Die neue Offenheit
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 132


Ein Mann, drei Gesichter. Scott Herren spült diesen Monat seine geballte Kreativität mit drei Alben drei unterschiedlicher Projekte in unsere Richtung: Prefuse 73, Savath & Savalas und Diamond Wrist Watch haben als bindenes Element die 70er. Und HipHop. Und alles andere. Ein Gespräch über Blogger, Politik und Dringlichkeiten.

Prefuse ist unermüdlich. Einst die Speerspitze dessen, was man irgendwie so am Rande von HipHop als neues Genre, das es endlich mit der elektronischen Basis der Musik auch ernst meint, identifiziert hatte, war Prefuse eines der neuen Wunderkinder. Seit Jahren aber schon ist es um die Gebiete dieser Musik eigentlich überraschend still geworden. Das aber hält Prefuse beim besten Willen nicht davon ab, in diesen Monaten gleich drei Alben herauszubringen.

Als Prefuse, unter dem Titel “Everything She Touched Turned Ampexian”, ein abenteuerliches CutUp-Werk, das auch im Sound wieder nach einer analogeren Ästhetik sucht, zusammen mit Eva Puyuelo Muns eine weitere Exploration in katalanischen Folklore-Klangwelten , die schon fast etwas halluzinatorisch-progessives haben und ein Projekt mit dem Drummer Zack Hill, dessen polyrhythmische Komplexität auf einem Teppich seltsamer frühsiebziger Ideen zu schweben scheint.

Musik, deren melodischer Reichtum und Ideendichte sich immer wieder aus dem Pool der 70er speisen und bei aller Verwirrtheit eine Harmoniesucht an den Tag legt, die dennoch nichts Eskapistisches hat.

De:Bug: Gleich drei Releases auf einmal. Wie differenziert man da.

Prefuse: Die Projekte enstanden ja alle zu verschiedenen Zeiten, aber das wirklich Harte ist das Micromanaging dahinter. Ich vertraue da ja sonst niemandem und will alles selber machen. Ich muss alle Fäden in der Hand halten. Savath & Savalas ist jetzt schon über ein Jahr alt, aber ich brauchte einfach ein Label, das die Referenzen versteht.

Prefuse ist über einen langen Zeitraum entstanden, aber hier waren es vor allem die Edits, das Knüpfen des Teppichs zwischen den Beats, was die Arbeit gemacht hat. Die Projekte haben ja letztendlich nichts miteinander zu tun, abgesehen davon, dass es alles verschiedene Facetten meines Geistes sind. Sie müssen aber nicht miteinander konkurrieren, dazu sind sie einfach zu unterschiedlich.

De:Bug: Ist Prefuse nach außen immer noch das wichtigste?

Prefuse: Leider. Für mich aber nicht. Da haben alle die gleiche Wertigkeit. Es macht vielleicht Sinn, wenn man es von der Marketingperspektive betrachtet, aber ich kümmere mich um jedes Projekt auf die gleiche Weise. Andererseits: Von Verkäufen kann man ja nicht mehr wirklich reden. Und wenn es sein muss, würde ich sogar bei McDonalds arbeiten, naja, vielleicht nicht wirklich, aber ich würde alles tun, um mich um mein Kind zu kümmern. Ich glaube nicht, dass ich das mit Musik auf die Dauer kann.

De:Bug: Alle drei Platten haben aber dieses sehr starke 70er-Gefühl.

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Prefuse: Ja, das stimmt. Es mag vielleicht daran liegen, dass ich selten viel Zeit habe, Neues zu hören. Ich höre sogar manchmal extra wenig Musik von anderen, um mich nicht so beeinflussen zu lassen, aber es gibt natürlich diese Go-To-Records. Die, auf die ich immer wieder zurückkomme. Es gibt für mich keine andere Ära, die mir soviel bedeutet. Ich sammle das sogar. Das betrifft auch die Produktion. Soul. Folk. Jazz.

De:Bug: Ich vermute, das Image, die Ideen hinter dieser Art von Musik aus den 70ern spielen eine genau so große Rolle. Die Politik der Musik, die Inhalte.

Prefuse: Ja. Das war eine Zeit, in der sich die Dinge bewegt haben. Für eine bestimmte Art von Song konnte man damals noch aus seiner Heimat geworfen werden. Das hatte eine Brisanz. In Brasilien genau so wie in Katalonien. Da konnte Musik schon mal Gefängnis bedeuten. Aber natürlich spielt auch der Erfindungsreichtum der Zeit eine große Rolle. Vor allem im Jazz: diese Spiritualität der Sounds jenseits der klassischen Formate. Das ist ein Zeitalter einer gewissen Bastardisierung. Pharao Sanders z.B. Und dabei ist das alles auch noch so friedlich.

De:Bug: Es ist ja auch ein Ära, in der die musikalische Welt auf der einen Seite viel globaler wurde, auf der anderen Seite aber auch viel lokaler. Wo es eine gewisse Nostalgie gab, die einen auf die eigene Kultur hat zurückblicken lassen und nicht nur an musikalischen Fortschritt dachte.

Prefuse: Ja. Die 70er haben einfach zuviele Facetten. Auch die elektronischen Instrumente wurden da groß. Verschiedene ungehörte Tonleitern und Akkorde. Die Struktur der Kompositionen änderte sich schnell. Und genau dieser Wandel in der Musik ist das, worauf ich mich immer wieder beziehen kann, was mir nahe steht. Aber all das ist eine persönliche Präferenz, das hat wenig damit zu tun, wie legitim andere Formen aus anderen Epochen sein mögen.

De:Bug: Sehr auffällig übergreifend ist für mich auch bei allen Projekten der Umgang mit Stimmen. Harmonische Layer, fast chorartige Gesänge stehen nahezu immer im Zentrum.

Prefuse: Ich hatte immer schon eine Harmonie-Obsession. Das wollte ich immer schon machen, aber lange Zeit fehlte mir dazu die Selbstsicherheit. Ich musste mich erst überreden lassen, so etwas zu releasen. Bei Savath & Savals geben Eva und ich einander ja immer schon direkt Feedback, aber bei den anderen Projekten ist es vielleicht mein Alter. Je älter man wird, desto weniger kümmert man sich um das, was andere von einem denken mögen, sondern konzentriert sich auf die eigenen Fähigkeiten.

De:Bug: Was steht hinter Diamond Watch Wrists?

Prefuse: Die Musik hört sich ja erst mal überhaupt nicht so an, wie der Name vorgeben könnte. Für mich geht es sehr stark darum, auszuloten, was den Menschen ihr materieller Besitz wert ist, wieviel eigentlich das Menschliche, die Humanität wiegt. Das sagt auch das Cover, auf dem zwei Models über irgendwelchen Mist streiten. Das ist für mich auch die Frage dieser Zeit. Man denkt wieder ans Überleben. Manche denken auch daran, politische Schritte zu unternehmen, nicht mehr so auf dem eigenen Hintern zu sitzen und sich nicht mehr so sicher zu fühlen.

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Andere stellen sich schon wieder hinter Obama und sagen: “Der wird das schon machen.” Ich bin ja in der bevorzugten Lage, mich ausdrücken und zumindest offen bermerken zu können, dass es nur mit einem schwarzen Präsidenten jetzt nicht so einfach wird, dieses riesige schwarze Loch der beiden Amtsperioden, in denen ein Präsident mit einem offenen Scheckbuch rumlief und uns alle in den finanziellen Ruin und einen sinnlosen Krieg getrieben hat, zu füllen.

Als Präsident ist Obama aber wirklich jemand, dessen Intentionen man studieren muss. Ich bin überraschter, als ich dachte. Manches, was er sagt, ist so tapfer, dass ich fast “wow!” sagen möchte. Angefangen bei so einfachen Dingen, nicht für das Corporate Amerika zu arbeiten oder das Gesundheitssystem zu reformieren. Man hat bei ihm das Gefühl, dass er wirklich eins nach dem anderen abarbeitet und es immer dieses “Jetzt” der Aktion gibt, kein ewiges Verschieben von guten Ideen. Man fragt sich manchmal, ob er überhaupt schläft.

De:Bug: Es ist natürlich die Frage, ob die Industrie zurückschlägt. Das ist ja eine riesige Interessenmaschinerie.

Prefuse: Er läuft bestimmt gegen einige Wände, aber zumindest die Absichten sind richtig. Wir hatten ja nun wirklich genug von diesem Puppenkabinett, den ganzen Handlangern. Natürlich gibt es auch schon jetzt genug Dinge, bei denen mir die Haare zu Berge stehen. Homosexualität z.B. Ich weiß gar nicht, warum das ein Thema ist. Wer wen liebt, geht niemanden was an.

De:Bug: Glaubst du, Musik sollte ruhig offener an politische Themen herangehen.

Prefuse: Ja. Zumindest, um mit Offenheit darüber reden zu können. Man muss einfach sehen, was um einen herum passiert. Diese Welt ist ja nicht für die Kinder, die sich auf einem Treuhandfonds ausruhen können, gemacht. Man muss sich seine Perspektiven schon proaktiv erarbeiten. Es muss einfließen in das, was man macht. Es geht für mich weniger darum, politische Überzeugung zu verbreiten, als vielmehr um deren Integration in die eigene Arbeit.

In meiner Musik ist immer auch Politik, selbst wenn sie instrumental ist. Für mich jedenfalls. Das hat für mich mit Ehrlichkeit und Verantwortung zu tun. Das betrifft das alltägliche Leben. Wer ein Rockstar werden will, der macht schon Politik. Egal, was er sagt. Wird das Politische allerdings zu Marketing, dann ist es auch nicht besser, als wenn man gar nicht drüber redet.

De:Bug: Wieviel Untergangsstimmung erträgt man denn in Amerika.

Prefuse: Das ist schon unglaublich. Alle dreißig Sekunden verliert jemand sein Haus. Ich kenne mehr als genug Freunde, die mich anrufen und sich Geld leihen wollen. Das zieht schon alles runter. Das ist die nackte Angst. Manhattan wirkt so, als hätte jemand auf die Stoptaste gedrückt.

De:Bug: Musikalisch stecken wir ja glücklicherweise schon viel länger in der Krise.

Prefuse: Kann man so sagen. Das Prefuse-Album zeigt mir das ja schon, obwohl es längst noch nicht draußen ist: zehn Seiten Ergebnisse bei Google, wo ich es runterladen kann. Es ist verrückt, aber es kümmert mich irgendwie auch nicht. Ich mache zwar dann vielleicht kein Geld mehr damit, aber daran, dass ich mich bis zum Letzten an der Musik abarbeite, wird das nichts ändern. Wenn die eigene musikalische Bewertung in den Händen von fünfzehnjährigen Bloggern liegt, ist man irgendwie ja auch ziemlich am Ende.

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Elektronische Lebensaspekte.