Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 27

Märklin und du Plone: Wo ist sie hin, die Magie? Plone haben ein Problem. Nach einer 7″ (auf Wurlitzer Jukebox) und einer Maxi (auf Warp) gelten sie in England als die frischgebackenen Helden des “LegoBeats & FisherPrice Melodies” Genres, sind “die Süssen”, die alte Kinderlieder und Fernsehserienopener auf klapprigen Analogsynthesizern zu neuem Leben erwecken und mit viel Blupps, Knuff und Schluff die Enkel von Jean-Jaques Perrey werden, ob sie wollen oder nicht. Und genau hier beginnt das Problem, denn: eigentlich wollen die drei Birminghamer Billy, Mike und Mark das gar nicht, zumindest haben sie es nicht geplant. Auch wenn man sonst mit der englischen Presse auf Kriegsfuss steht und deren Hypefixiertheit schon längst nicht mehr erträgt, im Falle von Plone hätte ich den der Band zugeschriebenen Attributen voll und ganz zugestimmt. Die E.P. auf Warp und ihr Track auf der Warp-Geburtstagscompilation waren einfach zu knuddelig und verspielt, als dass man Plone eine grosse Ernsthaftigkeit hätte unterstellen können. Virtuelle Lokomotivführer, die mit ihrem Modellbahnzug durch knallbunte Landschaften fahren, unterwegs oft anhalten, um sich mal eben auf einen Kirschbaum zu setzen, ein paar tiefrote Knupperkugeln essen und vor allem Beine und Seele baumeln lassen. Aus dem mitgebrachten Kofferradio rumpeln schiefe Humpelbeats und fiepsige Sinusmelodien. Zum ersten Mal seit langem gehe ich mit der englischen Presse konform. Dann trudelte das Album auf den Schreibtisch, und aus dem Märklinkollektiv aus der Augsburger Puppenkiste – die ja in England sowieso keiner kennt, da sind die Handpuppen in den Kinderserien immer nur als Weltraumkadetten durch Zeit und Raum gedüst und haben die Welt gerettet, was mich eigentlich sehr wundert, denn wo sonst in der Welt sind alle so verrückt nach Eisenbahnen als im Vereinigten Königreich, was ja auch kein Wunder ist, denn sie haben da einfach die niedlichsten Nebenstrecken mit den absonderlichsten Schienenbussen – mit dem Album also mutieren die Lokführer plötzlich zu sonnenbebrillten Typen, die gar nicht immer gute Laune haben. Sie sitzen eher reichlich verkatert in 70er Jahre-Popelinanzügen in Cafés an südlichen Strandpromenaden , trinken Pastis und nicken ab und zu bedenklich mit dem Kopf. Endlich dürfen Plone so sein, wie sie wollen. From Birmingham With Love Das heisst zunächst mal: müde. Und weil es einfach noch zu früh ist für den Pastis, gähnen Billy und ich am Telefon erstmal ein Weilchen synchron, während die anderen beiden noch gar nicht aufgestanden sind. Plone haben eine Menge Dinge genau umgekehrt gemacht und liegen damit so verdammt richtig, dass es schon verwunderlich und an der Zeit ist, Musikerkarrieren völlig neu zu planen. “Wir haben so Mitte der 90er angefangen, damals war unsere Musik aber noch sehr trackorientiert und hatte noch nicht diesen Songcharakter”, erzählt Billy. “Wahrscheinlich lag das an diesem technomässigen Equipment, was zu dieser Zeit in Birmingham einfach alle benutzt haben. Damit konnte man vor allem gute Tracks machen, weniger richtige Songs. 1996 dann nannten wir uns Plone und begannen bei unseren Gigs in Clubs auch die ersten Songs zu spielen. War ein komisches Gefühl, denn die Leute wollten ja tanzen, und wir waren uns nicht sicher, ob wir den Leuten diese Songs überhaupt vorspielen wollten. Die Musik war uns eigentlich zu persönlich und emotional. Spielt man Songs, verschenkt man ein Stück seiner Persönlichkeit. Zum Glück mochten es die Clubgänger. Also haben wir uns auf unsere Einflüsse besonnen und versucht, unsere Liebe für Soundtracks, 80er Jahre Pop und Instrumentalmusik irgendwie zu verbinden.” Der umgekehrte Weg eben. Wenn einem ein DJ heute in betrunkenem Zustand verrät, dass er früher mal in einer Punkband gespielt hat, ihm dass dann aber zu wenig Flow hatte und er jetzt froh ist, nur noch Platten mixen zu müssen, niesen Plone solchen Leuten ins Gesicht: Zurück zum Song, zur Emotion, zum Pop. Nie wurden soviele gute Songs geschrieben wie 1999. Plone haben recht. Ist Birmingham ein guter Platz um Pop zu machen? “Unbedingt. Viele gute Bands, lustige Clubs und eine Menge Leute, die einfach so Musik machen, ohne dabei das Lachen zu vergessen.” Das klingt nach Easy Listening… “Ach ja, das leidige Thema. Es ist mir eigentlich nicht wirklich unangenehm, damit assoziiert zu werden, auch wenn jede Menge Müll unter diesem Label passiert ist. Es ist doch so: Techno ist ausdefiniert, Pop noch lange nicht. Warum also nicht mit elektronischen Mitteln versuchen, den Pop wieder etwas nach vorne zu bringen. Tracks sind kurzlebig, Pop beständiger.” Hmmm, ich hatte Pop immer als klassische Kurzlebigkeit und den Drei-Minuten-Eskapismus par excellence verstanden. “Stimmt schon, aber es gibt eine Menge Menschen, die Pop sehr ernst nehmen. Pop kommt wieder.” Zurück zum Pastis Während Billy so erzählt, bin ich schon wieder an der Strandpromenade und den Popelinanzügen und krame verzweifelt nach dem Titel dieser Fernsehserie, deren Titelmelodie mich fatal an die ruhigeren, nicht so fröhlichen Tracks erinnert. “Es gibt da diese Serie mit Roger Moore und Tony Curtis…” “The Persuaders?” Genau, danke, Billy. “Genau an diese Serie erinnern mich die Tracks, irgendwie uplifting, aber doch ein bisschen mysteriös, es scheint immer die Sonne, aber die Menschen haben nicht wirklich gute Laune…” “John Barry, der die Musik für diese Serie geschrieben hat, ist ein enorm grosser Einfluss für uns. Die Sache ist doch die: wir haben uns nicht hingesetzt und gesagt, dass wir jetzt die Melodien von Fernsehserien nachspielen. Das passiert eher im Unterbewusstsein. Das muss die Presse auch langsam mal begreifen. Zu Plone gehört mehr als diese Kindermelodien. Wir sind zwar nicht wirklich erwachsen geworden, aber unsere Kindheit leben wir dann doch nur in der Musik aus, sonst nicht. Deshalb auch unsere Vorliebe für analoge Sounds. Früher war die Technologie irgendwie sympathischer. Mit den Macs und DOS-Rechnern ist eine Menge Magie verlorengegangen, bei den Synthesizern ist es genauso. In den 80ern klangen digitale Klangerzeuger fürchterlich cheesy, und in den 90ern wird wieder versucht, das analoge Flair zu emulieren. Ich nenne das Sinnkrise. Wir benutzen zwar auch Sampler, aber eigentlich nur zur Weiterverarbeitung. Elektronik bedeutet für mich: Computerspiele…alte Computerspiele…simple Dinge.” Aber noch mal zum Pastis: Was würden Plone machen, wenn Roger Moore plötzlich mit seinem Sportwagen an den Jungs vorbeifahren würde, lässt man den Anisschnaps dann stehen, um ihm zu folgen? “Na klar!” Und springen Billy, Mike und Mark dann in ihre eigenen Sportwagen oder warten sie auf den Bus? “Wir warten auf den Bus. Wir mögen keine Sportwagen, nur in Miniaturform. Und in Birmingham fahren wir ständig Bus. Wir mögen diese schlechtgelaunten Fahrer.” Ich dachte mir sowas.

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Elektronische Lebensaspekte.