Text: Sascha Kösch aus De:Bug 27

Up North They are free K aka Polar: Drum and Bass vom Polarkreis Es ist immer wieder albern, grade für eine Musikrichtung, zu behaupten, dass sie vorne wäre. Weiter als andere. In irgendeiner Weise progressiv, advanced, die Zukunft eben. Und dass sie in der Hierarchisierung von Musik als Träger von Innovation die obersten Treppchen besetzt, besitzt, und für eine Weile, so lange kein anderer besser geworden ist, noch besser, dort oben alleine über die niederen Genres regiert, die einfach keine Ahnung davon haben, was wirklich “neu” denn überhaupt bedeuten könnte. Ja, wir reden von dieser totalen Jungswelt, von der der arroganten Musikerschnösel, die meinen, nur was sie machen sei wichtig, vom Krieg der Genres in den Hirnen unterbeschäftigter Middleclasseurolandbewohner und Amis, die meinen, sie hätten mit ihrem Leben kaum etwas besseres anzufangen, als Leute permanent zu dissen, die ihre spezielle Version vom Fortschritt durch Musik-Hören nicht, oder nur ungenügend teilen. Vor allem aber reden wir von dieser Welt, in der wir tatsächlich auch alle noch und vermutlich für Ewigkeiten leben, weil wir sie brauchen, um die Art von Ordnung in die Welt mit den Schaltzentralen Club, Plattenladen, Studio, Zeitung zu bringen, die einem dann nicht nur erlaubt, etwas mehr zu sagen als Null und Eins, sondern einem die magische Fähigkeit verleiht, von einer Platte zur nächsten nicht gleich alles wieder vergessen zu haben, sich aber auch nicht an jede blöde Hihat erinnern zu müssen, die man mal zufällig gehört hat. Es gibt viele von diesen Ordnungen, und am besten hat man immer gleich mehrerer dabei, damit man nicht ganz so totalitär wirkt wie man eigentlich funktioniert. Unterscheiden kann man diese Formen der Zivilisation in eine Logik, die meint: Alles ist gut – das ist die Logik des Drinnen -, und in eine, die meint: Alles wird gut, die Logik des Draussen. Bei dem, was hier Logik des Drinnen heisst, und bei der wie gesagt alles gut ist, auch der Ruf, der Ruf draussen, der neidisch auf das Drinnen schaut, und erwägt, da vielleicht auch mal reinzusteppen, weil da geschieht “es” grade, kann man gar nicht anders, als sich selbst etwas unspezifisch einfach beneidenswert gut zu finden, weil man schliesslich den Platz besetzt, den alle wollen. Bei der Logik des Draussen weiss man noch nicht mal, wo man sich hinsetzen will, ist sich aber sicher, dass in Bezug auf Sitzgelegenheiten dringend mal wieder etwas passieren müsste, sonst dreht sich die Welt nicht mehr. Wie immer, wenn man es mit Logik zu tun hat, vermischen sich mindestens immer zwei, um Verwirrung zu stiften und etwas Bewegung in das ganze Gerede zu bringen. Drum and Bass: Der Splitterhaufen Eine der beständigsten Drinnenlogiken der letzten Jahre, die lange beim zivilisierten Grossstädter eine Art Grundvorraussetzung war und sich erst in den letzten zwölf Monaten ins Gegenteil verkehrt hat, ist Drum and Bass. Einfach so. Unspezifisch. Das gesamte Genre war vorne. Jeder wusste das. Auch wenn man immer spezielle Leute meinte, speziell Science, Photek, Optical oder so. Drum and Bass DJ’s waren auf dem besten Weg, in die geheiligten Hallen der Innovatoren einzutreten, die Techno schon seit einem halben Jahrzehnt, ohne dass man das hören würde, pflegt. Aber das ist vorbei. Drum and Bass ist ein aufgesplittetes Genre geworden, auch bei Leuten, die sich nur marginal dafür interessieren, jeder unterscheidet sorgfältig die verschiedensten Bereiche, und denkt dabei immer: 2Step, schliesslich spielen das dann doch fast alle. K hasst es, weil er es hasst, sich zu langweilen. K ist aus Norwegen, und selbst da kann man es langweilig finden, immer die gleichen Beatgrundstrukturen um die Ohren und im Plattenladen zu haben. In Bergen, wo er, nachdem das Dorf, aus dem er kam, dann trotz der zehn Breakbeataddicts in den frühen 90ern langweilig wurde, hingezogen ist (Wälder, in denen man Parties feiern kann, gibt es schliesslich überall), damit seine neuerstandene Soundkarte Mitte der Neunziger auch den zuverlässigen Strom bekam, den sie brauchte. Selbst in Bergen merkte man das. Vielleicht grade da. Keine Pressure von Politics zu spüren, die Kontakte, von Teebee über Moving Shadow, Rugged Vinyl bis hin zu Certificate 18, wo K grade als Polar sein erstes Album veröffentlicht hat, finden übers Telefon statt, und überhaupt ist eh fast das ganze Jahr über Nacht. Im Winter wird es um 16 Uhr dunkel, nachdem es gegen 11 Uhr grade mal hell wurde, und moody ist man sowieso, weil die Welt so moody ist und so monoton, dass sie eigentlich, genau wie 2Step, einen Hintergrund bildet, aus dem man raus will, und raus heisst einmal mehr: Computer. Warum in Norwegen alles anders ist Und tatsächlich: Mitten in dieser Logik des Draussen findet sich nicht nur das wieder, was Breakbeat Science nahtlos mit Themen des Milleniums verbinden konnte – Technologie, Zukunft, blabla -, sonder auf einmal sind auch Namen da, die unwiderruflich jeder dort aufzählen kann. Es hat sich ein Grundvokabular gebildet: Total Science, Photek, Klute, Paradox, Digital und jetzt eben auch Polar (Wen wir hier vergessen haben, der weiss, wer er ist). Einfach, überschaubar, aber mit stetigem Output entwickelt sich ganz gegen den Willen der Mitstreiter, die für viele überraschend bekennende Dancefloorfanatiker sind, ein Zentrum, in dem Komplexität rocken soll, hörbare, in der nicht nur Minimalismus ausgefräst wird. Und wenn selbst jemand wie Ray Keith auf einmal Polar Plates haben muss, dann kann man sicher sein, dass draussen auf einmal wieder interessant ist. Weiter draussen als Norwegen kann man bei Drum and Bass einfach kaum sein, und weiter draussen als “Mind Of A Killer”, Polars Track auf der letzten Certificate 18 Compilation, ist schon lange kaum etwas gewesen. Im Grunde ist die Situation bei Drum and Bass jetzt ähnlich wie in den Tagen des grossen Analog vs. Digital Streits im Techno, nur dass Digitalität hier hörbar gemacht werden soll, denn: Drum and Bass war schon immer digital. Es geht darum, jetzt den Anschluss an die technologische Entwicklung nicht nur zu haben, und wer einmal eine Nadel auf einem Drum and Bass Track gesehen hat, der weiss, dass Leute wie Matrix, Optical usw. in subsonischen Breichen arbeiten, die die gesamte Technogemeinde nicht mal zu kennen scheint, sondern auch in allen Bereichen zu forcieren. “Ich weiss nicht, warum die Leute seit zwei Jahren meinen, es wäre interessant, auf einmal Technobasslines zu perfektionieren”, sagt K. “Und sicher bilden wir, die paar, die etwas ganz anderes machen, eine Szene, in der sich die Musik so schnell entwickelt, dass man Angst hat, wenn ein neuer Track nicht schnell genug draussen ist. Warum es aber jetzt auf einmal zu wirken anfängt und was passieren wird, das kann ich nicht sagen.” Warum auch, es gibt zuviel Arbeit. K arbeitet nebenher bei einem Optiker, um das Geld für Studio und die Musik reinzubekommen, hofft wie jeder mehr Zeit für Musik zu haben, aber eben auch, dass es nicht so schnell Winter wird. Gemeinsam mit Teebee, mit dem er grade zusammengezogen ist, plant er ein eigenes Label für diese Zeit, kommt noch mit einigen EPs in diesem Jahr auf Certificate 18 und Moving Shadow und hat, wenn immer es an einen neuen Track geht, eigentlich nur drei Richtlinien: “Musikalität, Experimentalität und Tiefe. Das fasst eigentlich alles, was ich mache, zusammen. Und ich glaube, das ist es auch, was Drum and Bass immer wieder ausmachen wird, und letztendlich auch die Szene, so aufgesplittet wie sie zur Zeit aussehen mag, immer wieder zusammenbringt”. Denn tatsächlich wirkt an allen Stellen immer wieder diese kleinteilige Kommunikation, die Beats von überall her auf ihr Potential hin überprüfen und neue Sounds sofort quer durch die ganzen Splitterszenen tragen kann, auch wenn die meisten der DJ’s das kaum wahrhaben wollen. Das Arbeiten an eigenen Breaks und Basslines, wie man es bei Optical und Matrix findet, die überbordende Musikalität und den Breakfanatismus von Ausnahmeleuten wie Danny Breaks und die Tiefe der Tracks von Total Science und den anderen wird alles bald irgendwann wieder auf einer neuen Stufe von Drum and Bass kollabieren lassen. So wird 2Step, Jazzstep, usw. zum notwendigen Schritt einer Konzentration, die aber so radikal anders klingt, dass man sich diese Zeiten jetzt kaum noch wird vorstellen können.

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Elektronische Lebensaspekte.