Vier Jungs ziehen um. Als The Rapture in San Francisco loslegten, waren sie eine Indieband, die von ihrem eigenen Genre gelangweilt war. Dann gingen sie nach NY und pfefferten mit Hilfe der Produzenten von DFA den Rock in die Clubszene, die von sich selbst gelangweilt war. Dabei ist so mancher Blumentopf für sie rausgesprungen.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 76

Die Rechnung zahlt kein Wirt

Vito: Es war lange sehr unklar, wer das Album veröffentlichen wird und wie es mit der Band weitergehen soll. Wer die Kontrolle über alles hat. Wir mussten uns erst einmal mit James und Tim von DFA auseinandersetzen, wer jetzt welche Kompetenzen hat. Gleichzeitig haben wir immer wieder mit neuen Plattenfirmen gesprochen und die Summen, die im Spiel waren, bekamen immer mehr Nullen. Mushroom Records waren die ersten, die die Plattte signen wollten, und boten uns, ich glaube, 50.000 Dollar. Und am Ende kam Universal, eine der größten Plattenfirmen der Welt, mit einem Scheck über anderthalb Millionen, wovon DFA die Hälfte bekommen haben, unser Management einen Teil und jeder von uns etwa Hunderttausend.

Gabe: Dröselst du bei jedem Interview unsere finanzielle Situation so auf?

Vito: Nein, aber es ist mir wichtig, weil es die verbreitete Vorstellung gibt, dass wir unglaublich reich wären. Nach Abzug der Steuern sind mir 70.000 Dollar geblieben. Das ist nicht wenig, aber ich kann mir davon, zum Beispiel, kein Auto kaufen …

Gabe: … natürlich reicht das, um dir ein Auto zu kaufen.

Vito: Okay, schlechtes Beispiel. Was ich sagen will: Wir sind nicht reich und außerdem müssen wir während der Tour von irgendetwas leben.

Man kann Vito Roccoforte verstehen. Der Rummel, der sich über ihn, Gabe Andruzzi, Luke Jenner und Matt Safer, zusammen The Rapture, spätestens mit dem Erscheinen ihre Debütalbums “Echoes” wahrscheinlich zu einem lupenreinen Hype verdichten wird, kann selbst ein unideologisches, südkalifornisches Indiegemüt schonmal in selbst auferlegten Rechtfertigungszwang treiben. Seitdem er und sein Schulfreund Luke Jenner vor knapp sieben Jahren die überschaubare Indie- und Emoszene San Diegos Richtung San Fransisco verließen, um dort eben jene Band zu gründen, die sich jetzt völlig zu Recht anschickt, den nahtlosen Übergang vom Hipster-Geheimtipp zur Hauptattraktion der musikalischen Herbstsaison zu werden, sind nicht nur die Nullen auf dem Vorschussscheck immer mehr geworden.

Die erste Maxi erschien, noch selbstfinanziert, auf dem Minilabel Hymnal. Es folgte eine 12″ auf Gravity, einige Bandbesetzungsänderungen und die Suche nach dem letzten Schliff an ihrem Soundhybrid aus Funk, Disco und Punk. Es brauchte jedoch noch zwei weitere Zwischenstopps über Seattle und New York, um letztendlich an die beiden Personen zu geraten, die zum einen sofort das Potenzial von The Rapture erkannten und sich zum anderen nach einigem Beschnuppern und nächtelangem gemeinsamen Musikhören daran machten, die zahlreichen musikalischen Referenzen von Television bis Gang of Four zu bündeln und endgültig in einen eigenständigen Sound zu verwandeln, der das Garagenpunkige mit dem Clubdancefloor versöhnte: James Murphy und Tim Goldsworthy. Und Gitarre trifft 909.

Mit DFA vom drögen Washingtoner DIY zu fashionable NY-Postpunk

Zu der Zeit, als sich die sechs auf einem Konzert von The Rapture in New York trafen, planten James, der schon für June of 44 und Primal Scream hinter dem Studiomischpult gesessen hatte, und Tim, ehemaliges Gründungsmitglied von James Lavelles musikalischem Blockbusterversuch U.N.K.L.E., ein gemeinsames Studio zu gründen: DFA, Death from Above. Schnell war klar, dass alle Beteiligten in eine ähnliche Richtung wollten. The Rapture wollten ein Dancealbum aufnehmen und die beiden DFA-Jungs wollten mehr Rock in den Clubs. 2001 kam das Minialbum “Out of the Races” auf Sub Pop heraus und kurze Zeit später ihr bisher größter Hit “House of Jealous Lovers” auf Trevor Jacksons Label Output. Es dauerte nicht lange, da lag ihnen London zu Füßen (auch wenn der NME in seiner ersten Review kein gutes Haar an der Single ließ) und auch Hells Herz war von Anfang an erobert und wollte die vier signen (“Ihr macht genau das, was wir hier brauchen. Dance Music stirbt. Wir brauchen Hilfe!”).

Dass das Arbeitsverhältnis und die Kompetenzenverteilung zwischen der Band und den Produzenten bei so ziemlich jedem Interview, das die vier in den letzten Monaten gegeben haben, einen besonderen Stellenwert einnimmt, provoziert bei ihnen den ein oder anderen lakonischen Kommentar.

Gabe: Sie sind nicht Teil der Band. Die Band macht alles zusammen: Entscheidungen treffen, auf Tour gehen. Die beiden gehen ja nicht mit auf Tour. Sie sind unsere Produzenten. Aber wir bringen die Songs mit ins Studio. Wir schreiben keine Songs zusammen. Sie helfen uns, diese so aufzunehmen, dass sie gut klingen. Die beiden haben uns eine Menge beigebracht und da ist wahrscheinlich noch weit mehr, das sie uns beibringen können. Sie sind unglaublich gute Musiker. Wenn die Band etwas nicht mag, wird es verändert. Wohingegen, wenn einem von den beiden etwas nicht passt, dann heißt das nicht automatisch, dass die Band es verändert.

(Vito, der kurz auf Klo war, kommt wieder rein)

Gabe: Eine Menge DFA-Fragen. Ich gebe mein Bestes.

Vito: (grinst) DFA!

Debug: Waren James und Tim bei allen Verhandlungen dabei?

Vito: Ja. Das war übrigens auch ein weiterer Grund, warum alles so lange gedauert hat. Mit dem Erfolg von “House of Jealous Lovers” nahmen auch die DJ-Anfragen für James zu. Es ist eben gar nicht so einfach zu verhandeln, wenn der eine auf einer Hipster-Party in Tokyo auflegt und sich amüsiert. Aber abgesehen davon, ihnen gehört das Album. Für immer. Wir haben zwar die Publishing Rights zu den meisten der Songs, aber ihnen gehört das Album.

Gabe: Sie haben es an Universal lizensiert. Alle weiteren Platten, die wir noch für Universal machen, werden wir dann irgendwann zurückbekommen. Ich glaube, nach siebzehn Jahren. Aber das erste Album gehört DFA. Sie können damit machen, was sie wollen. Ich hoffe, sie vermachen es später unseren Enkeln.

Dass nicht nur das Zusammentreffen mit DFA in New York den letzten Dreh an der Erfolgsschraube gegeben hat, sondern auch das ganze hiesige, durch Electroclash sowieso noch einmal aufgeheizte Glamourkonglomerat aus Williamsburgs Hipster- und Fashionvictims, bestreiten die beiden nicht. Die unterstellte Weltanschauungsdiskrepanz zwischen San Diegos und Washingtons (von dort kommt Gabe) Indie- und Emoszene und New Yorks fiebriger Postpunkszene hat sich mit der Zeit gelegt. Gabe: “Wir alle waren wirklich gelangweillt von der DIY- und Emoszene. Dort ist nichts mehr passiert, was uns glücklich gemacht hätte, und ich denke, wir alle fühlen uns dieser Szene nicht mehr verpflichtet. Musikalisch betrachtet ist das Ganze sogar extrem öde. In New York war dann plötzlich alles anders. Das Umfeld, aus dem DFA kommen. Da ist alles fashionable. Kunst ist fashionable und alle Künste fahren auf Mode ab. Es ist einfach etwas, dem wir permanent ausgesetzt waren und sind, und das nicht zu unserem Schaden.” Und so wäre es auch nicht verwunderlich, wenn man The Rapture eher neben The Strokes als neben Radio 4 oder The Liars einordnet (auch wenn die musikalischen Unterschiede auf der Hand liegen und die vier beim Thema The Strokes ob deren gutbürgerlicher Herkunft immer für einen lästernden Kommentar gut sind). “Unsere einzige Chance, in Amerika wirklich erfolgreich zu sein, ist ein Video auf MTV zu haben und als Rockband abgebucht zu werden”, gibt Vito am Ende des Interviews eine wahrscheinlich realistische Einschätzung der Bandperspektive ab, um dann lachend anzufügen: “But hey, we are pretty fucking rock.”

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Elektronische Lebensaspekte.