Auf seinem neuen Album „Denial Of Service" zersägt Hans Platzgumer mutig alle Ado-Goldkanten-Hörgewohnheiten, um dann als Jacky Chan verkleidet sein Powerbook auszupacken und, nur mit Bitcrusher bewaffnet, dem Jazzrock seine Seele zurückzugeben. Nichts Ungewöhnliches in Nizza. Was Billy Cobham wohl dazu sagt?
Text: Jan Bruhnke aus De:Bug 55

Rächer des Jazzrock
Hans Platzgumer

Hans Platzgumer gehört zweifellos zu den Jacky Chan Producern in der Szene. Das beweisen nicht nur seine Eastern Connections Projekte wie “Queen of Japan” und “Shinto”, sondern auch seine flinken und vielseitigen Programmiermoves, wenn es darum geht, mal wieder neue Schallwurfscheibchen im Fluge zu verteilen. Nachdem er mit dem letzten Album “Datacard” schon seine musikalischen, digitalisierten Fingerabdrücke hinterlassen hat, serviert er uns nun nicht nur schmackhafte Wokgerichte wie auf seiner eigenen Website, sondern mit “Denial Of Service” auch ein neues Album. Inspirieren lässt er sich diesmal vom Jazzrock der 70er, den er gekonnt mit neuester Computerklangsynthese zu seiner ganz persönlichen Hommage an jene Ära mischt. Ohne Zweifel, Hans Platzgumer zeigt, dass er ein Granular Jimi Hendrix des 3. Jahrtausends ist, der seine Jazzrocksamples unterhalb der Quantisierungshörgrenze zerlegt, um sie dann bei einem psychedelischen Zungensolo auf seinem Titanium Powerbook wieder in seinem ganz persönlichen Trip zusammenzurocken, ohne sich bei den Tracks einen elektrischen Schlag zu holen.

Keine Gnade

Gleich das Cover verrät uns, dass Herr Platzgumer, wie nicht anders zu erwarten, immer noch als “Rebel with a cause” in seinem neuen Ego-Shooter unterwegs ist, und das ist gut so. Im Auftrag des Underground schlägt er dabei so manchen halbstarken, Goldkanten verwöhnten CD-Hörer ohne weiteres mit seinem krispen Bitcrusherbeats die Zähne aus, um die in Vergessenheit geratenen Seelen angestaubter Jazzrocklegenden zu rächen. Doch Duke Nukem Platzgumer ist dabei bei weitem nicht alleine. Denn nachdem wir aus dem etwas düsteren Eröffnungstrack “Coma” erwacht sind, öffnet uns Catriona Shaw, alias “Koneko” aus der “Queen of Japan” Mission, gesanglich die Augen für Hans’ stereophonisches Holodeck. Dabei ist es ihr ein leichtes Spiel, bei der Slackerfunkhymne “Lazy” das Raumzeitkontinum aufzuheben. Und es macht Spaß, in dieser süßen Zeitschleife mal ein paar Minuten lasziv zu verbummeln. Auch Anne LaPlantine versieht Platzgumer in seinem musikalischen Netzwerk mit dem Dialogkabel und lädt uns bei “Stay Onlife” ein zu einem atmosphärisch rhythmischen Vokalpingpong, das Filmmusikniveau besitzt. Überhaupt hat man bei “Denial of Service” das Gefühl, dass Elektronik Kopfgeldjäger Platzgumer einen auf eine cinematografische Reise mitnimmt, die mit den Tracks wie “The Gambler” und “Soulfile 01” seine Höhepunkte finden, die auch so manch Blacksploitation Film mit genügend aufwühlender Dramatik versorgt hätten. Um so schöner ist es dann, dass uns auf der digitalen Auslaufrille der CD als Schmankerl ein Videoclip von Georg Gaigl erwartet. Musikalisch waren auch noch mit von der Partie Albert Pöschl, Nachtstrom und LAHB.

DEBUG: Auf deinem neuen Album geht es um Jazzrock. Welche Künstler haben dich beeinflusst und was ist für dich das Faszinierende speziell an dieser Musik?
Hans Platzgumer: Ich spielte schon als Teenager in Jazzrockbands. Ich war und bin beeindruckt von der Rhythmik, vom Groove und auch der Produktion verschiedener Alben von z.B. Stanley Clarke oder Billy Cobham. Da es für mich momentan keine erkennbare, wirklich aufregende neue Welle in elektronischer Musik gibt, nahm ich mir die Freiheit zurückzublicken und Inspiration in der Vergangenheit zu suchen.

DEBUG: Mit dem Künstler Georg Gaigl hast du jemanden gefunden, der deine musikalischen Visionen auf die Covergestaltung als auch multimedial auf den Videobereich überträgt. Wie wichtig ist dir der visuelle Aspekt deiner Musik?
Hans Platzgumer: Meine Musik ist ja wirklich sehr cinematografisch. Ich produziere viele Soundtracks oder Hörspiele und versuche auch in eigenen Produktionen Bilder und Gefühle zu erzeugen. Emotion = Motion. Weiter interessiert mich immer eine Verbindung und Zusammenarbeit mit anderen Kunstrichtungen.

DEBUG: Zum Track “Stanned” auf deiner neuesten CD hat Georg Gaigl auch ein konzeptuelles Video produziert?
Hans Platzgumer: Georgs künstlerisches Konzept dreht sich darum, einen 24 Stunden Film zu erstellen. Aber nicht wie bei Warhol, um einen ungeschnittenen Film in Echtzeit zu erhalten, sondern um Aussagen des Unbewussten zu transformieren. Dabei macht er über einen größeren Zeitraum jeden Tag 100 Fotos von der Bildschirmrealität des Fernsehens und animiert sie neu zu einem Film der Zwischenwelt. Das Video zeigt uns einen Teil davon.

DEBUG: Du wohnst jetzt in Nizza. Gab es einen Grund für diesen Wechsel? Und wie würdest du die elektronische Undergroundmusikszene in Frankreich beschreiben?
Hans Platzgumer: Ich wohne halb in Nizza und überwiegend in Österreich, habe aber in Frankreich nur sehr wenig mit der Elektronikszene zu tun, von David Caretta und etwas Marseille HipHop abgesehen. Ich bin aber sehr interessiert an dem arabischen und afrikanischen Einfluss hier.

DEBUG: Das neue “Cube & Sphere” Album in Zusammenarbeit mit Gerhard Potuznik steht ja in den Startlöchern. Wie können wir uns das vorstellen und welche neuen Projekte werden uns noch erwarten?
Hans Platzgumer: Es wird alles sehr R’n‘B beeinflusst. Zwar teilweise roughe Breakbeats, aber immer mit großartigen Vokals von Catriona Shaw und dadurch fast auch massenkompatibel. Auch viele Balladen!

DEBUG: Mit Catriona Shaw hast du ja schon öfters zusammengearbeitet und stehst auch bei “Queen of Japan” mit ihr auf der Bühne, aber wie kam eigentlich der Kontakt zu Anne LaPlatine zustande, die ja bis jetzt eher auf kleinen Labels veröffentlicht hat?
Hans Platzgumer: Übers Internet. Ich habe einen Remix für sie gemacht und wir begannen uns MP3s hin und her zuschicken, woraus mehrere Tracks entstanden sind. Ich kannte sie damals noch gar nicht persönlich. Es war also eine rein virtuelle Band.

DEBUG: Sind neue Alben für QUEEN OF JAPAN und SHINTO geplant?
Hans Platzgumer: Ja. Neue Alben sind gerade in Aufnahme und werden nächstes Jahr erscheinen. SHINTO mehr für den japanischen Markt, QOJ eventuell über einen Major. So viel sei verraten: Es sind HITS dabei!

DEBUG: Was verkörpert heutzutage deiner Meinung nach mehr Freiheit: Powerbook oder Harley?
Hans Platzgumer: Powerbook!

DEBUG: Entscheidest du dich für Lederjacke oder Glanzblouson?
Hans Platzgumer: Beides!

DEBUG: Ein heißes Rezept aus deiner ESC-Plattenküche.
(Anm .d.R.: Herr Platzgumer vertreibt ein Onlinekochbuch auf seiner eigenen Website)
Hans Platzgumer: Alle gut, alle getestet!

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Elektronische Lebensaspekte.