Der Musiker als politisches Subjekt. Will er uns was sagen? Zum Auftakt unserer monatlichen Kolumne geben wir Jay Haze die Möglichkeit, das Flammenschwert zu schwingen.
Text: jan joswig aus De:Bug 89

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Für welches Land würdest du eine Nationalhymne schreiben?

Jay Haze;
Ich halte die Idee, dass sich Menschen in Ländern organisieren, für unnatürlich und falsch, aber wenn ich eine Nationalhymne schreiben müsste, würde ich die Seychellen wählen, auch wenn das kurzfristig nicht zu machen wäre, denn ich weiß noch nicht viel über die Seychellen. Für den Moment würde ich daher eher Palästina wählen.

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Wie sähe der Text aus?

Jay Haze:
“I believe we can die , I believe in the PLO , palestine needs to liberate … break free from the jewish state, now that our famous leader arafat is dead, lets all hope for a more diplomatic head.”
Diesen Text würde ich vertonen mit R. Kelleys “I Believe I Can Fly”.

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Glaubst du an eine tatsächliche existierende Opposition innerhalb des politischen Systems?

Jay Haze:
Aber ja. Ich wünschte nur, es gäbe mehr aufrichtige Opposition.

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Wie sieht es außerhalb der Parteienlandschaft aus, etwa auf globaler Ebene?

Jay Haze:
Auch daran glaube ich, natürlich. Ich wünschte nur, es gäbe ein besseres Forum, um diese Opposition auf den Weg zu bringen. Und wenn diejenigen, die sich dafür engagieren, besser ausgebildet, motivierter und intelligenter wären als die, die in den Machtzentren sitzen. Das ist doch der Grund dafür, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Wenn es aber eine Idee an die Oberfläche schafft, die stark genug und friedfertig genug ist, dann kann kein Fundamentalismus der Welt sie aufhalten. Ich bin nicht schlau genug, um zu wissen, wie die Lösung aussehen könnte. Aber wenn sie da ist, werde ich clever genug sein, sie zu bemerken und sie mit allen Mitteln zu unterstützen.

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Würdest du an Veranstaltungen wie “Life Aid” teilnehmen?

Jay Haze:
Das hängt von den Umständen ab, wie genau alles aufgezogen ist, wer dahinter steckt und wo welches Geld hinfließt. Dann würde ich auf jeden Fall teilnehmen, es ist sogar mein Traum, so etwas einmal selbst zu organisieren. Du kannst dich drauf verlassen, dass das passieren wird. Es ist großartig, dass Menschen für so etwas zusammenkommen, nicht auf einem oberflächlichen Level. Ich rede von Menschen, die wirklich etwas verändern wollen, die nicht erst einen Arschtritt brauchen. Wenn du dich besser fühlen willst, hol dir einen runter. Es geht um selbstloses Engagement, denn nur durch diese Selbstlosigkeit lernst du dich selbst erst richtig kennen. Und wenn du dich richtig kennst, gibt es gar keinen Grund mehr, daran zu arbeiten, dass du dich besser fühlst. Dann ist alles Instinkt. Vorausgesetzt, du bist von Natur aus kein komplettes Arschloch.

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Welche historisch politische Geste, wie zum Beispiel die erhobenen Fäuste der schwarzen Sportler bei den olypmpischen Spielen in Mexiko 1968, hat dich nachhaltig beeindruckt?

Jay Haze:
Wenn ich von Ereignissen ausgehe, die ich selbst erlebt habe, dann ist der “Million Man March”(16.10.1995, Washington, “Wiederauflage” des Marsches auf Washington) mein Favorit. Denkt man allerdings an die Bürgerrechtsbewegung der 60er und 70er Jahre zurück, weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Ich wünschte, wir würden heute auch in Zeiten leben, in denen die Menschen so motiviert und fokussiert wären. Es gibt heutzutage viele gut gemeinte politische Gesten gegen die Globalisierung, nur verändern die nicht viel. Die Menschen haben heute einfach nicht ein vergleichbares beherztes Engagement. Warum? Frag mich nicht, vielleicht passiert sowas einfach nur alle 50 oder 100 Jahre. Drauf geschissen, der erste Völkermord des 21. Jahrhunderts ist in vollem Gange und ich sehe keine Demonstrationen auf dem Berliner Alexanderplatz. Es gibt Firmen, die ganze Länder übernehmen, und ich sehe keine Fäuste in der Luft. Wo sind die Protestbewegungen? Nenn mich scheinheilig, aber ich kann mich nur wiederholen: When the train worth riding is leaving the station , I will be onboard.

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Ist Musik generell politisch oder unpolitisch?

Jay Haze:
Generell ist Musik oberflächlich und unpolitisch. Nehmt es nicht persönlich, aber es ist so. Wer weiß … vielleicht ist es besser so, für mich allerdings nicht. Gerade in der elektronischen Musik haben wir einen Haufen Stars mit Macht, die nichts tun und nichts sagen.

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Elektronische Lebensaspekte.