Dass Kunst und neuste Technologien mitunter ein symbiotisches Verhältnis zueinander unterhalten, findet sich nicht selten in der Arbeitspraxis einiger zeitgenössischer Künstler wieder. Katja Davar fokussiert allerdings auf poetische Weise diese Technologien selbst - vom Satelliten bis zur Gameanimation.
Text: Jutta Vorhooeve aus De:Bug 67

Die gebürtige Britin Katja Davar (* 1968) visualisiert die technischen Kanäle der Pixelwelt. Dabei steigt sie in Zwischenspeicher ein, schaut hinter die glatten Screens und hat ein besonderes Faible für unvollendete Konstruktionen und systembedingte Kommunikationsstörungen. Es ist der Zusammenhang von Bild und Medien und deren Präformierung unserer Wahrnehmung der Welt, die die Künstlerin poststrukturalistisch die Grenzen einer Kultur abklopfen lässt, die auf Kommunikations- und Informationstechniken fundamentiert ist. Die eigene Manipuliertheit immer mit einberechnet, legt sie Wahrnehmung als das frei, was sie ist – als Produkt von Speicherung und Übertragung.

Satellit im Xerox PARC

Im Videobeam “remote host” (2001) fliegt und hüpft ein animierter Fesselballon, der die Testfarben des Fernsehbilds und statt eines Korbs einen Satelliten trägt, durch eine gezeichnete phantastische Landschaft. Eine absurde Szenerie, die mit Techno-Metaphern nur so aufgeladen ist. Der Ballon als historisch betrachtet erster Flugapparat spielt vor allem auf das Logo des Programms “Smalltalk” an, das als erste grafische Benutzeroberfläche in den 1970ern von Xerox PARC erfunden worden war. Xerox scheiterte allerdings vermarktungsstrategisch, was sich für Apple und Microsoft in den frühen 1980ern besonders lukrativ auswirkte. Diese hatten nicht nur keine Vermarktungsprobleme, sondern auch keine damit, die Xerox-Erfindung sich ohne viel Aufhebens einzuverleiben. Auch der Satellit ist nicht irgendein Satellit, sondern “Early Bird”. Der frühe Vogel war der erste kommerzielle Kommunikationssatellit der Welt. 1965 ins Orbit geschossen, machte er so was wie ein “Global Village” erst möglich – und das Fernsehen mit den vielen Bildern aus aller Welt auch viel bunter. Das Video endet mit dem Fade-Out des Ballons ins Dunkel der Weltraum-Nacht: Is tomorrow yet?

Wesen in halbfertigen Systemen

“Trans_Volts” (1998/99) verlässt die globale Nachrichtenwelt und führt in die komplizierten Rechnerprozesse, die zur Simulation von Figuren und Echtzeitbewegung notwendig sind. Davar wird hier zur Systemanalytikerin räumlicher Illusionen und Körperlichkeiten, die bei ihr auf halber Strecke stecken bleiben. Sie belässt den Entwurf eines Videogames bewusst auf einer Vorstufe der Unfertigkeit, um das skurill aussehende Zwischenstadium offen zu legen. Bizarre Wesen stolpern durchs andesignte Setting, tragen ihre grafischen Hilfslinien im gerasterten Bildraum mit sich herum. Sie müssen amüsanterweise teilweise in Rollstühlen sitzen, da sie so etwas wie technische Frühgeburten darstellen. Dergestalt zum Reflexionsraum geworden, lässt das Game mit Handicap die Logik von Softwaresystemen sichtbar werden, die als alltägliche Gebrauchstechnologien von den meisten Anwendern zwar nicht mehr verstanden, selbst aber auf menschlicher Logik basieren, die im Datenfilter zum abstrakt-autonomen Ordnungssystem mutiert ist. Dass Computer eigenwillige Welten sind, macht die Werkserie der Fehlermeldungen deutlich. Das Betriebssystem Unix sendet bei Fehlfunktionen Meldungen an den Benutzer, die in sich dichterische Multivalenz entfalten: “too many arguments” oder “optimize-defeat” (1999).

Plausibilitätskontrolle

Selbst das klassische Medium des Tafelbilds ist vor Katja Davar nicht sicher. Von persönlicher Geste freigehalten, wirken die kühlen Liniensysteme wie akribisch akkurate Pinselstrukturen. Doch “Plausibilitätskontrolle” (2001) benutzt als Zeicheninstrument die industrielle Nähmaschine. Die Linien sind gestickt. Die am Computer entstandene grafische Zeichnung wird in einer Rücksynthese vom Digitalen ins Handwerkliche übersetzt, umgeht aber trickreich traditionelle Bearbeitungsmethoden von Leinwand.
Mit ironischem Schmunzeln setzt Katja Davar die Bildwerdung von Welt technisch perfekt ins Bild. Spuren von Technikgeschichte tauchen auf. Die technoid aussehenden, mit äußerst reduzierter Bildsprache operierenden Arbeiten sind kleine Informationsnetzwerke über die Verteilung, Rezeption und Überlieferung von Information.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.