Das vierte Album von Henrik Jonsson aka Porn Sword Tobacco hat den scheinbar programmatischen Titel "Everything Is Music To The Ear".
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 135

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“Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen.” 1911 schrieb Arnold Schönberg, der bedeutende Musiktheoretiker, Komponist und Begründer der Dodekaphonie, diesen vielzitierten Satz, der die Auffassung von kreativem Ausdruck nicht mehr ausschließlich als Ergebnis handwerklicher oder virtuoser Fähigkeiten sehen wollte. Heute wird Kunst und Musik indes häufig noch immer mit einem Zweck verbunden.

DJs wollen Frauen abkriegen, den sozialen Status pushen, Sounds sind häufig Werkzeuge. Bildende Kunst ist noch immer von elefantösen Strukturen und einem kapitalistischen Habitus durchzogen. Henrik Jonsson stammt aus Göteborg und lebt seit ein paar Jahren in Berlin, nachdem er mit einem großen Technoprojekt namens Atmos vier Jahre lang als Bühnenmusiker und Soundengineer die Welt bereiste, von Japan bis nach Sambia und retour. Sein eigentliches musikalisches Kind hört aber auf den Namen “Porn Sword Tobacco”.

Nun ist sein viertes Album erschienen, das den scheinbar programmatischen Titel “Everything Is Music To The Ear” trägt. Alles ist Musik in den Ohren. Es ist die stille Hinnahme der Welt. Die Annahme, dass Musik für den Menschen dieselbe evolutionäre Bedeutung in sich trägt, wie der Pinzettengriff oder das Etablieren von Schrift und Sprache.

Diese These funktioniert diametral zum Windmühlenkampf eines Jonathan Meeses, der gegen die Diktatur der Kunst wettert, da die formale Logik ohne Zweifel den Schluss zulässt: Wenn alles Kunst ist, dann ist nichts Kunst. Als Künstler müsse man sich doch den gleichmachenden Kräften entgegenstellen. Zur Not auch mit Krach und Krawall. Wo bleibt sonst die Transzendenz von Kunst?

Flinke Finger

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Die Aussage, dass alles Musik in unseren Ohren sei, scheint zunächst jener Definition zu widersprechen, dass Musik ein intentional produzierter Klang in einem vorgegebenen Zeitraum ist. Es ist aber nicht der akademische Entwurf, den Porn Sword Tobacco hier erneut skizzieren will. Vielmehr ist es die Zurücknahme des Außen, um wahrzunehmen, was als kreativer Ausdruck und Sprache Musik vor allem im Innen sein kann.

Die Metaphysik der Musik liegt nicht in ihrer Epochalität und Kunstwertigkeit begründet – die Metaphysik der Musik liegt darin, dass alles, was wir als Menschen und darüber hinaus sind, im Klang als ätherisches Vokabular und Weltverständnis widergespiegelt werden kann. Henrik Jonssons Musik ist skizzenhaft, schleierhaft, assoziativ und malerisch-cineastisch. Es ist die Landschaft mit seinen Wäldern, Bergen und Seen seines Heimatlandes Schweden, die sich im Dispositiv speichern. Wer Wald sagt, sollte im gleichen Atemzug auch GAS sagen können.

Aber auch wenn sich zwischen den Takten Referenzspektren von Erik Satie, über Brian Eno oder Claude Debussy aufspannen, ist es eine kindliche Naivität, die sich wie ein Netz durch seine Sounds zieht. Es wird nicht Wagner oder Webern in ihrer Diskurshaftigkeit wie bei Wolfgang Voigt reflektiert. Jonsson malt sein Sein, seine Heimat und seine Kindheit mit seinen impressionistischen Songs:

“Ich weiß nicht mal, was ein akademischer Ansatz für Musik sein soll. Da bin ich weit von entfernt. Ich bin ja studierter Maler und habe auch viele Ausstellungen gehabt. Während meiner Zeit an der Kunsthochschule habe ich Diskurse geführt, aber als ich mit meiner Musik anfing, habe ich meinen Pinsel sofort hingelegt. Zwar habe ich wieder das Bedürfnis zu malen, aber wohl erst wenn ich alt bin, wenn meine Finger langsam werden.”

Freunde musizieren

Die musikalischen Bezugspunkte liegen tatsächlich in der mütterlichen Plattensammlung. In Jonssons Kindheit wurde gemeinsam Kraftwerk und Music for Airports gehört. Was viele erst in der Adoleszenz mit historischer Aufladung und inhaltlicher Schwere für sich entdecken, war der Soundtrack der Heimat und des Aufwachsens in einem künstlerisch geprägten Elternhaus.

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Alle Porn Sword Tobacco Alben sind im selben Studio entstanden, dem Silence Studio in Nävem/Koppom, 270 km nördlich von Göteborg. Ein großes Holzhaus, über den Aufnahmeräumen Wohnräume – man ist gänzlich von der Zivilisation abgeschnitten: “Um das Studio gibt es nichts, aber eigentlich ist es alles, weil es doch die Natur ist, die Welt. Es ist wunderschön dort. Das erste Mal bin ich dort mit meinen besten Freunden hin.

Für jede Platte gehe ich zurück in dieses Studio und lade auch immer die gleichen Freunde ein. So hat man das Gefühl kontinuierlich an etwas weiterzuarbeiten. Sie arbeiten und leben jetzt auch in verschiedenen Städten. Es ist also auch ein schöner Weg, eine Woche gemeinsam zu verbringen. Sie spielen gar nicht viel.

Es ist noch immer meine Musik, einer spielt mal eine Bassline ein, aber ich komme mit viel Material und Tapes an und bearbeite das dann dort. Wir reden über Musik, inspirieren uns. Da man dort auch wohnen kann, kochen wir gemeinsam und leben für den Zeitraum gemeinsam sehr intensiv.”

Wenn jemand wie Henrik Jonsson sich sowohl mit bildender Kunst als auch mit Musik auseinandergesetzt hat, dann vermutet man gemeinsame Schnittstellen. Beim Hören seiner Musik möchte man meinen, dass seine Gemälde, ohne sie je zu Gesicht bekommen zu haben, Landschaftsmalereien sein könnten: “Schnittmengen gibt es. Es gibt sowohl Farbpaletten und Soundpaletten und ja, ich habe Landschaften gemalt, aber auch Formen und Linien, teils zufällige Konstellationen, die dennoch eine gewisse Symmetrie in sich tragen.”

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In welcher Form ist deine Musik denn romantisch?

Henrik Jonsson: Ich fühle mich nicht romantisch, wenn ich Musik mache. Aber für mich ist es das Kraftvollste, was man empfinden kann, wenn ich Musik mache. Es hat einen Wert daran weiterzuarbeiten, die Dinge der Welt zu verarbeiten. Es kann aber genauso die Musik anderer Leute sein. Man hat immer das Gefühl, dass Musik ein ehrlicher Ausdruck von Menschen ist. Sie setzen sich hin, um sich auszudrücken. Gefühle und Gedanken auszuproduzieren, um damit zu kommunizieren. Musik empfinde ich als genuine Kommunikationsform.

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Debug: Es gibt Leute, die sagen würden: Kunst braucht Konzept.

Jonsson: Ich würde keinen Schwarz-Weiß-Fernseher in eine Galerie stellen und proklamieren, das sei jetzt Kunst. Das ist konzeptionell. Wenn es ein Konzept für mich gibt, dann ist es ein Modell fürs Überleben zu finden. Ich könnte mir nicht vorstellen, in einem Land zu leben, wo man hungern muss. Wenn man aber nicht physisch hungern muss, hat man die Möglichkeit sich psychologisch zu ernähren und auch andere Menschen psychologisch zu füttern – ihnen Nahrung zu geben.

Debug: Kunst und Musik haben die Gemeinsamkeit, dass eine Körperbewegung direkt in etwas umgewandelt wird, ein Pinselstrich auf der Leinwand, ein Tastendruck auf dem Klavier erzeugt einen Ton. Die Rezeption ist aber hingegen komplett gegensätzlich.

Jonsson: Ein Gemälde kann man sich zwei Jahre lang anschauen, man kann neue Dinge finden und lange darüber nachdenken und reflektieren. Wenn man aber live spielt, dann sind erstmal 80 Prozent der Leute betrunken. Zehn Prozent sind ernsthaft an der Musik interessiert, die können aber nichts hören, weil jeder am Reden ist. Und keiner wird sich später wirklich an die Musik erinnern. Manchmal wünsche ich mir, dass die Menschen Musik mehr wahrnehmen würden wie ein Kunstwerk.

Wenn man Porn Sword Tobacco mit diesen Hintergründen hört, dann könnte man darin fast wieder ein Gegenkonzept zu den in die Kunst-Beletage drängenden Elektronikproduzenten sehen, wo Geld genauso eine Rolle spielt, wie das Institutionalisieren der eigenen Kreativität. Was man stattdessen aber mitnehmen sollte, ist das Rückbesinnen auf die Wichtigkeit von Musik – für uns alle, nicht nur für Eliten. Die Unendlichkeit und Universalität von Musik trägt bei Porn Sword Tobacco den Duft und die Farbe der nordischen Gebirge und Wälder in sich.

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Porn Sword Tobacco “Everything Is Music To The Ear” ist auf City Centre Offices / Indigo erschienen.
www. city-centre-offices.de

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