Ein Interview mit dem Literaturwissenschaftler Eckhard Schumacher über einen zentralen Terminus im Pop-Diskurs.
Text: Julian Jochmaring aus De:Bug 130

Gemälde: ornaldo kern

Die Metapher “Müll” weigert sich standhaft, auf den Müllplatz des Popdiskurses zu wandern. Ob man mit dem Begriff positiv oder negativ umgeht, ist allerdings Verhandlungssache. Ein Interview mit dem Literaturwissenschaftler Eckhard Schumacher über die ideologische Zerrissenheit eines zentralen Terminus im Pop-Diskurs.

Müll ist wichtigstes Lebenselixier als auch größtes Trauma von Pop. Im ewigen Kampf der Popkritiker um die Diskurshoheit über die Popschaffenden gleicht die herablassende Titulierung “Müll“ dem Tritt in die Magengrube – wenig subtil und elegant, aber doch immer wieder effizient und gerne angewandt.

Aber die sich täglich so tapfer und magengrubentretend in die Schlacht stürzenden Kritiker sind letztlich nur in Windmühlenkämpfe verstrickte Epigonen Don Quijotes, denn was sie mittags per flinken Tastaturfingern auf die Müllhalde befördern, wird am Nachmittag an anderer Stelle schon wieder zum heißesten Scheiß erklärt, während unser Popkritiker nur kurz zum Bäcker um die Ecke geeilt ist, um sich seinen Lieblingskuchen zu besorgen. Ein Schelm, der hinter der semantischen Indifferenz von “Müll“ und dem “heißesten Scheiß“ Böses vermutet.

Müssen wir also Mitleid haben mit unserem armen Kritiker? Nein, denn schon bald wird er neuen Müll ausgemacht haben, den es zu bekämpfen gilt, und seien es zunächst nur die Kuchenkrümel auf seinem Schreibtisch.

Halten wir also fest: Müll und der heißeste Scheiß, die Sphären der höchsten popkulturellen Wertschätzung wie der tiefsten Verachtung, sind nicht nur semantisch äußerst indifferent. Auch sonst ist zwischen ihnen keine absolute, sondern immer nur eine relationale Unterscheidung möglich.

Was heute noch als abstoßend und wertlos bezeichnet worden ist, kann schon morgen zum höchsten ästhetischen Wert erhoben werden und umgekehrt.

Der Reflex, das Fremde und Neuartige erst mal als Müll abzuwerten, zieht sich wie ein roter Faden durch die Pop-Geschichte, von Rock’n’Roll über Punk bis zu Techno. Dabei hat Pop Müll immer auch instrumentalisiert, um ihn gegen bestehende Ordnungen einzusetzen. Die Wurzeln für diese Ästhetisierung des Wertlosen liegen in der Avantgarde-Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Dadaisten und Konzeptkünstler wendeten sich gegen eine überkommene Vorstellung des “Erhabenen“ in der Kunst und setzten dagegen auf das vermeintlich Banale und Oberflächliche. Zwar löste Marcel Duchamps “Fountain“ von 1917 auf der hochkulturell geeichten Richterskala der Empörung längst nicht so einen hohen Ausschlag aus wie Elvis‘ Hüftschwung rund 40 Jahre später, doch wäre Pop ohne die Pionierarbeit der Avantgardisten undenkbar.

Bricolage, Zitat und Sampling, das Nutzbarmachen von kulturellem Müll als Ressource wurde zum wichtigsten Antriebsfaktor der Popkultur.

Heute scheint die Hinwendung zum Müll vielleicht nicht so sehr als Produktionsverfahren, viel mehr dagegen als Provokationsmittel ausgedient zu haben. Hat unserer fiktiver Popkritiker vom Anfang sich nicht längst schon eingerichtet in einem Zustand aus Lethargie und Ironie angesichts der so unüberschaubaren wie redundanten Masse an digitalem Datenmüll, der ununterbrochen durch die Kloake des Internets gespült wird?

Eine falsche und naive Einschätzung, behauptet Eckhard Schumacher, Literaturwissenschaftler der Universität München und Mitherausgeber der Popliteratur-Anthologie “Pop seit 1964“. Wir waren mit ihm zwar nicht Kuchen essen, haben aber in einem Gespräch die lose herumhängenden Diskursstränge aufgegriffen und zusammengeführt.

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Debug: Warum wurde Pop in seinen Anfängen sofort als Müll bezeichnet?

Schumacher: Wenn man von Popmusik und Müll spricht, muss man zunächst unterscheiden zwischen einer Ästhetik des Hässlichen oder auch einfach nur Banalen, was ja eher eine aus Perspektive der Produzenten geschaffene Kategorie ist, und einer wertenden Zuschreibung von Popmusik als Müll, die aus einer anderen Position getroffen wird.

Es passiert natürlich permanent, dass man etwas als “Müll“ oder wertlos abstempelt, um etwas anderes aufzuwerten. Interessanterweise ist dabei erst mal ziemlich egal, was als Müll bezeichnet wird.

Debug: Gerade in den 50ern und 60ern war die kategorische Abwertung von Pop in einem sehr breiten gesellschaftlichen Feld Konsens – vom konservativen Feuilletonisten bis hin zu linken Kulturkritikern wie Adorno und Horkheimer. Woran lag das?

Schumacher: Wenn man etwas als Müll bezeichnet, trifft man eine Wertunterscheidung. Die Popmusik trat ja mit einem aggressiven Gestus auf und setzte gegen die vermeintliche Virtuosität und intellektuelle Tiefe der Hochkultur das Brachiale, Oberflächliche und gewissermaßen auch Unreine.

Insofern liegt man gar nicht so falsch, Popmusik als Müll abzutun, da das von Anfang an die Idee von Pop war. Pop kümmert sich aber gar nicht darum, sondern besetzt dieses Feld des kulturell Wertlosen, um sich selbst Freiräume zu schaffen.

Debug: Muss sich diese für Pop so essentielle Distinktion aber grundsätzlich über die Besetzung der als dreckig, unrein und wertlos angesehen Positionen vollziehen?

Schumacher: Das ist nicht zwingend notwendig. Müll kann auch sehr viel subtiler und unspektakulärer auftreten als in Form des Unreinen und Abstoßenden. Aber darüber werden bestimmte Affekte und Reaktionen am einfachsten provoziert, sodass man Aufmerksamkeit bekommt.

Debug: Eine Unterscheidung zwischen Hoch- und Subkultur erscheint aus heutiger Sicht längst überholt. Auch die Bezeichnung Müll ist nur noch als Relation bestimmbar, die je nach Kontext varriert. Gibt es trotzdem eine spezifische, zeitlose Müll-Ästhetik, oder ist alles nur Zuschreibung?

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Schumacher: Ich würde tatsächlich das Moment der Zuschreibung hervorheben. Es gibt aber sicherlich eine Konstante bei einer Ästhetik des Hässlichen. Nur muss das Hässliche nicht immer mit Müll gleichgesetzt werden, denn sobald das Hässliche als ästhetischer Wert erkannt wird, ist es ja schon kein Müll mehr und damit ist man wieder beim Relationalen und bei der Zuschreibung.

Debug: War die radikale Müll-Affirmation von Punk dann eine Fortsetzung von schon vorher zu beobachtender Tendenzen oder etwas völlig Neues?

Schumacher: Etwas völlig Neues sicherlich nicht, man kann Vorläufer von Punk schon in den 60er Jahren ausmachen. Bands wie MC5 oder die Stooges haben ja auch schon das Dreckige als äshetische Kategorie funktionalisiert, sowohl im Sound als auch in ihrer sonstigen Erscheinung.

Punk spitzt das nur noch mal explizit zu. Auch Kunst-Bewegungen wie die Wiener Aktionisten haben sicherlich einen gewissen Einfluss auf Punk gehabt.

Debug: Trotzdem würde ich aber eine Unterscheidung machen zwischen dem Banalen und Wertlosen, dass schon bei Marcel Duchamp aufgegriffen wird, und dem Hässlichen und Schmutzigen.

Schumacher: Dieser Unterscheidung würde ich zustimmen, nur geht mein Begriff von Müll über das Hässliche und Schmutzige hinaus. Das ist nur eine Dimension von Müll. Man muss Müll nicht immer pathetisieren, er kann auch einfach das sein, was andere als wertlos und nicht ästhetisch relevant ansehen.

Debug: Warum bleibt Punk auch nach über dreißig Jahren noch immer der größte Bezugspunkt, wenn man über Popmusik und Müll spricht?

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Schumacher: An Punk kann man am besten studieren, was passiert, wenn man affirmativ auf Müll setzt. Es werden nämlich keine Werthierarchien einfach dadurch umgestürzt oder gar aufgelöst, dass man einfach die andere Seite der Unterscheidung aufwertet. Das führt nur dazu, dass man sich behaglich im Müll einrichtet und Müll als Norm produziert, obwohl man sich doch eigentlich gegen alle Normen gewandt hat.

Mit Post-Punk und New Wave kamen dann ordentliche Seitenscheitel und frisch gebügelte Hemden zurück. Davon versteht man aber nur die Hälfte, wenn man nicht begreift, dass das eine Reaktion auf diese Bequemlichkeit von Punk war.

Debug: Bei Punk waren akustische und visuelle Codes, die Musik und die Mode, noch völlig deckungsgleich. Warum stellt man danach bewusste Asymmetrien zwischen diesen beiden Polen her?

Schumacher: Wenn alles nur noch Müll ist und völlig gleichgültig wird, wovon das jetzt zu unterscheiden ist, braucht es neue Differenzen und Asymmetrien. Das kann im Kontext von New Wave sein, wo eine bewusste Asymmetrie zwischen visuellem Erscheinungsbild und politischer Radikalität hergestellt wird.

Man kann aber auch diese Pop-Euphorie der 80er, Bands wie Haircut 100 und Aztec Camera als Abgrenzung zu einer Auffassung von Punk lesen, die nicht begriffen hatte, das Müll nur so lange interessant ist, wie man damit Differenzen herstellen kann.

Debug: Wenden wir uns der Pop-Literatur zu, die ja gerade in den 90er Jahren auch oft als wertlose, banale oder wie Maxim Biller es nannte “Schlappschwanz-Literatur“ bezeichnet worden ist. Hier findet man wieder das Phänomen der externen Zuschreibung. Griffen da die gleichen Reflexe wie in den 60ern?

Schumacher: Das sind sicherlich die gleichen Reflexe. Wieder wird von hegemonialen bzw. einflussreichen Positionen etwas Neues nach selbst erhobenen Wertmaßstäben beurteilt und abgewertet. Solche Wertungen sind aber meistens ein Signal dafür, dass etwas passiert, das diese Wertmaßstäbe irritiert und Aufmerksamkeit erregt. Entweder wird das dann interessant oder verschwindet schnell wieder.

Debug: Schon in den 80ern, aber vor allem dann in den 90ern kann man meiner Meinung nach zwei verschiedene Formen des Umgangs mit Müll beobachten. Auf der einen Seite Recycling und Sampling, wo das vermeintlich Wertlose als Ressource dient und konstruktiv transformiert wird, auf der anderen Seite einen eher destruktiven Umgang, der sich zwar auch auf Kultur-Müll als Ressource bezieht, aber das Unfertige und Kaputte daran betont oder sogar noch verstärkt. Auf das Beispiel Pop-Literatur bezogen würde ich Thomas Meinecke und Rainald Goetz als stellvertretend für diese beiden Positionen nennen.

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Schumacher: Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Recycling- und Bricolage-Prozessen sowie einer reinen Destruktion. Explizit auf diese beiden Autoren würde ich das aber nicht beziehen, denn auch wenn Goetz oft destruktiv arbeitet, gibt es bei ihm auch immer die Verweismöglichkeiten wie bei Meinecke.

Im Kontext der Literatur ist vollkommene Destruktion und das Ende jeglicher Signifikation generell schwer vorstellbar, es sei denn auf der materiellen Ebene der Sprache, also wenn plötzlich keine Buchstaben mehr zur Verfügung stehen würden.

Debug: In der Musik ist das einfacher, wenn man an Noiserock, Doom-Metal oder Digital Hardcore denkt. Liegt das daran, dass das Medium der Sprache nur eine untergeordnete bzw. gar keine Rolle spielt?

Schumacher: Man könnte denken, dass das einfacher wäre. Aber selbst die totale Zertrümmerung jeglicher Harmonien, Rhythmen und Strukturen kann ja mittlerweile fast selbst wieder als normatives ästhetisches Programm begriffen werden.

Momente der Destruktion werden schon allein dadurch aufgewertet, dass sie aufgezeichnet werden und damit immer wieder kopiert und wiederholt werden können. Das kann man gut finden, aber auch bitter, da die Möglichkeit eines radikalen Bruchs nicht mehr gegeben ist.

Debug: Unterdrückt diese “Anything goes“-Haltung nicht auch kreatives Potential, das sich ja immer auch im Überschreiten von Grenzen entfaltet?

Schumacher: Wenn man davon ausgeht, dass Kultur grundsätzlich Unterscheidungen braucht, damit überhaupt Kommunikation stattfinden kann, dann ist ein “Anything goes“ sicherlich nicht zu begrüßen.

Wenn man sich aber ein wenig davon entfernt, muss man konstatieren, dass ein “Anything goes“ unweigerlich implodieren wird, denn wenn es irgendwann keine Unterschiede mehr gibt, also Müll auch nicht mehr als Müll zu erkennen ist, entsteht ein Stillstand, auf den wieder eine neue Reaktion erfolgen würde. Einen Schlusspunkt kann es nicht geben.

Debug: Der Begriff Müll wird heute ja oft durch Trash ersetzt. Trash ist interessanterweise eher eine Auszeichnung als eine Abwertung. Viele unter dem Begriff “New Rave“ subsumierte Bands bekennen sich offen zu Trash, in jeder Dorfdisco gibt es mittlerweile so genannte “Trash-Parties“ …

Schumacher: Trash ist auch nur eine Option der Umcodierung, die einem gängigen Muster folgt. Dinge genau deswegen gut zu finden, weil sie allgemein als schlecht und wertlos bezeichnet werden.

Man kann entweder eine ironische Haltung dazu einnehmen oder einfach Spaß an Produkten haben, die jegliche Standards unterbieten, da man der ewigen ästhetischen Verfeinerung überdrüssig ist. Virtuosität bedeutet ja oft auch Langeweile.

Debug: Ist nicht Ironie auch Stillstand, da sie im Kern wieder eine gewisse Borniertheit und Überhöhung der eigenen Position gegenüber dem Gegenstand der ironischen Betrachtung beinhaltet?

Schumacher: Da würde ich zustimmen. Gerade wenn es um Umgang mit Müll geht, ist es meistens interessanter, wenn man das, was als Müll identifiziert wird, ernst nimmt, ohne immer schon vorher zu wissen, dass man eigentlich woanders steht. Ironie ist nur dann spannend, wenn sie keine stabilen Verhältnisse voraussetzt und für Unsicherheit sorgt, den sich ironisch Verhaltenden mit eingeschlossen.

Debug: Müll wird immer auch bestimmt durch den Ort, an dem dieser lagert. Die unzähligen privaten Archive und Sammlungen, die Deponien der Popkultur verlagern sich immer weiter in das digitale Archiv des Internets, das quasi ein Hyper-Archiv, aber auch eine Hyper-Deponie darstellt. Wird man irgendwann gar nicht mehr zwischen Müll und Nicht-Müll unterscheiden können?

Schumacher: Ich glaube, es wird immer die Möglichkeit geben zu unterscheiden, weil alles zu Müll werden kann und weil aller Müll auch wieder umcodiert werden kann zu etwas, was nicht Müll ist. Im Internet hat man sowohl die Deponie als auch das Archiv des kulturell Bedeutenden.

Interessant ist aber, dass man gar nicht immer genau sagen kann, was eigentlich ein kulturell wertvolles Archiv ist und was eine Mülldeponie ist. Das kann sich durch neue Speichermedien, aber auch neue Geschmacksparameter immer wieder verändern. Der Datenmüll, der auf unseren Festplatten schlummert, könnte in zehn Jahren auch äußerst wertvoll sein, und sei es nur, weil Kunstformen entstehen, die daraus neue ästhetische Werte generieren.

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Elektronische Lebensaspekte.

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