Das Wunder von Schwarz-Rot-Gold spielt in der unteren Bezirksliga. Sami Khatib trifft auf der Suche nach den Abgrüngen der "schicken" Fashion-Politik in Musik und Styleuntergrund auf die politische Deppennische und die letzten Ausläufer von Vokuhila.
Text: Sami Khatib aus De:Bug 78

Jahresrückblick in Contenance

Fangen wir mal hinten an: Deutsch, früher ein Klassiker bei Opa, CDU und rechten Modernisierungsverlierern, steht nicht erst seit der rot-grünen Irakkriegsablehnung hoch im Kurs. Welche Rolle spielen eigentlich schwarz-rot-goldene Schweißbändchen, Deutschlandmode à la Eva Gronbach oder neue Modemagazine, die sich schlicht “Deutsch” nennen? Ist das hier das gleiche Deutschland wie beim ”Wunder von Bern” oder der Vertriebenendebatte? Abgesehen von den üblichen Verdächtigen hatten es in diesem Jahr plötzlich viele nötig, “nationaler Identität” den Rang eines kollektiven “Wirs” zu verleihen. Was ist da los? Ein Witz? Ein ernstes Anliegen? Modeerscheinung? Kann man das überhaupt trennen?

Politik hat in Pop ja schon immer eine Rolle gespielt, elektronische Musik ist da keine Ausnahme. Dort finden sich linke Houselabel wie Dial, die für ein geradezu selbstverständliches Linkssein in elektronischer Musik stehen. Tatsächlich scheinen 2003 nicht nur die Deutschland-farbenen Schweißbändchen, sondern auch eine “schicke Politik” linker Provenienz erneut die Bühne betreten zu haben: Auf Onitor veröffentlichen politisierte Künstler mit “Politronics” eine Kompilation mit Polit-Statementbeilage, Ekkehard Ehlers statet “Politik braucht keinen Feind” und in Frankfurt lockt der Kommunismus als Kulturkongress mit Bundesgeldern in Theoriestarbesetzung. Auch der Berliner 1.Mai ist endgültig integriertes Polit-, Popkultur- und Randalespektakel. Vor allem der, so hört man ja gerne in den Mainstreammedien, ist weniger politisch, als vielmehr “Spaß”. Die Jugendlichen in den Hoodies wollen mal die Sau rauslassen. Also alles nur Fake? Oder politisches Bedürfnis? Gilt Linkssein bloß als letztes Refugium eines noch nicht ausgebrannten Distinktionsgewinns?
Selbst wenn dem so wäre, spricht nichts gegen das eigene Durchsetzen eines bestimmten Lifestyles mit politischen Symbolen, solange diese die richtigen sind. Nicht ohne Grund verteidigen nur unsexy Politspießer ihre politischen Schrebergärten als vermeintlich originäre und “echte” Politikfelder wie Alkis ihre letzte Bierdose. Politik und Style kann man eben nicht gegen einander ausspielen. Klar aber auch: Zeichen machen sich hier wie dort selbständig. Nehmen wir als Beispiel die Berliner Band Mia. Einerseits gibt es einen Auftritt auf der Bühne eines klar antideutschen und pro-kommunistischen Veranstaltungstrucks am 1.Mai, dann aber ein anschließendes Bekenntnis zu Deutschland und Schwarz-Rot-Gold. Handelt es sich hier um eine verrutschte Strategie der Aneignung? Versucht Mia, wie die Punks früher, den nationalen Spießern ihre Symbole zu klauen? Wäre dafür aber nicht eine schlauere politische Positionierung notwendig? Geht es hier also, weil man mit der Provokation bei den Rechten schon durch ist, einfach um eine Provokation der Linken? Oder ist links rechts scheißegal, weil es um Mode geht? Muss Politik in den Händen von Vokuhila-Trägern und Fashionvictims bestenfalls unreflektierte Suche nach Sinnstifung sein? Sorry: Wer seine rebellische Subjektemphase zurecht als politische Überzeugung verstanden wissen will, kann sich nicht beklagen, mit Deutschland style-politisch in der unteren Bezirksliga zu kicken.

Für 2004 canceln wir schon mal die Frage: Wer glaubt wirklich an die Symbole, die er sich auf Cover, Stirnband oder Parker hängt? Denn deutschtümelnde Blödheit stinkt als PR-Gag nicht weniger als das rechte Original. Klar ist außerdem: Die Kampfzone politischer Ideen, die bekanntermaßen bis ins Innerste von Style (formerly known as “Privatsphäre des bürgerlichen Subjekts”) reicht, befindet sich mitten auf dem Marktplatz gesellschaftlicher Objektivität. Und dort gibt es ganz oldschool mäßig ein “richtig” und “falsch”, früher auch als “(notwendig) falsches Bewusstsein” bekannt (hallo Marx). Einige finden vielleicht im zweischneidigen Streben nach Hipness eine Ausrede. Aber no way, wer auf die politische Deppennische setzt, sieht auch stylemäßig verdammt scheiße aus.

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Elektronische Lebensaspekte.