Vielleicht hätte es statt "Blut für Öl" dieses Jahr "Blut für den Dollar" heißen müssen, denn nicht weniges spricht dafür, dass einer der Hauptgründe für den Irakkrieg der Handel des schwarzen Goldes in der schwächelnden Währung Amerikas war.
Text: Stefan Heidenreich, Natascha Sadr Haghighian aus De:Bug 78

Der Petrodollar
Irak – Gründe für den Irrsinn

In diesem Jahr war das mit Abstand krasseste außenpolitische Ereignis klarerweise der Irakkrieg. Gründe, diesen Krieg zu beginnen, hat man so einige gehört. Herhalten mussten beispielsweise in-existente Massenvernichtungswaffen, der ungelöste Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern und immer mal wieder auch die Beseitigung eines Diktators, an dessen Stelle man huldvoll sein eigenes System einer Demokratie entsenden wollte. Eine der ernst zu nehmenderen Theorien, die allerdings in der hiesigen Presse wenig Aufmerksamkeit erhielt, ist die Theorie des Petrodollars. Die besagt, dass es bei dem Konflikt im Nahen Osten nur indirekt um Öl, vor allem aber um Währung geht. Hinter den Öl-Kulissen tobt ein Machtkampf um das Handeln von Öl in Dollar – ein Umstand, der für die hochverschuldete USA entscheidend ist. Denn die ist pleite.

Stefan Heidenreich und Natascha Sadr Haghighian haben für Debug im Rahmen des Projektes “Meine Bank” mit den Politikwissenschaftlern Behrooz Abdolvand und Matthias Adolf gesprochen. Beide lehren am Otto-Suhr-Institut der FU-Berlin.

DEBUG:
Erklärt mal zunächst: Was versteht man unter Petrodollars?
BA:
Der Preis des Öls wird nicht nach dem normalen Wertgesetz gebildet, wonach das günstigste Angebot entscheidet. Mit billig produziertem Öl lässt sich nicht der gesamte Bedarf decken. Also richtet sich der Preis nach vergleichsweise teuer produziertem Öl. Aus dem Preisunterschied ergibt sich für die Länder, die billig produzieren können, ein zusätzlicher Profit – die so genannte Differentialrente. Diese überschüssigen Profite werden als Petrodollar bezeichnet.

DEBUG:
Seit wann zirkulieren solche Petrodollar?
BA:
Seit der Ölkrise 1973. Bis zum 2. Weltkrieg wurde Öl vorwiegend in britischen Pfund gehandelt. Seitdem wird Öl in Dollar fakturiert. Um die Entwicklung der letzten 50 Jahre zu verstehen, müssen wir bei Bretton Woods beginnen.

DEBUG:
Das müsst ihr, glaube ich, näher erläutern: Was wurde 1944 in Bretton Woods beschlossen und warum scheiterte das Abkommen 1973?
MA:
In Bretton Woods wurde die ökonomische Nachkriegsordnung organisiert. Das GATT-Abkommen war für den internationalen Handel zuständig, die Weltbank für wirtschaftliche Entwicklung und der IWF sollte Wirtschaftskrisen verhüten.
Der IWF, offiziell ein Teil der Vereinten Nationen, hatte allerdings keine Kontrolle über die Leitwährung Dollar. Die übt die FED aus, selbst eine Vereinigung von Privatbanken. Im Gegensatz zur amerikanischen steht die europäische Zentralbank unter staatlicher Kontrolle.
In Bretton Woods wurde ein Goldpreis von 35$ je Unze festgelegt. Für die übrigen Währungen galten mehr oder weniger feste Wechselkurse zum Dollar.
Das Konstrukt von Bretton Woods wurde im Endeffekt in Folge der überhöhten Geldschöpfung der USA untergraben. Vor allem durch den Korea-Krieg und den Vietnam Krieg haben die USA sich beim Ausland verschuldet. Ende 1972 gab es 78 Mrd. Dollar Auslandsschulden, dagegen nur ein Golddepot von 11 Mrd. Dollar. Die Golddeckung ließ sich nicht länger aufrecht erhalten.
Die USA brachten deshalb einen neuen Faktor ins Spiel: das Öl und seinen Preis. Ab 1973 organisierte die Opec einen Anstieg des Ölpreises, den die USA tolerierten. Dadurch kam es zu Anhäufung von Dollars in den arabischen Staaten. Dieses überschüssige Geld wurde hauptsächlich in den USA und teilweise in europäischen Staaten reinvestiert: Das System des Petrodollar-Recycling entstand. Der Ölpreis wurde damit ein finanzpolitisches Instrument, um den Aufschwung in fremden Märkten zu beeinflussen.

DEBUG:
Also trat Öl an Stelle des Goldes an die Basis des Dollars?
BA:
Kohlehydrate als Energielieferanten insgesamt. Kohlehydrate sind die Grundlage unserer Zivilisation, ihrer Produkte und ihrer Energiegewinnung. Die Kontrolle über die Kohlehydrate wurde zur Staatsdoktrin der USA.

DEBUG:
Das heißt also, der Krieg im Irak ging tatsächlich um’s Öl?
MA:
Ja und nein. Die USA sind auf Ölimporte aus dem Irak nicht angewiesen. Mittlerweile wurden in Ölschiefern Kanadas weit größere Vorräte erschlossen. Auch die Kosten der Militäraktion stehen in keinem Verhältnis zum Gewinn. Sie betragen pro Barrel das 20fache des Preises. Probleme bekommen die USA allerdings, wenn andere Länder Zugang zum Öl aus dem nahen Osten erlangen und es in eigener Währung bezahlen. Denn das würde den Dollar als Leitwährung in Frage stellen.
BA:
Der Irak hatte seit Ende 2000 Öl gegen Euro verkauft und seine nationalen Geldreserven auf Euro umgestellt. Nach dem Krieg bestand eine der ersten Maßnahmen der FED darin, Milliarden von Dollar in kleinen Scheinen ins Land zu bringen, um den irakischen Dinar durch Dollar zu ersetzen. Eine ganz reale Dollarisierung der nationalen Wirtschaft.
Die Besetzung des Iraks könnte weiterhin dazu dienen, den Iran, der einen Teil seines Öls in Euro handelt, wieder zurück zum Dollar zu bringen.

DEBUG:
Ohne die Stabilisierung durch den Petrodollar müsste der Dollar also um 60% entwertet werden?
BA:
Die Produktivität der US-Wirtschaft entspricht 22% des Weltbruttosozialproduktes. Entsprechend müsste die Geldmenge an Dollar reduziert werden. Derzeit macht der Dollar 60% der Weltgeldmenge aus. Sollten sie die Dollars in Gold oder Fremdwährung zurückkaufen? Nicht vorstellbar. Oder die Zinsen erhöhen, um das Kapital wieder zurückzubringen? Ausgeschlossen. Derzeit scheinen die USA ihre geo-ökonomische Position mit militärischen Mitteln halten zu wollen.
Der größte Nutzen der Tatsache, dass die nationale Währung zugleich Weltwährung ist, ergibt sich aus dem so genannten Seigneurage-Vorteil. Die USA besitzen eine Maschine, die Geld druckt. Das Recht, Dollars zu verteilen, ist ein exklusives Recht der FED. Nehmen wir an, ich sitze hier, stelle euch Schuldscheine aus und ihr arbeitet für mich. Und dann bringt ihr die Schuldscheine als Ersparnisse auf meine Bank. Das ist die momentane Realität.

DEBUG:
Wie lange lässt sich ein solches System aufrecht erhalten?
MA:
Im Gegensatz zu Exportwirtschaften wie Deutschland, Japan oder China haben die USA und Großbritannien ein permanentes Leistungsbilanzdefizit. Großbritannien ca. 30 Mrd. Dollar jährlich, die USA ca. 600 Mrd. Dollar, das entspricht 5% des BSPs. Man kann sich vorstellen, welche Summen sie in den letzten Jahrzehnten angehäuft haben. Für nationalökonomische Wirtschaftsbegriffe ist die US-Wirtschaft pleite. Pro Tag benötigen sie die Zufuhr von 2 Mrd. Dollar, um ihr Defizit finanzieren zu können.

DEBUG:
Warum werden trotz der niedrigen Zinsen so viele US-Staatsanleihen gekauft?
MA:
Weil alle von Amerika abhängig sind. Alle Exporteure profitieren vom Konsum der USA, einem Konsum auf Pump. Eine Destabilisierung der USA würde jeden von uns betreffen. Deswegen wurde in der Diplomatensprache ein Begriff entwickelt, der sagt: Die Märkte sollen “Verantwortung zeigen”. Die Verantwortung besteht darin, das Defizit der USA zu finanzieren.

DEBUG:
Drohen nun größere geo-ökonomische Konflikte zwischen zwei Währungsblöcken und wurde der Euro zu diesem Zweck erfunden?
BA:
Zuerst gab es den ECU als eine Art halbherzige europäische Variante von Bretton Woods – mit festem Wechselkurs und 1% Floating – zum Schutz des Binnenmarktes. Während des 2+4-Vertrags hat Frankreich die deutsche Wiedervereinigung nur unter der Bedingung akzeptiert, dass die DM aufgegeben und der Euro anerkannt wird. Nun besteht eine Art von ökonomischer Balance of Power zwischen dem Euro und dem Dollar, und auch die Europäer bemühen sich, ebenfalls in den Genuss des Seigneurage-Vorteils zu kommen.
Entweder gelingt es, die USA durch eine Regulierung unter der Unterstützung von Ländern wie Deutschland, Japan und China wieder ökonomisch auf die Beine zu bringen. Oder wir müssen einen neuen Krieg im Nahen Osten erwarten. Entweder Regulierung oder Krieg.

DEBUG:
Kann es überhaupt gelingen, die Lage ohne eine Krise neu zu ordnen?
BA:
Ich hoffe auf die Vernunft der Nationen. Die Last kann nur durch internationale Zusammenarbeit verteilt werden, das heißt durch eine sukzessive Neuorganisation der Weltwirtschaft in einem Wirtschaftssystem, bei dem die Geldmenge an die Produktion gebunden ist.
MA:
Wir sprechen dabei von langfristigen Übergängen, einer 10-Jahresfrist. Niemand hat ein Interesse an einer Destabilisierung der USA.

DEBUG:
Wir danken für dieses interessante Gespräch.

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Elektronische Lebensaspekte.