Für sein neues Word-Zine blickt der Stuttgarter Grafikdesigner Manuel Buerger in die Abgründe der Microsoft'schen Textverarbeitung. Und entdeckt dort die Kontrollgesellschaft von Gilles Deleuze.
Text: Chris Köver aus De:Bug 103

Word, Layout und Cliparts – allein die Kombination dieser drei Begriffe führt bei Menschen mit einem ästhetischen Empfinden zu schmerzverzerrten Gesichtern. Zu tief sitzen die grausamen Erinnerungen an Geburtstagseinladungen mit in dynamischen Pinselstrichen gezeichneten Clipart-Figuren, die um Torten tanzen, an Uni-Aushänge mit psychedelischen Wordart-Schriftzügen oder an die von einem selbst verbrochene und mit Word gelayoutete Schülerzeitung.

Genau in dieses verminte Gebiet hat sich jetzt der Stuttgarter Grafikdesign-Student Manuel Buerger mit seinem neuen “Word:mag” begeben. Das komplett in Word erstellte und auf herkömmlichem Druckerpapier kopierte Zine reizt über ca. 30 Din-A-5-Seiten alles aus, was das Textverarbeitungsprogramm an Cliparts, Templates und Effekten zu bieten hat. “Ich selber benutze Word seit der Version 2.0. Damals habe ich zum Teil die Schülerzeitung damit gelayoutet und mich noch über die Cliparts gefreut. Aber so richtig gefreut!”, bekundet der 25-Jährige offen. Heute sei es hingegen eher der “Trash-Aspekt”, der ihn an der Clipart-Ästhetik interessiere.

Doch nicht nur dieser. Was zunächst oberflächlich wie die lustige Spielerei eines verkappten Microsoft-Fans anmutet, entpuppt sich bei längerem Durchblättern als ein theoretisch solide unterfüttertes Projekt mit einem gar nicht nur lustigen Anliegen: Ausgangspunkt für das “Word:mag” war die Beobachtung Buergers, dass im Umgang mit Word einige symptomatische Phänomene unserer spätkapitalistischen Gesellschaft zum Vorschein treten – Phänomene, die der französische Philosoph und Psychoanalytiker Gilles Deleuze unter dem Schlagwort “Kontrollgesellschaft” zusammengefasst hat.

Freiwillige Selbstkontrolle
Wichtigstes Indiz und Grundlage der Kontrollgesellschaft ist die Tendenz zur Individualisierung. “Diese Anzeichen der Individualisierung sieht man wunderbar in allen Sondereditionen von Autos, Deos und Bekleidung. Ich werde selbst zum Produkt und versuche meinen Marktwert durch Differenzierung zur Masse zu steigern”, so Buerger. Individualität wird uns dabei zunächst als Zugewinn an Freiheit verkauft, erweist sich dann jedoch bloß als besonders fieses Tarnkäppchen für die Ausübung von Macht und Kontrolle – wenn sie nämlich dazu führt, dass wir uns nun selbst viel effektiver kontrollieren, als dies von außen je möglich wäre. “Die Verwirklichung über die Arbeit ist zur Lebensmaxime geworden”, diagnostiziert Buerger mit Rückgriff auf Deleuze und meint: “Dies geht so weit, dass wir uns im Interesse der gesellschaftlichen, im Endeffekt wirtschaftlichen Leitbilder permanent selbst zügeln. Früher war es vielleicht noch verboten, abends auszugehen, heute kommen wir nicht mal mehr auf den Gedanken. Die Kontrolle über sich selbst ersetzt zum Teil Aufgaben, welche der Staat einmal bewältigen musste.”

Und genau diese Tendenz zur Individualisierung einerseits und Selbstoptimierung und -vermarktung andererseits tritt laut Buerger so wunderbar in der Funktionsweise unseres liebsten Textverarbeitungs-Programms Microsoft Word zum Vorschein. Mit einem überbordenden Angebot an Schriftarten, Cliparts und zahlreichen anderen pseudo-individuellen Standardvorlagen ist Word geradezu ein Paradebeispiel des allumfassenden Personalisierungsterrors. “Das Programm entwickelt seine Funktionen nach den Zügen der Kontrollgesellschaft. Verformt sich ständig zu seinem eigenen Nutzen und versprüht den Duft von Freiheit in alle Himmelsrichtungen”, schreibt Buergel in dem mehrseitigen Theorie-Pamphlet, das den von Grafikexperimenten umgebenen Kern des Word:mags bildet.

Und so ist auch die totale Überspitzung des Clipart-Terrors in Form des Word:mags letztendlich der zaghafte Versuch einer, wie er selbst schreibt, “kritischen Dekonstruktion” des Programmes und dessen, was es mit uns tut. “Der übliche Wordlook soll auf den Kopf gestellt oder übertrieben werden. Das Ziel ist natürlich, das Programm und die Kontrolle, die es auf uns ausübt, zu überlisten und eine Art persönliches Ergebnis zu produzieren.”

Ob’s gelingt, kann am besten jeder selbst entscheiden. Die erste und vorerst einzige Ausgabe des Word:mag kann für 5 Euro bei ShakeYourTree.com bestellt werden. Theoretische Rückendeckung hat das Projekt übrigens von Diedrich Diederichsen, einem von Buergers Professoren an der Stuttgarter Merz-Akademie, erhalten.

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Elektronische Lebensaspekte.