Seit Nikakoi weht der Wind der elektronischen Musik nicht mehr einfach über Georgien hinweg. Und dennoch ist Gogi Dzozuashvili einer der wenigen Musiker, die es mit einem Release bis in den Westen schaffen.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 107

Elektronika

Hinter den sieben Bergen
Post Industrial Boys

Georgien ist ein Märchenland, ein Räuber-Hotzenplotz-Land. Auf fast die Hälfte der Fläche fällt das Licht nur grünlich gedämpft durch die Wipfeldecke urzeitlicher Wälder, gerade ein Siebtel der Bevölkerung nutzt das Internet und in Tivlis fährt man in vorsintflutlichen Mercedes-Limousinen, an deren Seite Aufschriften verblassen wie: “Kein Mitleid mit deinem Schmerz: Apotheke Schmidt, Bergmannstraße 82, 10961 Berlin“. Und ständig weht vom schwarzen Meer Asien herüber, das leise Klingeln buddhistischer Glöckchen, der Gesang koreanischer Reisbauern, der sich hineinwebt in das Reklamegeschrei aus dem Westen, das hier den Träumen nur den fernen Horizont beleuchtet, ihnen aber keine falschen Versprechen unterjubelt. Gedämpft ist es in Georgien und die meisten Hunde haben nur drei Beine. Gogi Dzozuashvili aka Post Industrial Boys lebt hier, mit ihm seine Freunde vom Künstlerkollektiv Goslab, darunter Nikakoi und Tusia “TSB” Beridze, die beide auch im Westen Platten veröffentlicht haben. Gogi lebt hier zwischen den Menschen, die ihn nicht erkennen, und dem schwarzen Meer, in dem man noch im Oktober baden kann, und träumt vom Europa von Proust und Joyce, während er seine Thai-Chi-Übungen macht.

“City Lights“ von Nikakoi aus dem Jahr 2002 ist für mich wie ein Blueprint der georgischen Elektronikmusik, die träumerische Dekadenz?

Es ist das Erbe der Post-UdSSR-Atmosphäre. Sehr langsam, schläfrig, sehr emotional, fast sentimental. Es hat immer einen Anflug von Nostalgie. Die ganzen 90er über standen wir inmitten eines Wechsels der politischen Systeme. Dagegen sind unsere Kindheitserinnerungen an die UdSSR sehr glücklich.

Georgien liegt zwischen den Kulturen. Beeindruckt dich östliche oder westliche Musik stärker, wenn du am Computer produzierst?

Das wechselt von Jahr zu Jahr. Früher, vor zehn Jahren, war ich hauptsächlich gen Westen orientiert. Musik, Kunst, Kino. Jetzt fühle ich mich der Kultur des Ostens näher. Du spürst in Georgien östliche und westliche Energien. Bei iranischem Kino fallen mir die Parallelen zur französischen Nouvelle Vague der 60er ein.

Hast du je in Deutschland gelebt?

Ich habe mal in Köln übernachtet … Aber ich habe 1996 drei Monate in England verbracht und dort das Clubleben kennen gelernt.

Ist es irgendwie vergleichbar mit dem in Tivlis?

Um ehrlich zu sein, es gibt kein Clubleben in Tivlis. Die mageren Ansätze versuchen nur, westliche Clubrezepte zu imitieren. Das funktioniert nicht. Aber unsere Folkmusik ist sehr stark und reich, singen und tanzen ist enorm wichtig für uns. Aber alle Versuche, sie zu modernisieren, sie mit Elektronik zu kreuzen, gehen schief. In London besuchte ich Konzerte, auf denen indische Musik mit HipHop-Beats vermischt wurde. Das war mir auch viel zu gekünstelt.
Die Speed-Folklore vom Balkan, die über die Kustorica-Filme so berühmt wurde, hat mich sehr fasziniert. Sie wird nicht zwanghaft modern verfremdet, sondern einfach nur etwas tanztauglicher für heutige Ohren produziert. Es bleibt aber sehr eng am Original. Wie Danny-Krivit-Edits von Disco-Stücken.
Im Moment arbeite ich mit Sounds aus japanischer und chinesischer Musik. Das ist mehr experimentell als nostalgisch im Vergleich zu Post Industrial Boys.

Wenn ich die Post Industrial Boys höre, fühle ich mich in das Westeuropa zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zurückversetzt, als Flaneure Schildkröten über die Fußsteige führten, ein Europa ermüdeter Galane und Gentlemen …

Diese Periode ist meine Lieblingszeit des letzten Jahrhunderts. Die Langsamkeit. Georgien heutzutage ist sehr entspannt. Hier hastet niemand wie in Deutschland. Wir, die Mitglieder von Goslab, sind sehr romantische Menschen. Nikakoi ist der größte Romantiker von uns allen.
Um Computermusik in Georgien zu machen, musst du Romantiker sein. Das ist so eine ungewöhnliche Tätigkeit hier, du gerätst in eine gewisse Isolation, naturgemäß, und die Leute, für die du die Musik machst, registrieren sie überhaupt nicht. Wir haben jahrelang an unserer Musik gearbeitet und nie kam sie über einen Kreis aus 20, 30 Leuten hinaus.
Aber das Leben in Georgien ist sehr angenehm, hier muss ich nicht arbeiten, um zu überleben. Hier arbeite ich, weil es für mich Leben bedeutet.

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Elektronische Lebensaspekte.