen Label Bling47.com Records erschienen z.B. die von Fans weltweit geschätzten Jay-Dee-Instrumentals und Waajeeds “BPM“-Instrumentals.
“Ursprünglich wollten wir unser Album auch selbst herausbringen. Als Ubiquity Records uns angegangen sind, da sahen wir, dass sie über bessere Kanäle verfügen und das Label sind, das Bling47 einmal werden soll.“ Der Einfluss Detroits auf PPP ist massiv. “Detroit ist unsere Inspiration, die Basis. Die Stadt ist in unserem Blut und pumpt durch jede Ader. Wir verstehen unser Album als Hommage an Detroit.“ Deshalb ist auch so ziemlich jeder Stil vertreten, für den Detroit bekannt ist: Soul, Funk, Electro, ein Hauch von House und Techno. “Die Früchte, die vom Baum Detroit in Form von wunderbarer Musik geerntet wurden und werden, sind ein Beweis dafür, wie toll die Stadt ist. Und das in jedem musikalischen Genre. Schenkt den grauen Bildern in den Medien keinen Glauben. Detroit ist ein großartiger Ort.“ Trotzdem haben Waajeed und Saadiq ihrer Heimat vor einem Jahr den Rücken gekehrt und sind nach Brooklyn gezogen. “Detroit ist großartig, aber auch klein. Klein in einem umfassenden Sinne. Wir haben einfach die Grenze unserer Gemeinschaft erreicht. Innerhalb dieser Gemeinschaft kennen wir alle. Nach New York zu gehen, dient dem Zweck, dieser Gemeinschaft neue Impulse und Leute zukommen zu lassen. Es ist ein Neuanfang.“

Die neue Rebellion
“Das ganze ‘Konzept’ hinter den Platinum Pied Pipers ist: eine Rebellion innerhalb der Musik zu starten. Neue Ideen, neue Leute, neue Horizonte. Wir bilden ein Gegengewicht zu all dem dummen Pop-Schrott, speziell in HipHop, R&B und Soul. Wir sind nicht gegen Pop-Musik, aber es herrscht ein Defizit, es gibt zu wenig Alternativen zu Britney Spears. Wir bilden den Neuanfang und stehen als Erfinder am Anfang der neuen Musik, die die nächsten 10-20 Jahre bestimmen wird.“ Ein Selbstbewusstsein, das die beiden derzeit mit Künstlern wie Sa-Ra Creative Partners, Amp Fiddler und Plant Life teilen. Für PPP bilden sie alle die Speerspitze einer neuen Bewegung, die für eine erfrischende Brise innerhalb festgefahrener Musikgenres sorgt.

Independent Pop
Pop-Musik bietet ihnen genau den Spielraum, den sie brauchen. Die Bezeichnung Pop wird von ihnen als Auszeichnung empfunden. “Jeder von diesen so genannten Underground-Keep-It-Real-Bullshit-Type-Of-Artists ist ein Lügner, wenn er behauptet, dass es ihm egal ist, ob seine Musik gehört wird oder nicht. Die Pop-Kultur soll deine Musik hören. Mir ist dabei egal, ob die Hörer aus Deutschland, England oder dem All kommen. Ihr müsst es nicht mögen, doch hört es euch wenigstens an.“ Nun sind die Bezeichnungen Pop und Independent meist zwei gegensätzliche Komponenten. “Nein, so ist das nicht“, sagt Waajeed und fügt hinzu: “Für mich gibt es zwei Bereiche: den Underground und den Overground, und beide disharmonieren. Es ist eher selten der Fall, dass jemand aus der einen Kategorie sich dafür interessiert, was in der anderen passiert. Wir halten uns zwischen diesen beiden Ebenen auf, denn es sind echt viele Songs auf unserem Album enthalten, die kommerziellen Erfolg haben könnten. Für uns gibt es die Schranke zwischen Underground und Overground nicht. Wir mögen genauso Pat Benatar wie wir Huey Lewis and the News mögen. Auch wenn der Underground bei weitem innovativer und kreativer ist, gibt es auch dort eine Menge schlechtes Zeug. Davon bekommt die Öffentlichkeit glücklicherweise weniger mit, da dieses Material kein Forum besitzt. Unsere Musik ist nach wie vor mit Ecken und Kanten bestückt und trotzdem geeignet im Radio gespielt zu werden. Sie reflektiert unseren eigenen Geschmack, denn wir mögen Pop-Musik und den Flirt damit.“
Die Art und Weise, wie PPP an ihre Produktionen herangegangen sind, ist nicht neu, doch wird sie immer seltener. “Ich habe versucht, meinem Geist freien Lauf zu lassen. Einfach dem folgen, was du gerade fühlst. Oftmals sind Sounds zufällig entstanden und einfach beibehalten worden.“ Es gab zwar ein grobes Konzept, doch keine Strategie und so ist es ein erfrischender Zufall, dass am Ende sechzehn Stücke zusammenkamen, in denen sich ein jeder wiederfindet, die aber eine allgemeine Kategorisierung des Albums nahezu unmöglich machen. Also ein Versuch, die breite Masse anzusprechen? “Auf jeden Fall. Das Album ist so unterschiedlich, jeder findet darauf einen Song für sich. Selbst wenn euch das Gesamtwerk nicht gefällt, so findet jeder seine Songs darauf. Es spiegelt uns wieder. Heute höre ich David Bowie und morgen Sergio Mendez. Es geht um Vielfalt und die Auflösung von Grenzen. Wir müssen das Bekannte loswerden und von vorne starten. Wann immer ihr meint, ihr hättet eine Ecke für uns gefunden, werden wir uns erneut verändern. Erwartet nichts, stellt euch nur darauf ein, dass es immer neu sein wird.“

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Elektronische Lebensaspekte.