Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 11

Warum ehemalige Jazzrocker aus Düsseldorf 1998 den besseren Techno machen: Pole Thaddeus Herrmann thaddi@de-bug.de Es knackt. So geht es los. Mal wie eine schlecht geschnittene Endlosrille, rhythmisch und monoton….krrrrrrtschkkk, dann wie Schellack, wild und wohlig warm, mal wie eine statische Entladung, plöck! Doch wo der durchschnittliche finnische Knacktechno aufhört oder man bei langatmigen elektro-akkustischen Experimenten durch schnelles Vorspulen am CD-Player auf der Suche nach Anhaltspunkten verreckt, da fängt POLE erst an. Mit zwei veröffentlichten 12Ós und einem bereits fertiggestellten Album beweist STEFAN BETKE, wie Techno 1998 klingen kann, damit er überlebt. Und das, obwohl Pole zum Glück gar kein Techno ist. Die Vorzeichen sprechen für eine Geschichte, wie sie schon oft erzählt wurde. STEFAN BETKE a.k.a. POLE – eine Projektname, der sich englisch ausspricht und nichts mit Nord- oder Südpol zu tun hat – lebt in Berlin, arbeitet bei d&m, einem mit dem Plattenladen HardWax zumindest örtlich eng verwobenen Vinylschnitt und -Masteringunternehmen, und seine Debut-E.P. auf KiffSM klingt zu einem guten Teil nach Berlin und hätte vielleicht auch auf Chain Reaction erscheinen können. Vielleicht aber auch nicht, denn so groß die Ähnlichkeiten mit anderen Berliner Produktionen auch sein mögen, so groß sind auch die Unterschiede. Und was die Geschichte angeht, kommt sowieso alles ganz anders. Ich treffe Stefan Betke im multifunktionalen Büro/Küchen/Loungebereich von d&m, wo er gerade den letzten Cut für heute hinter sich gebracht hat. I. Jazzrock, Elvis und Sinzig im Sauerland De:Bug: Wie muß man denn musikalisch aufwachsen, um eine POLE Platte zu machen? Stefan Betke: Schwierige Geschichte. Ich habe musikalisch einiges durchgemacht. Für meine erste Platte war mein Bruder verantwortlich. Zu meinem sechsten oder siebten Geburtstag habe ich von ihm eine Elvis-Single geschenkt bekommen. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt bereits Klavier spielte, interessierte ich mich fortan intensiver für Musik. Ich habe mir mit meinem Bruder ein Zimmer geteilt und habe so die ganzen 70er mit Genesis, Chicago etc. durch ihn mitgemacht. Dann rauschte für kurze Zeit Punk an mir vorbei: Chrome und Wire. Danach Jazz Avantgarde aus New York: Fred Frith, Arto Lindsay, John Zorn. Da habe ich mich ziemlich lange dran festgebissen. In dieser Phase entstand auch meine erste Band, Perlen vor die Säue. De:Bug: Wie klang das? Stefan Betke: Das war schrägster Jazzrock: Klavier, Bass Schlagzeug, Sampler… manchmal auch Bläser und Geigen. Es gibt aber aus dieser Zeit keine “richtigen” Veröffentlichungen, nur Beiträge auf Tape-Compilations. Ich komme ja ursprünglich aus Düsseldorf, und in dieser Gegend gibt es bis heute eine sehr aktive Tapeszene. Sinzig im Sauerland und so… De:Bug: Sinzig im Sauerland? Stefan Betke: Genau, Sinzig im Sauerland. Das liegt so in den Bergen, naja, eher in den Hügeln. Da fanden im Sommer immer die Gipfeltreffen der Tapeszene statt. Über ein bestimmtes Wochenende reisten aus Köln und Düsseldorf Avantgardemusiker an und annektierten das örtliche Jugendheim. Anreise war am Freitag gegen 19 Uhr. Das war lustig, denn das Durchschnittsalter in diesem Jugendheim war normalerweise ungefähr zehn. Und dann mit einem Mal fielen wir da ein. Jeder hat dann sein Set gespielt, es gab einen ganzen Haufen Livebands unterschiedlichster Prägungen, obwohl ich sagen muß, daß Sampler und Sequenzer schon gut vertreten waren. Alles war unheimlich trashig, und wir wußten immer schon, daß diese Treffen in wüsten Session-Geschichten endeten. Das war alles so zwischen 1984 und 1987. Dann habe ich mich eine ganze Zeit mit HipHop beschäftigt, natürlich Public Enemy, aber dann auch A Tribe Called Quest und so. Anfang der 90er Jahre bin ich dann nach Köln gezogen. In dieser Zeit habe ich mich mehr und mehr von Livebands getrennt und mehr für mich experimentiert. Ein Liveprojekt gab es allerdings noch: Super-Fi, bestehend aus Turntables, Minimoog, 808, Sampler und Livebassist – das war fast Drum and Bass… irgendwie auch wieder nicht. Das mache ich meistens, ich spiele mit verschiedenen Formen, benutze sie aber nie in Reinform. De:Bug: Und was war mit Techno? Stefan Betke: Techno fand ich als Erscheinung sehr interessant. Die Härte und die Minimalisierung des Klanges hat mich auch angesprochen. Als Nichttänzer konnte ich aber nicht allzu viel damit anfangen. Ich besitze auch bis heute eigentlich keine Technoplatte. De:Bug: Huch! Ich finde ja eher, daß die Maxi auf KiffSM so klingt, als hätte jemand schon lange Techno gehört und dabei begriffen, in welche Richtung es zukünftig gehen sollte. Stefan Betke: Ich habe schon viel Techno gehört, aber immer nur im Club. Irgendwann habe ich mich dann völlig isoliert und keine Musik mehr gekauft oder gehört. Ich kam mit meinem eigenen Sound nicht weiter und brauchte einen klaren Kopf. Das habe ich immer so gemacht: Musik, hören und das Produzieren werden bei mir klar getrennt. Wenn ich produziere, höre ich keine Platten. Sonst kommt man sehr schnell an den Punkt, wo man nur noch versucht, seine derzeitige Lieblingsplatte nachzuahmen. Wenn man das dann merkt, kann es passieren, daß man in eine künstlerische Depression fällt und einen die Selbstzweifel plagen. Und dann passierte Pole. II. Die Knacker kommen ins Spiel De:Bug: Und wie genau passierte Pole dann? Stefan Betke: Bei Pole kommt Berlin zum ersten Mal ins Spiel. Ich hatte damals in Köln Sun Electric, Thomas Fehlmann und Gudrun Gut kennengelernt. Die machten dort ihren Ocean Club und wohnten zeitweilig bei mir. Als Dankeschön schenkten sie mir eine externe Filtereinheit, wie man sie sonst in jedem Synthesizer eingebaut findet. Leider war ihnen dieser feine 4-Pole Filter von Waldorf am Abend vorher runtergefallen. Wir machten ihn also an und… er knackte! Zum Glück habe ich ihn nicht gleich zur Reparatur gebracht. Das war die Initialzündung für Pole. Der Name kommt vom Filter, und auch der Sound wurde stark davon beeinflußt. Der Filter knackt nach dem Zufallsprinzip, nach jedem Anschalten völlig anders. Diese Beliebigkeit ermöglicht es mir, meine Soundvorstellungen drum herum zu bauen, ohne mich groß um den Beat kümmern zu müssen. Sonst würde ich ja auch Gefahr laufen, gleich wieder in der Technoschublade zu landen. De:Bug: Pole klingt schon nach Berlin und gleichzeitig wieder gar nicht. Gemeinsamkeiten sind sicherlich das Rauschen und Sounds, die ich immer als wattig beschreibe. Nicht direkt greifbar, irgendwie nah dran aber auch ganz schön weit weg. Wie würdest Du Deinen Sound beschreiben? Stefan Betke: Das fällt mir wahnsinnig schwer. Ich bin immer wieder daran gescheitert. Was aber Berlin angeht: Der einzige Berührungspunkt ist vielleicht der Umgang mit dem Sound, eine vergleichbare Vorstellung einer Klangästhetik. Ich war selber sehr überrascht, als ich vor rund anderthalb Jahren nach Berlin kam und Basic Channel, Din, M, Traktor und Chain Reaction zum ersten mal bewußt gehört habe! Ich hatte mich ja nie um Platten gekümmert. Durch die räumliche Nähe zum HardWax habe ich dann einiges nachrecherchiert. De:Bug: Es knackst ja auch auf Berliner Platten! Bei Dir werden sie aber anders eingesetzt. Stefan Betke: Das stimmt, sie sind im Mix sehr weit vorne und sind vielleicht der wichtigste Bestandteil der Musik. Das, was drum herum passiert, sind eher Atmosphären. Melodien setze ich sehr spärlich ein. Das Knacksen in Kombination mit dem Basslauf, darauf baut die Musik auf, und das ist auch das, was mich am meisten an den Stücken interessiert. De:Bug: Du hast vorhin gesagt, daß der 4-Pole Filter einfach munter vor sich hin knackst. Für meine Ohren klingt es trotzdem strukturiert. Ist das abgesampelt? Stefan Betke: Nein, der Filter macht das einfach, und wenn Du genau hinhörst, wird Dir auch auffallen, daß das Knacken jenseits jeglicher Tempi passiert. Dieses Strukturempfinden kommt wohl eher daher, daß ich nur noch sehr wenige Elemente hinzufüge, wenn einmal ein gutes Knackpattern gefunden ist, in der Regel nur noch zwei sich wiederholende Akkorde. Hinzu kommt, daß der Basslauf auch nur ein- oder zweitaktig ist. Das Knacken ist aber keine programmierte Struktur, es richtet sich nach keiner Zeiteinheit oder so. III. Berlin und wieder doch nicht De:Bug: Ich komme noch einmal auf Berlin zurück und die Unterschiede zu anderen hier produzierten Sachen. Was denkst Du über die Chain Reaction Sachen? Stefan Betke: Och, ich schätze das schon sehr. Wenn ich jetzt aber mitbekomme, daß meine Musik in diesem Zusammenhang gesehen wird und der Sound der anderen Kollegen hier im Haus immer wieder als Gegenstück angeführt wird, komme ich mir schon komisch vor. De:Bug: Naja, mir gingÔs ja genauso. Die Ähnlichkeiten sind da und die Indizien für gemeinsame Ideen geradezu frappierend. Stefan Betke: Aber das ist reiner Zufall, denn: Eigentlich arbeite ich hier ja bloß! POLE gab es schon in Köln und wurde in Berlin lediglich fertiggestellt. Es ist ein Job, der mich wahnsinnig interessiert hat. Ich mag die Leute, und es ist ein Umfeld, in dem ich mich gerne bewege, weil man mit den Leuten gut reden kann und sie alle super Platten machen. Aber musikalisch wüßte ich nicht, wo die Parallelen sein sollen. Ich habe dubbige Elemente. Gut, haben andere hier aus dem Haus auch. Trotzdem mache ich keinen Dub und erst recht keinen Techno. Außer, daß ich Techno natürlich Respekt zolle, sehe ich da eigentlich keine Parallelen. De:Bug: Da sind also vergleichbare Ideen an verschiedenen Orten entstanden. Stefan Betke: Da wundern wir uns intern hier im Haus auch drüber! Wir sind aber zu keinem richtigen Ergebnis gekommen, zumal ich ja auch ganz andere Sachen gehört habe, als die Jungs hier. Ich glaube aber, wenn man über eine lange Zeit immer wieder mit Sounds experimentiert, weiter sucht und an bestimmten Dingen dranbleibt, dann kommt man an einen bestimmten Punkt der Soundästhetik. Der wird nicht nur in Köln und Berlin entstanden sein. Wer weiß, wo überall auf der Welt noch so eine Art Sound gemacht wird. So entstehen in verschiedenen Städten gleichartige Strömungen und wenn dann noch der Zufall hinzukommt, daß dann jemand die Stadt wechselt, dann trifft man diese Leute. De:Bug: Dann laß uns konkret über Deine Musik sprechen. Ich finde, Du arbeitest mit nachvollziehbareren Harmonien. Damit meine ich Harmonien und Akkordfolgen, die für mich klar aus der Poptradition kommen und in meinem Kopf so kleine Erinnerungslämpchen aufleuchten lassen. Außerdem höre ich sehr ungewöhnliche Sounds auf der Platte, die mich sogar an ein Akkordeon erinnern! Stefan Betke: (schaut erst verwundert, dann zufrieden). Daß ich andere Sounds benutze liegt wahrscheinlich daran, daß ich aus dem Rheinland komme! Da ist alles etwas ruhiger und gemütlicher als in Berlin. Es wird früher Frühling und deutlich später Winter, es gibt Pipi in Reagenzgläsern und alles ist einen Gang langsamer, was die Städte angeht. Ich habe kein festes Konzept, nach dem ich einen Pole Track zusammenbaue. Ich arbeite an einer Idee weiter, wenn mich dieses Fragment so fasziniert, daß ich darüber meinen Kaffee am Morgen vergesse, obwohl ich eigentlich ohne Kaffee nicht mehr aufstehen kann. Es gibt aber keine Checkliste oder so mit Elementen, die in ein Stück hineingehören, damit es ein Pole-Stück wird. Dazu gibt es zu viele Dinge, die mich interessieren. De:Bug: Und dann sind da noch die Bassläufe, die ausnahmsweise mal richtige Bassläufe sind und nicht nur so vor sich hin mumpfen und eine Verbindung aus stechenden Knacksern und den warmen, vertrauten Akkorden… Stefan Betke: Bässe ! De:Bug: Ja? Stefan Betke: Der Bass macht die Wärme. Das liegt daran, daß ich ein absoluter Bassfetischist bin. Ohne Bass kann ich nicht leben! De:Bug: Was macht einen guten Bass aus? Stefan Betke: Der muß drücken…tief sein…richtig, richtig tief! De:Bug: Variationsreich? Stefan Betke: Kommt drauf an…manchmal? Nicht immer. (Lacht) Weil…das ist ja so eine Sache. Es gibt unheimlich viele Platten, da sind die Bassläufe irre kompliziert, die sind 12taktig geschrieben und wechseln nur alle 32 Takte, dann kommt noch ein Intro und ein Outro dazu, es gibt die Teile A-E und die Hallprogramme wechseln alle 30 Sekunden und trotzdem ist es einfach überhaupt nicht interessant und ist ein fürchterlicher hirnloser Brei! De:Bug: Was auch ganz bestimmt nicht Techno ist an POLE, sind die Titel der Tracks. Auf der EP auf KiffSM heißen sie Fliegen, Fremd und Tanzen . Auf der EP auf Din heißen sie Raum 1 und Raum 2. Stefan Betke: Die Titel suche ich rein assoziativ aus. Ich höre mir die fertigen Stücke an, und was mir als erstes deutsches Wort dazu einfällt, das benutze ich. Das ist meine ganz persönliche Sicht der Dinge. Die Titel bilden für mich ein Ordnungssystem, an die Bilder erinnere ich mich immer wieder. Klar, woran ich bei Fliegen gedacht habe. Auf dem Album ist ein Track, der heißt Kirschen essen. Bei diesem Track denke ich daran, wie ich mit meinem Vater Kirschkernweitspucken im Garten gemacht habe. De:Bug: Also alles sehr persönlich, gleichzeitig aber nicht besonders wichtig. Stefan Betke: Genau. Sie bekommen erst eine Bedeutung, wenn sie so scheinbar zusammenhangslos auf der Plattenhülle stehen. Tanzen…Fremd…Fliegen. Oder auf dem Album: Module…Kirschen essen…Paula. Das sind Geschichten, die so nichts miteinander zu tun haben, aber wer sich mit den Stücken beschäftigt, der wird, wenn er Glück hat, auf dieselben Bilder kommen. Wenn aber jemand bei Fliegen an Schwimmen denkt…dann heißt es für ihn eben schwimmen. Die EPs auf KiffSM und Din sind jetzt erhältlich. Das Album “1” erscheint Ende Mai auf KiffSM. ZITATE: Wenn ich produziere, höre ich keine Platten. Man kommt schnell an den Punkt, an dem man nur noch versucht, seine derzeitige Lieblingsplatte nachzuahmen. Wir machten den Filter an und: er knackte! Zum Glück habe ich ihn nicht gleich zur Reparatur gebracht. Außer, daß ich Techno natürlich Respekt zolle, sehe ich da eigentlich keine Parallelen.

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Elektronische Lebensaspekte.