Elektronische Revolution in Schweden. In Stockholm sind Pluxus dabei, das musikalische Erbe von Musikern wie Jean-Jacques Perrey vor der Vergessenheit zu bewahren. Handgemachter Elektronikpop ohne digitale Sperenzien. Und wenn es irgendwo brummt, wird ebe
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 39

Mein Freund, Dr. Snuggles
Pluxus

“Basslines sind das Schlimmste”, erzählt Sebastian von den Sorgen einer Band, für die Sequenzer und digitale Helferlein im Studio Fremdkörper sind. Midischnittstellen sucht man bei Pluxus vergeblich. Hier wird noch per Hand gerockt, Synthesizer werden nicht getriggert, sondern gespielt und brav auf Vierspurgeräten aufgezeichnet. Wie in der guten alten Zeit, als Keyboards noch aus Tropenholz waren und sich bei sommerlichem Wetter mal eben eigenmächtig eine halbe Oktave nach oben verstimmten. Und das in Stockholm, einer Stadt, die krampfhaft versucht, die gesamte Innnenstadt zu einem IT-Ghetto zu machen, einer Start-Up Hölle, damit die schwedischen Möbeldesigner auch genug Büros einrichten können. Subkultur findet nicht statt. Und wenn mal eine Bar aufmacht, kommt die städtische Rave-Kommission, macht einen Drogen-Scan und fragt nach der Lizenz zum Tanzen. Die braucht man nämlich, wenn Menschen an der Bar mitwippen, und die ist teuer, denn schließlich müssen Internetfirmen ja subventioniert werden. Hallo Zukunft.
Mittendrin also Pluxus, die mit ihren zwei Alben ‘Fas 2’ und ‘Och Resan Fortsätter Här’ lieber die alten Geräte heisslaufen lassen, als ihre Zeit mit modernem Sounddesign zu vertrödeln und, Bands wie Plone nicht unähnlich, einfach einen knuffigen Kindergartengassenhauer nach dem anderen produzieren. “Plone? Ist das diese Warp Band?”, fragt Sebastian, der lieber Secondhand-Platten kauft, weil ihn die Aufteilung der Platten nach Labels in modernen Läden irritiert, und stolz eine Dschingis Kahn LP präsentiert, die er in Berlin gefunden hat. Kleine, bunte Popperlen, hörbar live eingespielt, mit Ecken und Kanten, Quietsch und Brumm, manchmal leichten Timing-Schwierigkeiten und einer Equipment-Liste, die einen auf eBay zum Millionär machen würde. “In Schweden gibt es eine lange Tradition elektronischer Musik. Und weil es dem Land in den 70er und 80er Jahren wirtschaftlich so gut ging, kauften damals viele Hobbymusiker wahnsinnig teure Synthesizer, aus Spaß an der Freude. Die kann man ihnen heute billig abluchsen. Die Keller sind voll mit wertvollen Instrumenten, nur die Besitzer haben keine Ahnung davon!

Kennen sie Laibach?…

…ist eine Frage, mit der sich die Pluxusianer oft auseinandersetzen müssen. Denn die Tradition elektronischer Musik in Schweden hat auch ihre negativen Seiten. In keinem Land der Erde, von Deutschland vielleicht mal abgesehen, gibt es derartig fanatische Depeche Mode Fans, einen Haufen grauenhafter Hobbybands, die seit zehn Jahren die Songs von Martin Gore und Vince Clarke covern und auf Festivals zusammen mit Bands wie Laibach oder den Neubauten die 80er als die Zukunft feiern. So ist das in Schweden. EBM rules, irgendwie immer noch. Und weil die Bassdrums bei Pluxus nicht fett genug sind, findet sich die Band dann eher in so einem Umfeld wieder als in netten Clubs mit netten Menschen. “Als wir mit der Band 1996 begannen, dachten wir nicht, dass das irgendjemand würde hören wollen. Aber mittlerweile haben wir auf diesen Festivals gespielt. Und diesen Typen, die sich am liebsten Front 242 auf die Stirn tätowieren würden, hat es doch tatsächlich gefallen. Es gibt da also noch Hoffnung (lacht). Und dann heisst es plötzlich, wir würden so futuristische Soundscapes machen, was natürlich Quatsch ist. Die 70er sind vorbei. Elektronische Musik ist so mit das Unfuturistischste, was man sich vorstellen kann. Wir versuchen einfach die Musik zu machen, mit der früher das schwedische Kinderfernsehen instrumentiert wurde. Oder Dr. Snuggles! Als Kind hing ich bei dieser Serie vor dem Fernseher am Lautsprecher, um die Musik zu hören, die mit der schwedischen Synchronisation unverschämt weit nach hinten gemixt worden war. Kein Retro also. Es hat uns einfach nie etwas anderes interessiert.” Und so werden Pluxus weiterhin versuchen, ihre Synthesizer-Sammlung am Leben zu erhalten und darauf hoffen, dass bei Liveauftritten nichts explodiert und kleine Rauchwölkchen aus dem Moog aufsteigen. Alles schon passiert. Aber Geräte aus Tropenholz sind zäh.

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Elektronische Lebensaspekte.