Text: vicky tiegelkamp aus De:Bug 11

ÜBERSCHRIFT Fehlt noch – fällt Dir was ein? von Vicky Tiegelkamp / Fotos: Thorsten Oelken vicky@berlin.snafu.de INTRO Der Designer Eddie Pak im Gespräch mit David Linderman (Fork Design) und Vicky Tiegelkamp (de:Bug) über die New Yorker Agentur Plumbdesign, ihr außergewöhnliches Webprojekt “Visual Thesaurus” und Eddies Website “Suction”. Flash. David steht vor einer Wand, die Kamera auf ein Schild gerichtet. Eddie schaut mich an und sagt: “Designer”. Wir gehen weiter, Eddie hält den Arm hoch. Flash. Schnell die Tankstelle im vorübergehen geknipst. Webdesigner auf der Jagd, ihre Realität einzufangen. Wir – Eddie, David und ich – sind in New York auf dem Weg in ein Café im East Village. Endlich finden wir eins, wo der Geräuschpegel akzeptabel ist. In New York haben die Menschen kleine Wohnungen und die Restaurants und Cafés sind meist voll. Eddie erzählt, daß das Büro von Plumbdesign nur ein Fenster hat. Ein Büro mit mehreren Fenstern kostet zu viel. Aber das wird sich bald ändern. Mit ihrem Projekt “Visual Thesaurus” haben sie im Netz Aufmerksamkeit erregt. Nicolas Negroponte und John Gage, Sun, stellten diese Arbeit auf der Seybold in ihrer Eingangsrede als vorbildliches Beispiel für visionäres Interface Design vor. Der 24jährige Edward Pak arbeitet seit Sommer ’97 als Design Director bei der Webagentur Plumbdesign. Ehemalige Mitarbeiter der Agentur Razorfish wollten mediengerechter arbeiten, deshalb gründeten Mary Azzarto (CEO), Mark Tinkler (Creative Director) und Michael Freedman (Executive Producer) im Mai ’97 ihre Agentur Plumbdesign. Mark fragte Eddie, der gerade sein Architekturstudium beendet hatte, ob er nicht für ihre neue Firma arbeiten wollte. Die ersten Monate saßen die vier Schulter an Schulter in Marks kleinem Apartment. Seit zwei Monaten haben sie ein Büro auf dem Broadway, New Yorks Sillicon Alley. Ihr Projekt “Visual Thesaurus” ist eine wunderbar fließende, visuelle Darstellung vom Entdecken von Sinnverwandschaften in der Englischen Sprache. Gibt man bsw. ein Wort ein, nähern sich von allen Seiten sinnverwandte Wörter auf das gesuchte zu. Klickt man eines dieser neuen, vom Thesaurus vorgeschlagenen Wörter, sucht es die dazu passenden Wortverwandschaften. Die Software und das Design, die das ganze so animiert, als würde die Worte in Wasser schwimmen, wurde von Plumbdesign entwickelt. Nebenher hat Eddie eine eigene Domain: Suction.com – eine Art visuelles Tagebuch. Oft sind es nur einzelne Grafiken, die er hier zeigt, Fotos mit Typographie- und Animationselementen vermischt. Mit seinem Freund, dem Webdesigner David Yu aka DHKY, liegt er im ständigen, freundlichen Wettstreit. David Yu hat auf seiner Site eine eigene Rubrik namens “DHKY vs. Suction”. ZWISCHENÜBERSCHRIFT ”DHKY vs. Suction” de:Bug: Woher kennst du David Yu? Eddie: David Yu und ich haben uns getroffen, nachdem wir uns unsere Sites DHKY und Suction.com angeschaut hatten. Wir waren neugierig, wie der andere wohl sein würde. Und dann schrieb er: “Ich bin Designer und lebe in New York”. Es stellte sich heraus, daß er direkt um die Ecke arbeitete! Also trafen wir uns und redeten. Weniger über neue Medien, mehr über unser Leben. Es war interessant, das Gesicht hinter der Website kennenzulernen. Du surfst herum und entdeckst dort so viele zweite Gesichter. Es ist aufregend, wenn man sich dann wirklich sieht. Man fragt sich, warum macht der das, Samstags abends Webseiten basteln anstatt Fernzusehen oder Leute zu treffen? Es gibt so viele da draußen. Es geht um Spaß, sich kreativ auszudrücken und zu experimentieren. de:Bug: Aber gerade hier in New York gibt es ja eine Menge solch kleiner Projekte. Superbad zum Beispiel. de:Bug: Ich würde es nicht unbedingt Projekt nennen. Suction ist mehr wie ein Tagebuch. Wenn David aus Hamburg mich besucht, mache ich Fotos von ihm und er ist auf meiner Site. Es ist wie ein Skizzenbuch. Kleine unsinnige Ideen in meinem Kopf. Oft habe ich nicht genug, um ein ganzes Projekt daraus zu machen. Aber ich kann eine Illustration machen und sie auf meinem Server laden. Was soll ich sonst mit zwei guten Fotos von David machen? Soll ich sie deswegen wegwerfen? Ein Buch drucken…? (lacht) de:Bug: Machen die anderen das auch aus diesen Gründen? Eddie: Viele ja. Für mich oder David Yu ist es Spaß und es ist sehr persönlich. Bei Plumbdesign darüber zu reden, ist manchmal komisch, weil es so persönlich ist. Wenn ich Zuhause Besuch habe und alte Socken rumliegen – ist mir das peinlich. Wenn ich aber nicht daneben stehe, ist es mir egal. David: Du hast mir erzählt, daß es keinen guten Austausch unter den Designern in New York gibt. Mit David Yu ist das anders, der ist einer von der Possy…. Eddie: Ja. Ich schaue mir Sites an und maile eigentlich ganz selten. Bei “Suture”, der Site von deinem Partner Jeremy, war das allerdings anders. Da dachte ich:” Hey, that’s fucking awesome!” Und so hab ich das wohl auch bei DHKY gemacht. Du kannst nicht an jeden schreiben, der eine gute Site macht. Aber die, zu denen Du zurückkehrst, die was Neues machen – mit denen will ich reden. ZWISCHENÜBERSCHRIFT ”Manchmal will ich etwas in einer Stunde designen – und dann werden daraus 30″ David: Trennst Du Suction von Deiner Arbeit bei Plumb? Eddie: Ja total! Ich wollte eine Trennung. Das ist meine Welt, da kann ich machen, was ich will. Nicht, daß ich nicht kritikfähig bin. Aber Suction gehört mir. Es ist eine Art zweites Zuhause. David: Woher bekommst Du deine Inspiration? Unterscheidest Du, ob du für Plumb oder Suction arbeitest? Eddie: Meine Ästhetik ist dieselbe. Aber es gibt Ideen, die sich für das eine oder andere nicht eigenen. Manchmal habe ich verrückte Ideen – und probiere dann auch echt häßliches Zeug aus! Das geht nicht bei Plumb. Es wäre aber zu einfach zu sagen: da experimentiere ich und das andere ist Arbeit. Ich experimentiere auch bei der Arbeit. Wenn ich diese Nische nicht hätte, wäre mir meine Arbeit zu langweilig. Je mehr ich für mich mache, desto mehr begeistert mich Design. Ich hatte diese Diskussion gerade mit David Yu. Wir leben in einer Stadt mit unzähligen Designern. Es gibt während meiner Arbeit keinen Dialog mit anderen Designern. Vielleicht treibt uns das dann abends an, aggressiver mit dem Thema umzugehen, mehr zu lernen. Es ist meine Obsession! Manchmal will ich etwas in einer Stunde designen – und dann werden daraus 30. Aber das ist egal. Die anderen 29 zählen nicht. Design ist so subjektiv. Es ist schwer zu sagen, was gut oder schlecht ist oder sogar wann es fertig ist. de:Bug: Glaubst Du, daß die Szene hier visionärer als die in San Francisco ist? Eddie: Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, wie es dort ist. Aber ich glaube, der Grund, warum New York so energetisch ist, kommt daher, daß die Stadt immer Verlagshauptstadt war. Die Westküste ist mehr an Softwareentwicklung interessiert – wir hier mehr am Inhalt oder Design. Dort wurden die Tools entwickelt, hier entstanden viele Werbe- und Designagenturen. de:Bug: Das ist ja das, was man allgemein hin so sagt. Was ich meine, ist diese neue, junge Designszene hier. Da liegen die Wurzeln doch eher in der Popkultur. Eddie: Oh ja, klar. Die Stadt ist ein Katalysator. Man kauft eine digitale Kamera. Was macht man dann mit den Bildern? Es ist eine Art, die Dinge zu filtern, die ich sehe. Und es eine Form des Austauschs. Wie zum Beispiel Superbad. Ich kenne ihn nicht. Aber seine Site ist cool. Und vielleicht schaut er sich meine an. Man heizt sich gegenseitig an. Jemand anderes hat was Neues gemacht, da muß ich auch was machen! Es ist wie ein Spiel. Es geht nicht um gewinnen oder verlieren…. David: Wie beim Breakdancing oder Scating… Eddie: Ja, genau! Eine gute Show, keiner gewinnt. Aber man feuert sich gegenseitig an. Wenn ich mich mit David Yu treffe, denke ich manchmal:” Das ist eine super Idee! Da hätte ich drauf kommen müssen…” Viele Dinge, die wir beide tun, überlappen sich. Häufig bekommen wir Mails, in denen Leute schreiben: “Warum magst Du DHKY/Suction nicht?” Die Leute beobachten unseren Dialog aufmerksam. Mich erstaunt es, daß sie das tun, ohne uns zu kennen. Das macht Spaß! Außerdem ist es eine Entschuldigung dafür, völlig komische Sachen zu machen, die ich sonst nicht tun würde. In einen Stadtteil zu fahren, wo ich sonst nie hinkäme – nur um Photos zu machen. Da treibt es mich auch schon mal Samstags Morgens um 8:00 Uhr aus dem Bett. Es gibt einfach Dinge in meinem Leben, die ich ganz alleine machen will. Ob das nun Webdesign ist oder Kochen. Vielleicht sollte ich echt kochen…. Nein im Ernst! Leute brauchen Hobbys. Gerade wenn Du kreativ arbeitest. Es gibt da zum Beispiel dieses Indische Restaurant im East Village. Drinnen ist das Licht rot. Nach einer Weile, ohne daß man es merkt, hat sich das Auge daran gewöhnt. Alles sieht ganz normal aus. Aber wenn Du dann rausgehst ist alles blau! Man will nicht in seiner Arbeitswelt eingeschlossen sein, dann weiß man einfach nicht mehr, was draußen passiert. Ob es anderes Design ist, Kung Fu oder Breakdance – mach was anderes! David: Dein Stil erinnert mich oft an Äther, Nebel oder Gas. Häufig benutzt Du Hintergründe, die an Flammen erinnern – rote Blurs, Lava ähnlich. Eddie: Wir wollten bei Plumb etwas Fließendes machen, ohne Struktur. Die Struktur liegt darüber. Deswegen sind unsere Hintergründe weich und im Vordergrund liegen Raster oder härtere Elemente. ZWISCHENÜBERSCHRIFT ”Yo, du kommst nicht so nah an den Typen ran!” de:Bug: Bei eurer Arbeit “Visual Thesaurus” ist das ausgezeichnet gelungen. Die Wörter scheinen sich wie in Wasser zu bewegen. Alles ist ruhig, wie selbstverständlich. Es sieht aber nicht nur schön aus, es ist auch informativ. Man kann Worte eingeben und es als Tool nutzen. Eddie: Unser Programmierer Mark hatte die Idee, eine Animation mit Daten aus einer Datenbank nicht wissenschaftlich, sondern als unterhaltsame Erfahrung darzustellen. Die verschiedenen Objekte, in dem Fall die Wörter, haben verschiedene Charaktereigenschaften zugeteilt bekommen: ” Yo, du kommst nicht so nah an den Typen ran! Und du bewegt dich so und du so.” Es ist mehr wie eine Animations-Choreographie. Die Technik, die dahinterliegt heißt “Thinkmap”. Dieses Programm benutzt etwas, daß wir bei Plumb “Info-Bewegung” nennen. Es ist ein bestimmter Bewegungscharakter. Würde man “Thinkmap” für etwas anderes verwenden, kann man leicht andere Animationsbewegungen vorgeben, zum Beispiel auch mehr roboterhafte. Es kann an Datenbanken angebunden werden und ist sehr flexibel. Es gibt keinen Inhalt. Der Inhalt ist die Navigation. David: Gab es Metaphern für die Bewegung vom Thesaurus? Eddie: Ja, wie sich Wasser bewegt oder auch Gas. Wir wollten etwas organisches umsetzten. Etwas das sich fließend bewegt und vordergründig keine Struktur besitzt. Die physikalische Position hat keine Bedeutung, es ist die Beziehung zwischen beiden Punkten, die zählt. Nicht mehr wie Punkt A oder B aussieht. Das, was dazwischen ist, ist cool. Das ist, als gehst du in einen Plattenladen und findest zwar nicht das was du gesucht hast, aber vielleicht etwas viel besseres. Das heißt nicht, daß man den Thesaurus nicht auch als Search Tool benutzen kann. Es ist aber auch unterhaltsam. David: Habt ihr euch schon Gedanken gemacht für andere visuelle Umsetzungen gemacht? Eddie: Bei dem Ausstellungsprojekt für das Smithonian Museum haben wir Thinkmap mit Bildern und Icons verknüpft. David: Siehst Du Dich als Typograph? Oder Illustrator? Eddie: Nein…. Als ich noch zur Schule ging, hab ich diese ganzen Künstler gehaßt. Nicht weil ich dachte, daß die Scheiße machen, aber ich wollte immer strukturiert arbeiten. Für mich ist Design: ein Problem zu lösen. Du machst entweder Kunst oder Design – man kann das nicht mischen. Obwohl es noch was dazwischen gibt. Ich denke oft darüber nach. David: Design heißt für mich nicht Probleme zu lösen. Es ist nur ein Teil. Es geht viel tiefer. Eddie: Designer machen heutzutage auch die Inhalte. Manchmal entstehen Sachen ganz wahllos. Einmal saß ich nachts bis 3:00 Uhr morgens vor dem Rechner, der Fernseher lief. Ich versuchte Wörter im Photoshop zu setzten, war müde und plötzlich schleichen sich Wörter aus dem Fernsehen ein “professional wrestling”, McDonalds-Werbung. Und später fragten die Leute dann: “Wrestling Fried Chicken, was ist das?!” Links zum Thema: http://www.plumbdesign.com/ http://www.plumbdesign.com/thesaurus http://www.Suction.com http://www.dhky.com http://www.suture.com http://www.si.edu/revealingthings/load-index.html Bildunterschrift: Plumbdesign: Mary (CEO), Eddie (Design Director) und Mark (Creative Director). ZITATE: Es gibt während meiner Arbeit keinen Dialog mit anderen Designern, obwohl wir in einer Stadt mit unzählig vielen leben. Es ist egal wie Punkt A oder B aussieht. Das, was dazwischen ist, ist cool!

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Elektronische Lebensaspekte.