Wenn sich das Netz von den Kabeln befreit, ergeben sich notwendigerweise neue Strategien. Regionale Einheiten von Netzknoten verwuseln das einheitliche Bild des globalen Netzwerks und die vielgerühmte dezentrale Struktur des Netzes bekommt einen doppelten Boden, die Luft.
Text: sascha kösch aus De:Bug 59

Als das Internet laufen lernte

Vor langer, langer Zeit, da war das Netz mal ein Ort, in dem man ständig über die neue Freiheit gegrübelt hat. Es ließ sich einfach soviel machen und – abgesehen mal vom Zugang, der dann auch das Hauptproblem schien – war alles irgendwie umsonst. Dass Kabel nicht umsonst sind und schon gar nicht von jedem gelegt werden dürfen, weil sie sich über reale Territorien schlängeln (Territorien im Netz, igitt), wurde meist wegsublimiert. Wie das energische Aufbäumen von Pay-for-Content-Strukturen als Krisenbewältigungsstrategie überall zeigt, ist das Netz längst ein Ort geworden, in dem man ohne Kreditkarte schon mal Umwege über das Archiv von Google nehmen muss, wenn man etwas wissen will.

Und so erscheint die Ankunft ziemlich erschwinglicher Funk-LANs wie eine Fortsetzung der Versprechen der “ursprünglichen” Freiheit im Netz auf lokaler Ebene, egal ob “lokal” so groß werden kann wie eine Inselgruppe oder ein ganzes Land. Radiowellen gehören jedem, zumindest dieses kleine Band für Wireless Funkverkehr, die in fast keinem Land dieser Erde reguliert wird und deshalb immer massiver mit Basisstationen und Wi-Fi Lans vollgefunkt wird. Die guten alten Qualitäten des Netzes sind wieder da: Freiheit, Gleichheit, Many-to-Many. Sie haben es damals nicht zum Sammelpunkt neuer Technologie, Theorie und sozialer Utopie gemacht. Es ist kein Wunder, dass man im neuen Wireless-Universum Hacker, Aktivisten, Sozialrevolutionäre, Splittergruppen, Marketing Entrepreneure, Indianer, Insulaner, Antiglobalisten, Künstler und viele mehr wieder trifft, die schon lange nicht mehr an die revolutionäre Struktur des Netzes geglaubt hatten.

Man sollte sich endgültig von dem Gedanken trennen, dass Wireless irgendetwas mit Handys zu tun hat. Man muss sich von dem Paradigma des Telefons verabschieden, so wie man sich von dem des Fernsehens verabschieden musste. Wireless ist vor allem eine neue amorphe Topologie des Netzes.

COVERENDE

Man kann Schlagworte wie “global”, “weltweit” usw. nun wirklich nicht mehr hören. Sie sind einfach nicht wahr. Es ist nicht einzusehen, warum die große, neue, endlose Welt im Allgemeinen bei der Telekom und ihren Telefonsteckern aufhören soll, einer Telekom, die rückgebunden in einer Art ökonomischem Kurzschluss tags verdientes Geld abends als klassische One-To-Many-Unterhaltung wieder zurückkaufen lässt. Es musste ein neues Netz her: Wireless.

Und wie immer seit der Erfindung von Technologie sind Hacker die ersten, die diese neue Topologie durchforsten. Unsere Hacker-Geschichte von marodierenden Autofahrten mit Pringlesdose auf dem Dach über der Antenne und einem Bildschirm, der neue Karten der Umwelt aufstellt, sind schon längst ebenso Legende wie die Bastler verrückter Autos, die Phonephreaker oder Virusprogrammierer. Was sie mit ihren Karten von Funk-LANs schon jetzt wissen, ist ein Informationsvorsprung für kommende Ordnungen, der kaum noch einzuholen sein wird – und direkt wieder in Sicherung, Ausbau, in andere Arten der Benutzung und in Software zur Ermöglichung von nahtlosen Übergängen diverser drahtloser Standards zurückfließt. Dabei bewahren Hacker immer noch, so wie schon im Netz, ihre typischen Backholes und Schleichwege. Vor allem aber sind sie die ersten, die das Internet dabei beobachten, wie es seine Kinder in die Welt entlässt.

Neue Topologien haben schon immer für neue Ökonomien gesorgt, neue Verbindungen für neuen Verkehr und neue Kommunikation. So dürfte es keinen wundern, dass rings um die Wireless-LANs nicht nur so etwas wie ein tektonisches Rumoren zu hören ist, ausgehend zunächst von den Telecoms dieser Welt, die ihre vergleichsweise prüden WAP-, I-Mode- oder UMTS-Träume einer Eroberung des gesamten drahtlosen Raums durch Handys schon jetzt dahinschwinden sehen. (Ron Sommer z.B. war einer der ersten, der seine UMTS Milliarden gegen Hotel-LANs stark machen wollte und die Drohung der Schließung offener Funkfrequenzen wird mit Sicherheit immer lauter werden.) Mit Wireless gibt es nicht nur eine globale Erschütterung, sondern ein ständiges und immer lauter werdendes Gebrabbel von unten, denn Wireless dreht die liebgewordene Utopie des “Globalen” vom Kopf auf die Füße. Das Netz endet nicht mehr dort, wo es via gut eingespielter Providerkosten immer sollte: in dem großen, einzigen Netz aus Kabeln und Information, dessen Kontrolle schon schwierig genug, aber immerhin anvisierbar erschien. Es splittert sich auf in lokale Zellen, in unabhängige Netzwerke, in Strukturen, deren Größe von Stadtteilen bis hin zu Wohnungen reicht und in denen die Grenzen zwischen privat und kontrollierbar ständig neu definiert werden müssen. Und das in einer Lautstärke, die jeder mit einer Wi-Fi Karte am Pegel des Ausschlags überall nachvollziehen kann.

Eine Airport Station an den Strom zu schließen, heißt heute sofort Politik machen. Antiglobalisierungspolitik vielleicht. Weniger aber, weil man sich gegen das globale System stellt, als vielmehr, weil man das Paradigma eines homogenen Globalen als Täuschung entlarvt. Mit Wireless bindet man das Netz in einen Zusammenhang ein, der Mikropolitik nicht mehr nur auf das ausrichtet, was im Großen passiert. Durch Wireless bringt man das bisher homogene Globale und alle ökonomischen, soziologischen und sonstigen Vorstellungen dazu, sich umzudefinieren. Die Zeit, in der man in ständiger Selbsttäuschung runterbetete, dass das “Netz” überall ist, wird abgelöst von der Zeit, in der überall “Netze” sind. Ihre Verschiedenheit und Begrenztheit, aber auch ihre Vernetzung untereinander dürfte der entscheidende Punkt sein, an dem sich die so genannte Welt der Information wieder in Bewegung setzt. Bewegung anstelle des einfachen Mythos des Überall.

Wir jedenfalls freuen uns und feiern mit einer Handvoll Artikel in unserem Wireless Special schon jetzt auf eine Zeit mit Netz im Park, Drive-By-Hacking, Radiostationen mit Hausnummer, Netzsharing, Bluetooth, Wi-Fi, UMTS Handover, Wohnungssoftware, drahtlosen Kabelsalat, Post-Fernbedienungs Welten, regionales Surfen, Wi-Fi Phones, Stadtteil Jukeboxen, Straßenzug Studios, Büros an der Bushaltestelle, Passwörter für Straßen und transparente Wände. Wir feiern, damit auch einfache Basis Stationen aus ihrem “Lass ich sie rein oder nicht”-Dumpfbackentum aufwachen und endlich komplette Server werden und freuen uns auf die ganzen ernsthafteren Implikationen, die da kommen. Jedenfalls bis zum nächsten Schritt, wenn die Basis Stationen fliegen lernen, doch davon später.

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Elektronische Lebensaspekte.