Die iPodder-Software erlaubt automatische Audio-Downloads auf den iPod. Inhalte werden übers Web abonniert, RSS, iTunes & Co. erledigen den Rest. Gadget-Geeks schwärmen bereits von einer Netzradio-Revolution, basteln sich in wenigen Wochen ausufernde Mediennetzwerke und sorgen für eine Renaissance des Push-Prinzips, Indie-Style.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 88

Check the technique
Podcasting: die Revolution im Taschenformat

Technische Revolutionen werden in Kalifornien bekanntlich im Halbstundentakt ausgerufen. Die Netzgemeinde war deshalb skeptisch, als im Herbst plötzlich bekannte Westküsten-Weblogger von Podcasting schwärmten. Netzradio-Sendungen runterladen und auf dem Weg zur Arbeit hören – was sollte daran so toll sein? War das nicht wieder so eine Idee Gadget-verliebter Geeks, die zu viel Zeit im Stau verbringen?
Doch Podcasting ist nur halb so kalifornisch, wie es aussieht. In Wirklichkeit stammt die Idee nämlich aus den Niederlanden. Aus Amsterdam genauer gesagt, wo der ehemalige MTV-Moderator Adam Curry bis vor wenigen Wochen sein Zuhause hatte. Curry ist so etwas wie der geistige Vater der Podcasting-Bewegung. Auf der Bloggercon-Konferenz im April diesen Jahres versuchte er, ein paar Programmierer von seiner Idee eines abonnierbaren Netzradios zu überzeugen. “Damals wusste ich nicht, dass dies fast so ist, als würde man jemand anderen bitten, die eigenen Hausaufgaben zu erledigen“, berichtet Curry heute. Also setzte er sich hin und büffelte Applescript.

Adam Currys täglicher Source Code
Im Juli veröffentlichte Curry eine erste Version seiner iPodder-Software. Das Programm erlaubt das Abonnieren von RSS-Feeds, die in der Weblog-Welt zum Aktualisieren von Newsreadern eingesetzt werden. Über so genannte Enclosures ermöglicht RSS jedoch auch den automatischen Download von Daten. Currys Software schnappt sich diese Enclosures und übergibt sie an iTunes, das wiederum ein Synchronisieren mit dem iPod ermöglicht. Besitzer des MP3-Players können diesen über Nacht mit ihrem Mac verbinden und am nächsten Morgen automatisch alle neu heruntergeladenen Radiosendungen im MP3-Format in die Tasche stecken.
Allerdings war das Programm anfangs nicht eben benutzerfreundlich. “Es war wirklich schlecht, da ich kein Entwickler bin“, so Curry. Doch anstatt sich auf eine monatelange Programmier-Odyssee einzulassen, veröffentlichte Curry einfach den Source Code der Software. Und weil er wusste, dass die Idee nicht ganz so einfach zu verkaufen war, bastelte er gleich auch eine Demo-Sendung zum Ausprobieren, die er Geek-freundlich “Daily Source Code“ taufte. Seitdem sendet Curry darüber nahezu täglich eine amüsante Mischung aus Podcasting-News, Musik und Smalltalk.

Sex-Erziehung und Gadget-News
Richtig ins Rollen kam der Stein jedoch erst, als im Spätsommer professionellere Softwarelösungen für alle Plattformen im Netz auftauchten. Anfang September gab es nur eine Hand voll Podcast-Radiobetreiber. Zwei Monate später gibt es bereits knapp 200 Sendungen. Die meisten werden von Amateuren produziert, die mit billigen Mikrofonen und überschäumendem Enthusiasmus die Welt erklären, ihre Lieblingsmusik verbreiten, sich an Sex-Erziehung für Erwachsene versuchen oder einfach nur Podcasting-News verbreiten.
Auch die Jungs vom kommerziellen Weblog Engadget.com haben Podcasting bereits für sich entdeckt. Ein Bostoner NPR-Radiojournalist namens Tony Kahn hat zudem damit begonnen, seine Sendung als Podcast-Download anzubieten. Für kommerzielle Stationen wäre so etwas heute noch kaum vorstellbar. Schließlich will man seine Werbespots ja zu fest definierbaren Zeiten verkaufen, und die Plattenfirmen würden sicher auch Stress machen. Öffentlich-rechtliches Talkradio kann dagegen prima mit dem neuen Vertriebsweg experimentieren – und seinen Hörern damit Radio für die Hosentasche und zum zeitversetzten Hören anbieten.

Nischenfunk für Anwälte
Podcaster sind sich bereits sicher, mit solchen Angeboten die klassische Radiowelt auf den Kopf stellen zu können. “Hörer sind nicht mehr auf das Programm der großen Stationen beschränkt“, meint zum Beispiel Ernest Miller, der im Netz vor allen Dingen für sein Urheberrechts-Weblog “The Importance of” bekannt ist. Miller hat kürzlich damit begonnen, eine Radioshow gleichen Namens zu erstellen, die natürlich auch per Podcasting angeboten wird. Er ist davon überzeugt, dass Podcaster für eine Renaissance des Nischenfunks sorgen werden. “Anwälte können sich auf dem Weg zur Arbeit eine halbstündige Zusammenfassung eines Rechtsstreits anhören, der gerade entschieden wurde. Radiostationen werden so etwas nie anbieten“, so Miller.
Kritiker mögen einwenden, dass es Radio zum Runterladen natürlich auch schon vorher gab. DJs und Amateurfunker verbreiten seit Jahren Sendungen im MP3-Format, die sich mit ein paar Mausklicks auf den iPod oder jeden anderen Player schubsen lassen. Macht ein schicker MP3-Player das jetzt plötzlich revolutionär? Doch das Interessante am Podcasting ist die Kombination aus Scripting und RSS, die automatische Downloads im Abonnement erlauben. Und klar: Natürlich ginge das auch mit anderen Audioplayern – wenn sie denn so einfach synchronisierbar wären wie der iPod.

Push it!
Auch die Idee des News-Abos ist nicht ganz neu. In den Neunzigern wollten uns Netscape, Microsoft & Co. bereits einreden, dass wir unsere Medien automatisiert auf den Desktop geliefert bekommen sollten. Push hieß damals das Zauberwort der Stunde, und die Idee war so simpel wie gemein: Anstatt den Nutzer in die weiten Welten des Webs zu entlassen, wollte man ihm einfach die wichtigsten Inhalte in Channels zusammenfassen. Internet für Couch Potatoes, sozusagen.
So richtig wollte sich damals zum Glück niemand für diese Idee begeistern. Allerdings lebte die Idee des Abos weiter in der Entwicklung des RSS-Protokolls. Dank des Weblog-Booms ist RSS mittlerweile allgegenwärtig. Langsam macht sich auch die Erkenntnis breit, dass RSS mehr kann als nur das automatische Verbreiten von News-Häppchen. RSS-Feeds können mit ihren Enclosures direkt auf Medieninhalte verweisen, die dann von Readern ausgelesen und runtergeladen werden können.

RSS: Reif fürs Wohnzimmer
Podcasts sind nur eine Anwendungsmöglichkeit dieser Enclosures. Eine andere besteht im Broadcatching. Der Kollege Mario Sixtus hatte das hier ja kürzlich bereits erklärt, deshalb nur eine ganz knappe Erinnerung: Broadcatcher nutzen RSS-Enclosures, um automatisch Videoinhalte mittels Bittorrent-Tauschprogrammen aus dem Netz zu laden. Broadcatching-Sendungen landen bisher in der Regel noch auf der Festplatte des eigenen Computers. Doch wenn der digitale Videorecorder erst einmal übers Heim-Netz erreichbar und über iTunes-ähnliche Software synchronisierbar ist, dann ist RSS endlich auch reif fürs Wohnzimmer.
Technologien wie Podcasting oder Broadcatching geben uns damit einen Ausblick auf eine Medienwelt, in der Programmgestaltung nichts mehr damit zu tun hat, wann uns jemand welche Sendung präsentieren will. Stattdessen werden wir Inhalte über eine ganze Reihe von Geräten abonnieren und dann hören und sehen, wann, wo, wie und vor allen Dingen was wir wollen.

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Elektronische Lebensaspekte.