"High Tech Soul" ist nicht die erste Dokumentation über die Gründerväter des Detroit-Techno, wohl aber die persönlichste. In rund 90 Minuten zieht konzentrierte Musikgeschichte über den Bildschirm, gespickt mit Anekdoten und einer erstaunlichen Ehrlichkeit, die auch vor den persönlichen Differenzen unter den DJs und Produzenten nicht Halt macht.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 106

Doku

Shit flys
Gary Bredow dokumentiert Techno in Detroit

Debug: Du hast vier Jahre an “High Tech Soul” gearbeitet. Hattest du am Ende, als du vom Schneidetisch aufgestanden bist, etwas gelernt?

Gary Bredow: Ja, dass man tatsächlich alles schaffen kann, was man sich vornimmt.

Debug: Das klingt so, als ob dir die Detroiter nicht wirklich bei dem Projekt helfen wollten …

Bredow: Sagen wir mal so: Es gab diverse Probleme. Zunächst musste ich sie von meinem Projekt überzeugen. Ich kannte niemanden von ihnen vor dem Film. Ich war immer der Junge, der auf die Parties gegangen ist, das war alles. Außerdem war es sehr schwierig, sie alle vor die Kamera zu bekommen. Juan wohnt in L.A., generell sind alle ständig unterwegs, haben wenig Zeit … andere sind extrem scheu. Versuch mal, Electrifyin’ Mojo zu einem Interview zu überreden … Außerdem wollte ich die DJs und Produzenten auch bei der “Arbeit” zeigen, also beim Auflegen. Dafür bot sich immer das DEMF an, was aber nun mal nur einmal im Jahr stattfindet.

Debug: Bei all den logistischen Problemen ist es dir aber gelungen, das mit Abstand persönlichste Portrait der alten Garde aus Detroit abzuliefern.

Bredow: Vielen Dank. Auch das ist ein Grund, warum der Film so viel Zeit verschlungen hat. Wir mussten erst miteinander warm werden. Ich habe mir etxrem viel Zeit genommen bei den Interviews, nicht einfach die Lampen aufgebaut und gefilmt. Wir haben immer erst mindestens eine Stunde lang gemeinsam rumgehangen, was getrunken … und irgendwann habe ich einfach die Kamera angemacht und meine erste Frage gestellt. Das hat bei allen Beteiligten gut funktioniert. Die Recherche und die Shootings fanden sozusagen gleichzeitig statt. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum sie so offenherzig erzählen und so emotional auf meine Fragen und Geschichten reagieren.

Debug: Das ist für mich der erfrischenste Aspekt des Films. High Tech Soul lebt auch vom Gossip, von den Seitenhieben, von der Tatsache, dass eigentlich alle in Nebensätzen immer wieder frei von der Leber übereinander herziehen und sehr offen Anekdoten erzählen, die man so noch nicht gehört hatte. Haben sie sich hinterher bei dir beschwert?

Bredow: Nein, im Gegenteil. Alle fanden den Film toll. Ich glaube, über solchen Geschichten stehen alle mittlerweile drüber. Mit Derrick May verbindet mich mittlerweile eine tolle Freundschaft. Es gibt ja nicht viele Dokumentationen über Detroit Techno …

Debug: Naja …

Bredow: Ok, anders: Ich habe erst im Laufe meiner Arbeit gemerkt, dass in Europa da schon einiges gemacht wurde. Das war mir aber nicht wirklich bewusst. Diese Dokus fand ich dann, als ich sie gesehen habe, doch alle sehr streng: Detroit – Ghetto – Autos – Roboter – Riots – Wasteland – Techno. Natürlich sind diese Aspekte sehr wichtig, aber ich wollte sie von Anfang an anders darstellen, viel O-Ton-basierter, wollte zeigen, dass eine Stadt aus der so wunderbare und einflussreiche Musik kam und kommt, und das ist auch mein persönlicher Eindruck – nicht so furchtbar sein kann, wie sie immer dargestellt wird. Ich wollte ein Bild der Stadt und der Menschen zeigen, das mit dem Klischees Schluss macht. Dabei sehr geholfen hat Professor Jerry Herron von der Wayne Universität. Er zerreißt im Film mit großer Souveränität das gängige Geschichtsbild der Stadt.

Debug: Wenn wir schon bei der Stadt sind und den Klischees der Musik … Bis auf wenige Ausnahmen haben die Jungs der alten Garde eben vor 20 Jahren Musikgeschichte geschrieben. Warum hast du kaum jüngeren Produzenten mit in den Film genommen, um das Bild der Stadt zu vervollständigen und auf den neusten Stand zu bringen?

Bredow: Das wäre ein völlig anderer Film geworden! Ich wollte mich ganz bewusst auf die Originators beschränken und darauf, wie sie heute leben, wie sie die Dinge aus heutiger Sicht erinnern. Es ist ja nicht so, dass heute alle von der Bildfläche verschwunden sind, im Gegenteil. Diese Kritik haben schon viele Leute geäußert. Warum Richie Hawtin, warum Sam Valenti von Ghostly und nicht X oder Y? Das war meine Entscheidung. Ich hatte nach den vier Jahren sowieso viel zu viel Material, konnte einige Protagonisten gar nicht zu Wort kommen lassen. Bei Hawtin war es dann aber auch so, das gebe ich gerne zu, dass ich zwei Jahre hinter ihm hergelaufen bin, um ihn zu interviewen. Er musste dann also in den Film, das war ich mir schuldig. Es wäre wohl einfacher gewesen, ihn in Berlin zu besuchen.

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Elektronische Lebensaspekte.