Wer dachte, mit "Bye Bye", Stéphane Laportes verträumtem Debüt auf Active Suspension, sei schon alles gesagt, wird sich wundern: Monsieur ist auf seinem neuen Album kaum wiederzuerkennen.
Text: Hendrik Krötz aus De:Bug 94

PLATZ DA FÜR DEN TIGER / INSTINKTIVER SPAß – Domotic

“Play this record loud” steht auf der Hülle – ein Appell, dem unbedingt nachkommen muss, wer den Tiger aus dem Tank holen will. Bis zum Kragen in hochoktanigen Sprit getränkt, der Bursche, um gefeierte Mittelklassewagen wie The Postal Service oder Styrofoam auf dem Electronica-Highway links liegen zu lassen. Verantwortlich für den neuen, schneidigen Domotic-Sound sind in erster Linie die Geschehnisse auf dem Label Active Suspension, jenem fröhlichen Verbund Pariser Bedroom-Producer wie Hypo, o.lamm und Davide Balula, die sich gegenseitig inspirieren und gerne auch mal für einen gemeinsamen Track die Köpfe zusammenstecken. “Ask For Tiger” trägt den frischen Geist dieses Labels in sich und reiht ganz selbstverständlich Popsong neben Krach, Stoner-Rock neben Casio-Slammer: kein heilloses Durcheinander, sondern ein Durcheinander nach Plan. Domotic: “Es sollte eher ein Album als eine Sammlung von Stücken werden. Aber ich arbeite sehr instinktiv, meine Rechnung ist auch ganz einfach: Wenn ich Spaß am Musikmachen habe, macht es den Leuten auch Spaß, sie zu hören!” Das passiert also, wenn man nach dem Tiger fragt? “Ich habe den Satz während eines langweiligen Arbeitstreffens mechanisch auf ein Stück Papier gekritzelt, ein halbes Jahr später fand ich dieses wahnsinnig schöne Tigerbild, das auch im Booklet ist. In dem Moment war mir klar, wie das Album heißen muss.”

Wie würdest du die Entwicklung deiner Musik beschreiben?
“Ask For Tiger“ ist näher an dem, was ich normalerweise höre – Pop und Indie, und ist auch weniger von Minimalelektronik beeinflusst als das erste Album. Damals hatte ich elektronische Musik gerade erst entdeckt, durch Labels wie Warp und Morr Music. Jetzt sind die Gimmicks dieser Musik einfach Teil meines Vokabulars, genauso wie ein guter Drumroll oder ein Gitarrenfeedback.

Macht es dir Spaß, deine Hörer zu überraschen?
Ich versuche immer, eine Balance zu finden – zwischen Schönheit und Energie, Spaß und Konzept, schön und hässlich … manchmal sogar in einem einzigen Stück. Und es muss immer etwas Schräges drin sein – Noten, die nicht reinpassen, Klänge, die einfach daneben sind. Zum Beispiel ein blöder Synthiesound als Begleitung zu ernst vorgetragenem Gesang. Oder schreckliche Lyrics über einer hübschen Melodie.

Was gibt es Neues in Sachen Kollaboration?
Mein Lieblingsprojekt im Moment ist “Section Amour” – ein zehnköpfiges Improvisationskollektiv: Wir benutzen einen speziellen, computergesteuerten Dirigenten.

Du kommst ja aus der Nähe von Marseille. Was vermisst du denn am meisten in deiner Wahlheimat Paris?
Meine Familie, die Landschaft und das Wetter. Aber sobald ich da unten bin, vermisse ich sofort meine Freunde, die Museen und die Kinos!

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Elektronische Lebensaspekte.