DJ Abstract und die Phunckateck Crew aus San Francisco stellen die Welt für US Drum and Bass auf den Kopf. "Nie wieder Jump Up, denn auch wir haben eine Geschichte". Vom unbekannten Kontinent berichtet Sascha Kösch.
Text: sascha kösch [bleed@de-bug.de] aus De:Bug 34

/drum and bass/ United States of Drum and Bass Pneuma Mittlerweile dürfte es jeder begriffen haben. UK Drum and Bass ist nicht mehr alleine. Und es ist auch nicht ein blosser Verweis auf die tatsächliche Herkunft, wie bei Formation Samplern, die das zeigen. Nicht nur haben die Versuche hierzulande dazu geführt, dass es tatsächlich schon Wochen gab, in denen es mehr deutsche Releases als englische gab, sondern vor allem die Staaten sind zur Zeit mitten im Focus der Aufmerksamkeit. Kaum noch ein UK DJ, der in der letzten Zeit mal da war, kann sich zurückhalten mit Kommentaren wie: “da passiert es”, “es ist unglaublich” usw. Während in England grade die Herrschaft des Bad Company Styles zu Ende geht und sich der Underground rings herum wieder einmal neu formatiert und vermutlich bald schon auf einen neuen Sound einigen wird, ist die Szene mittlerweile endlich, selbst im Bewusstsein des Inner Circles, wie er so schön hiess, nicht mehr nur England, und zum ersten Mal könnte das auch wirklich die gesamte Richtung beeinflussen. San Francisco hat seit Jahren daran gearbeitet, eine der Städte in Amerika zu werden, in die Drum and Bass nicht nur importiert wird. Hier bildet sich eine eigene Szene, lustigerweise initiiert von einer DJane aus Brighton, DJ Shoban, die Anfang der 90er nach San Francisco ausgewandert war und ihre Lieblingstracks auch mitten in der Hippiehousestadt zum funktionieren bringen wollte. Mit Erfolg, wie sich jetzt, da die ersten US Releases hier endlich in den Plattenläden stehen und gespielt werden, zeigt. Denn es haben sich einige Crews in dieser Stadt gebildet, die sich von dem Rest der Welt nicht mehr ihren Exotenbonus vorhalten lassen müssen. Eine davon ist die Phunckateck Crew rings um DJ Abstract und das Pneuma Label. De:Bug: Als Pneuma anfing, war der einzige Bereich von Drum and Bass aus den Staaten, der trotzdem als Hype durchging, die Posse rings um Liquid Sky, also dachte man, US Drum and Bass, das ist alles Jump Up. Was habt ihr gemacht, um einen Ruf zu bekommen, der jetzt dazu geführt hat, dass sogar UK Producer in Amerika eine der wichtigsten Szenen sehen? Abstract: Es war hier nie auf Liquid Sky fokussiert. Es gab in jedem Teil der Staaten eine Reihe von Underground Produzenten, die versucht haben hochzukommen und sich Stück für Stück auch einen Namen gemacht haben. Seit 1993 haben einige versucht, in England bekannt zu werden, aber ich glaube, was wirklich wichtig für die Produktionen aus Amerika war, war vor allem, dass die Drum and Bass Szene als ganzes gewachsen ist. Es gibt jetzt so etwas wie eine funktionierende Infrastruktur, die nicht mehr nach draussen schauen muss, um zu funktionieren. De:Bug: Was waren deine Motive, ein Label zu beginnen? Wie war die Situation damals? Abstract: Ein eigenes Label, das war immer schon ein Traum von mir. Zuerst aber war es wichtig, dass ich mich selber als Producer auch trauen konnte, und dass ich das Studio richtig verstehe. Wir hatten Beziehungen zu einigen Labeln in England, aber da unsere Produktionen immer anders waren, kam es nie zu Releases. Wir waren von Beginn an in die San Francisco Szene involviert und haben viel dazu beigetragen, dass aus ihr etwas geworden ist. Es war also klar, dass wir den Sound dieser Stadt dann auch in unseren Tracks widerspiegeln. Wir kannten die Crowd, die Soundsystems und wussten, welche Tracks wir gerne spielen. Als wir angefangen haben, selber zu produzieren, war das zu einer Zeit, als viele der D&B Releases uns nicht mehr viel sagten. Alles war so stark formalisiert. Wenn mal ein Track kam, dann haben wir ihn endlos gespielt. Normalerweise waren das dann Stücke mit Oldschool Energie, verbunden mit neuen Sounds und einer progressiven Attitude. Die Engländer haben das damals nicht wirklich verstanden, also brachten wir alles auf US Labels raus wie Rawkus oder Green. Irgendwann hatte ich dann soviele Tracks, dass ich mir dachte: Scheiss drauf. Ich mach es jetzt selbst. Zuerst war die Szene in San Francisco wirklich enttäuschend. Es is so eine House Stadt. Jeder liebte hier Mid- bis Downtempo Musik, zu der sie alle ganz toll rumgrooven konnten. Ich bin beim Ausgehen immer fast eingeschlafen. Als wir also 1994 mit unserem Krach anfingen, den gebrochenen Amenbeats von damals und den ‘Artcore Raggasamples, da war der grösste Teil der Danceszene hier richtig schockiert. “Das ist zu schnell, dazu kann man doch nicht tanzen, Jungle hat keine Seele usw.” Fresst Scheisse, dachten wir und machten weiter. Eine der wichtigsten Leute hier war damals DJ Shobhan, sie war die erste, die eine Drum and Bass Nacht, die damals ganz angemessen “The Jungle” hiess, veranstaltet hat. Wir schulden ihr alle viel. Damals fing alles mit ihr und Juju an, der immer noch auflegt, und Ocean, den es nicht mehr gibt. Ed, aka UFO, kam schnell zu ihnen, dann auch Noel, und die Party wechselte in einen Club, der “The Top” hiess, in Lower Haight. Da ging es erst richtig los. Die Crowd war zwar immer noch klein, aber sehr sehr enthusiastisch. The Top ist immer noch die geistige Heimat der gesamten Bay Area Drum and Bass Szene. Dann kamen Flux und ich dazu und hatten eine wöchentliche Nacht, die “Energi” hiess. 1996 gab es die ersten Warehouse Parties. Damals konnte man zum ersten Mal von einer ‘Szene’ sprechen. Von da ab explodierte alles. 1997 starteten Phunckateck, Eklektik, Audio Impact, Density, alles Parties, die es in der einen oder anderen Form auch jetzt noch gibt. Es gibt hier keine Nacht mehr, in der man nicht irgendwo Drum and Bass hören kann. De:Bug: War es wichtig, öfter UK DJs zu holen? Oder sind die Locals in einer Position, in der sie es auch alleine schaffen können? Abstract: Wir, und alle anderen auch, haben so oft wir konnten UK DJs gebookt, und die ersten Auftritte von Goldie, Rap und Bukem waren für die Szene irgendwie schon richtig wichtige Schritte, aber ich glaube, die Local DJs, die Promoter und Fans haben viel mehr getan. Die Crowd hier ist extrem loyal, und wenn ein Local DJ einen Gast aus England wegbläst, dann haben sie keine Angst, das auch zu zeigen. De:Bug: Die letzte One Man Army 10″ erinnerte hier viele Leute an Dom and Roland, diese kompromisslose Art, mit Old School umzugehenÉ Abstract: Dom war schon ein Einfluss. Das kann man gar nicht bestreiten. Aber der Bass Sound auf “Circuit Breaker” ist kein Dom Sample, wie schon einige gedacht haben. Ich denke eher, dass es ein Sound ist, wie Dom ihn auch machen könnte, und dass deshalb eine Art Dom and Roland Track draus geworden ist. Ich liebe diese Verbindung von Old und Newschool, aber ich glaube, wichtiger sind in diesem Feld noch TeeBee, Spriit, Digital É De:Bug: Wie kam die Phunckateck Crew zusammen? Abstract: Wir hatten alle ziemlich verschiedene musikalische Erfahrungen. Sehr diverse Backgrounds, und ich denke, das ist für unsere Musik wichtig. Ich stand auf HipHop und Jazz, Ed war ein Scratch DJ, Laura und Pieter K standen auf Punk, Chris mochte jede Art von experimenteller Musik, Noel war erst Electro-, dann House DJ, Eric (E-Sassin) war in einer LA Rock Band, Juju mochte Dancehall, und was Subcode vorher gemacht hat, weiss keiner so genau. Noel und Ed haben Phunckateck gegründet, dann kam ein Typ namens Tosan, DJ Spell dazu, der extrem talentiert war, aber leider nicht mehr dabei ist. Dann ich, Jason Mouse, Juju, Sage, Echo, E-Sassin, Subcod, Pieter K, in dieser Reihenfolge, aber über ein paar Jahre verteilt. Jeder von uns macht eigentlich das gleiche. Alle versuchen Tracks zu produzieren, aufzulegen und an irgendetwas zu erinnern, was man Businesspeople nennen könnte. Wir mögen uns alle sehr und respektieren die Unterschiede. De:Bug: Wie würdest du die Szene in San Francisco jetzt beschreiben? Abstract: Es gibt nicht mehr soetwas wie einen einzigen Vibe in San Francisco, obwohl der härtere, darkere Aspekt sicher überwiegt. Ich würde sagen, dass die futuristische Seite, die kantigere das ist, was man meist hört, aber auch mellow Styles haben eine Crowd und experimentellere Sachen auch. Das einzige, was es so gut wie gar nicht mehr gibt, ist Jump Up. Die Crowd ist recht intelligent und erwachsen, hat definitiv nichts mit dem üblichen Fleischmarkt zu tun und mag progressive Styles. Bei unserem Style müssen sie schon wirklich komplett auf die Musik stehen, und es ist auch deshalb immer mehr als “nur eine Party”. Es sind immer auch Events, auf denen man etwas lernt. Irgendwie. Es gab aber immer auch freakige Dinge. Einmal hat sich jemand selbst angezündet, einmal kam ein Penner rein und machte Liegestütz. Aber meistens war alles weniger bizarr sondern eher lustig.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.