Die Liverpooler New Wave-Pilzköpfe von Ladytron lassen sich auch nach dem Hype nicht davon beirren, stylische Singalongs zwischen analog und G4 für Indie-Hörer zu inszenieren. Ihre "Tweet auf Speed"-Version halten sie aber noch unter Verschluss.
Text: Sami Khatib aus De:Bug 70

Distanz zur Vergangenheit

Wenn vor einigen Jahren das Feuilleton einen Superstar hätte küren dürfen, Ladytron wären es geworden. Eine sympathische Boys and Girls-Formation aus England zeigte im nostalgisch modernistischen Kraftwerk-Look, wie New Wave, Popappeal und unterkühlte Sexyness das danieder liegende Genre der Indietronics reanimieren konnten. ”Playgirl” war der Sommerhit 2001, der uns verzückt und verträumt mit süßem Analogsynthesizer-Sound ins Retroambiente der 80er schweben ließ. Reuben Wu, Mira Aroyo, Helen Marnie und Danny Hunt sahen in ihren futuristischen Pagenfrisuren und Uniformen derart süß und dennoch intellektuell aus, dass es in der Musikpresse vor möglichen Anschlussstellen nur so wimmelte: Kraftwerk, Roxy Music (”Ladytron”, ein Song von Brian Ferrys Schmachtcombo), Human League, Joy Division etc. Zwar relativieren Ladytron ihren Uniformchic als ”Antifashion-Statement”, der erst später zum Fashion-Hype wurde, ihr unbekümmerter Elektropop schien aber zu perfekt in eine neue Schublade zu passen. Heute gelten Ladytron als Vorreiter von Electroclash, bevor Larry Tee überhaupt auf die Idee kam, der Welt mit diesem Schabernack einen solchen Streich zu spielen. Über Nacht war für sie gleich die passende Kategorie geboren, der sie sich nach ”604” mit ihrem neuen Album ”Light & Magic” nolens volens stellen.

Let’s talk about electroclash
Danny Hunt, Ladytrons Songwriter und Analogsynthesizer-Sammler aus Berufung, und Reuben Wu kommen zum Interviewtermin auch gleich ohne Umschweife zur Sache. ”Ist Electroclash eine gute oder schlechte Sache?”, schallt es grinsend Debug entgegen. ”Wir jedenfalls machen keinen Electroclash.” Soweit wären die Fronten erstmal geklärt. Egal was die anderen schreiben, die Band vor Electroclash schickt jedwede Credits für den Ursprungsmythos zurück nach Williamsburg. Musikalische Herangehensweise und Bandprinzip zehren in Ladytrons Liverpool vielmehr von einer ganz anderen Tradition: die Selbstreferenz britischer Popmusik an historisch überdeterminierter Stelle. Indieband zu viert statt Producerduo mit Sängerinnen. Zwar darf das Powerbook mittlerweile mit auf Tour, weil Dannys Keyboardsammlung jeden Check In zur Verhandlungssache werden ließ. ”Aber wenn wir live spielen, benutzen wir nach wie vor Keyboards und funktionieren als richtige Band.” Bei Live-Performances haben alle vier Ladytrons auf diese Weise ein paar Knöpfchen oder Tasten zum Bedienen, schließlich würde reines Powerbook-Gefrickel für den Orgelsound einer nostalgisch-dramatischen ”Mensch trifft Maschine”-Inszenierung viel zu beiläufig daherkommen. ”Viele Leute haben einfach eine andere Erwartungshaltung, wenn sie elektronische Bands sehen. Bei Acts wie Miss Kittin zum Beispiel wird eher erwartet, das Album über die Club PA zu hören. Unser Publikum besteht aber mehr aus Indie-Kids denn aus Clubgängern.” Statt aber die lange Geschichte englischer Synthipopbands der 80s fortzuschreiben, wollen Ladytron lieber Distanz wahren und eklektizistisch mit dem Erbe von Human League oder New Order umgehen. Die Retrofalle fest im Blick produzierten sie ”Light & Magic” fernab in L.A. mit Mickey Petralia (Beck, Beastie Boys). Als hätte es noch eines weiteren Beweises bedurft, unterbricht Danny unser vergnügliches, immer weiter in Synthesizer-Anekdoten abdriftendes Gespräch mit einer selfmade Coverversion von Tweets ”Oops (Oh My)” aus seinem G4. Tweet vs. Ladytron? ”It’s really hard”, so die Warnung. Keine Frage, Dannys noisy Guitar-Version klingt wie Tweet auf Speed mit Iro und Bierdose. Leider konnte ich ihm dieses exklusive Kleinod nicht entlocken, obwohl Ladytron ansonsten die Copyrightdebatte um im Netz gezogene MP3 recht entspannt sehen. ”Freie MP3s funktionieren auf einem Promotion-Level für unsere Tracks. Was sollten die Kids auch mit gekauften MP3s, die sie keinem zeigen können, es sind doch bloß Bytes. Wenn du den Track wirklich magst, möchtest du ihn doch auf CD kaufen.”

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Elektronische Lebensaspekte.