Text: Felix Denk aus De:Bug 64

Voll Techno

Heroin, kein Champagner
Pompom

In seinen besten Tagen war Berlin-Kreuzberg der Ort, an dem der verantwortliche Lehrer seine Klassenfahrtsschützlinge nicht hinlassen wollte. Zugegeben, seitdem ist viel Wasser den Landwehrkanal hinabgeflossen. Mittlerweile hat Kreuzberg viel von seinem verwegenen Image eingebüßt und gleicht eher einem Freilichtmuseum für alternative Lebensentwürfe vergangener Zeiten. Und auch wenn es manchmal so angestaubt wirkt wie die zur Beschreibung gerne hervorgekramten Begriffe Nischenkultur oder soziales Biotop, war es immer dieses trotzige Einfordern von Andersartigkeit, das die Besonderheit von Kreuzberg ausmachte. Diese Kämpfertugenden heften auch an Pompoms Brust. Ganz in Schwarz kommen Pompom-Platten daher, ohne Etikett, nur mit der Katalognummer und dem Dubplates&Mastering-Signum zwischen den Auslaufrillen eingeritzt. No Faces, gute alte Technofolklore, die informationspolitisch genauso zugeknöpft daherkommt wie einst Basic Channel, und kamen die nicht auch aus…?

Pompoms düsterer Sound unterstreicht die Repräsentationsstrategie. Irgendwo zwischen Techno und Electro pendelnd, mit einem gehörigen Schuss Düsternis, säuseln verhuschte Stimmen aus dem Nirgendwo, sind nervös und psychotisch. New Wave und EBM standen zwar Pate, aber mit dem Glamour-Kosmos der Electroclash-Retrowelle, wie sie der arbeitslose Webdesigner mit der aus München oder Düsseldorf zugezogenen Jeunesse Dorée in Berlin Mitte zelebriert, hat das wenig zu tun. Pompom geht es um fiese Paranoia, nicht um Posing, denn Pompom ist, jawohl, Underground. Die Revitalisierung des einstigen Kampfbegriffs, der Hardtrance und Handbaghouse den Garaus machen sollte, ist hier wieder angebracht. Und das nicht nur, weil Pompom eine Gegenwelt zu allem Polierten, Schicken und vordergründig Schönen darstellt, sondern weil das mit dem Untergrund bei Pompom zunächst mal ganz wörtlich zu nehmen ist. Das Pompom-Universum fußt nämlich in einem Kreuzberger Plattenladen. Hat man erst mal den Teil mit den CDs hinter sich gelassen, geht es ein paar Stufen tiefer in einen Raum, der dunkelblau gestrichen ist und in den sich vermutlich noch nie ein Sonnenstrahl verirrt hat. Hier lagern die Platten, für Pompom Quelle der Inspiration, des Ärgernisses und gerne mal Rohstoff für eigene Produktionen, denn Pompom ist ein Meister des subversiven Zitats. Kreuzberg wäre aber nicht Kreuzberg, wenn man trotz geographischer Nähe die Form des Email-Interviews bevorzugen würde. Hier das Protokoll:

Warum ist es wichtig unerkannt zu bleiben? “Es macht einfach mehr Spaß und man hat die ganzen Wichtigtuer nicht am Arsch. Und die Reaktionen auf die Scheiben sind auch ehrlicher.” Würde Pompom anders klingen, wenn ein Hochglanzfoto von dir auf dem Cover wäre? “Nein. Es gibt aber Leute, die legen mehr Wert auf das Cover als auf die Musik. Wenn einer ein schönes Cover braucht, kann er sich das auch alleine machen.” Produziert man, wenn man weiß, dass man unerkannt bleibt, Sachen, die man sonst nicht machen würde? “Neeee.” Wenn du wie bei Sunglasses at Night eine Coverversion einer Coverversion machst, geht es dir dann darum, etwas zu korrigieren, oder ist das eher als Referenz gemeint? “Beides, ich mache es so, wie ich es gerne selber hören möchte.” Obwohl du markante Samples aus den 80er-Jahren verwendest, klingt deine Musik nicht retro. Ist das Konzept? “Das meiste Zeug ist mir zu glatt. Es geht auch anders.”

Klar geht es auch anders, Pompom unterstreicht das. Vielleicht sollten die verantwortlichen Lehrer mal wieder darüber nachdenken, ob sie ihren Schülern bei der nächsten Klassenfahrt wirklich erlauben sollten nach Kreuzberg zu fahren.

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Elektronische Lebensaspekte.