Es ist schon wieder fünf Jahre her, da trafen sich auf dem englischen Label Too Pure so innovative Konglomerate wie z. B. Laika, Mouse On Mars, Long Fin Killie und eben: Pram. Im Jahr 2000 ist fast alles anders. Neue Labels, neue Bands, anderer Klang. Aber Prams leicht trauriger Superkinder-Märchen-Postrock ist geblieben.
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 43

Im Märchenmuseum
Pram

Immer zu spät: Birmingham

Manchmal sitzt man fast ein Leben lang seltsamen Täuschungen auf, die sich nur durch merkwürdige Zufälligkeiten auflösen. Kaum jemand bemerkte beispielsweise, dass Prams Heimatstadt Birmingham die zweitgrößte englische Stadt ist. Auf der popmusikalischen Landkarte erscheinen hinter dem omnipräsenten London höchstens noch Liverpool oder Manchester. Von Birmingham wird selten gesprochen. Und wenn, dann eher negativ. Rosie versucht dieses Phänomen zu erklären: “Birmingham hat in keinerlei Hinsicht ein eigenes Profil – mal abgesehen von den Autofabriken. Obwohl einige Millionen Leute in der Stadt wohnen, gibt es kein echtes kulturelles Zentrum.” Und doch hat sich über die letzten Jahre eine kleine Szene rund um Pram entwickelt. Plone und Broadcast sind beispielsweise gute Freunde. Der ehemalige Schlagzeuger der letzteren, Steve Perkins, ist jetzt ein Pram geworden. So spinnen sich dann popmusikalische Fäden durch die englische Industriestadt. Rosie: “Es gibt inmitten all dieser Fabriken und Manufakturen eine Art kreative Oase, in der wir leben. Es ist wirklich so simpel: Abends gibt es für junge Leute nicht viel zu tun. Also macht man Musik. Da hat sich über die letzten vier Jahre etwas Familiäres entwickelt.” Damit bewegen sich Pram durchaus in einer Tradition, die die Swell Maps in den 70ern in Birmingham ausriefen.

Die Sache mit der Filmmusik

Auch musikalisch fallen Parallelen ins nicht nur journalistische Auge. Sowohl Swell Maps als auch Pram 25 Jahre später vermeng(t)en unterschiedliche Stile und Instrumente, lassen Songs entgleiten, um sie dann wieder zusammenzusetzen. Rosie: “Unser Gitarrist Matthew hat einige der Swell Maps-Alben. Sie sind sicherlich ein Einfluss.” Zudem haben beide Bands eine Affinität zu verschrobenen Songtiteln und filmmusikreifen Soundideen. Das neue Pram-Album “The Museum Of Imaginary Animals” klingt wieder sehr nach märchenhaften Geschichten in multi-instrumentalen Büchern, vorgetragen von Rosie Cuckston: “Die Wurzeln vieler Märchen beschäftigen sich mit der kindlichen Furcht. Wir versuchen, genau diese Stimmungen, diese Erfahrungen zu evozieren: Was passiert, wenn man vom Waldweg abweicht. Interessant ist, dass meist Journalisten danach fragen. Auf Konzerten werden wir eher selten darauf angesprochen.” Ein Effekt, der durch den eher instrumentalen Einsatz der Vocals begründet sein mag. Rosie sieht die eigenen, benutzten Musik-Genres wie Dub, Jazz und Funk als Soundtrack und arbeitet derzeit mit Pram an einer Vertonung eines Kurzfilms für MTV.

Wider den Stillstand

Pram benutzen sowohl die klassische Bandbesetzung als auch eine Menge elektronischer Spielereien. Über die letzten Alben macht sich bei dem Kollektiv allerdings kein klares Bekenntnis in eine Richtung bemerkbar. Offensichtlich findet Rosie Gefallen am Nichtfestlegen: “Klar arbeiten wir mit Computer-Sequenzing im Studio. Wir sind keine dieser Fans von möglichst alten, analogen Keyboards. So weit hinter der Popzeit wollen wir auch wieder nicht sein.” Überdies funktioniert das Schema Pram auf der Bühne durch ständige Positions- und Instrumentenwechsel der sechs bzw. sieben Mitglieder. “Der Sound-Mann übernimmt die Samples. Die Bühnensituation ist im ständigen Prozess. Es ist immer etwas los. Mittendrin steht dann auch noch das Theremin, nach dem viele Leute nach den Shows fragen.” Somit befinden sich Pram viel eher in tortoischer Nachbarschaft denn im posenden Rock-Kontext. Wie auf der Bühne, so stehen Pram auch in anderen Rahmen niemals still: “Wir nehmen zusammen Videos und Super-8-Filme auf, gerne mit Animationen, gestalten die Cover selbst und remixen ab und an Acts wie Atomheart oder LFO/Aphex Twin.” Obwohl sich die Band zunächst nicht als geeignet für diese Art der Musikbearbeitung hielt, wagten sie sich an die Remixe. Rosie: “Es ist spannend, viele Dinge und Seitenpfade auszuprobieren. Für den Warp-Remix mussten wir erstmal eine Menge der alten Warp-Sachen anhören, um ein Gefühl dafür zu bekommen.” Es gibt bestimmt noch eine Menge alter Kisten und Kinderwagen auf dem Speicher der Popmusik zu entdecken.

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Elektronische Lebensaspekte.