Im HipHop tut sich etwas. Die Hipster erobern die Gangsta-Kultur.
Text: Alexandra Dröner aus De:Bug 128


HipHop steckt im Paradigmenwechsel. Die Zeiten von Old School und New School, von East und West Coast sind anscheinend vorbei. Nicht erst seitdem Kanye West den Rapplaneten einer Preppy-Maniküre unterzog, sind Fashion, Hipstertum und globale Kommunikation das Vokabular für eine Gangsta-Kultur, die längst schon keine mehr ist.

Change your looks and your mind will follow
“Gotta knot in my pocket weighin’ at least a grand, Gold on my neck, my pistols close at hand …” reimte Ice T 1986 in “6’n The Mornin” und setzte mit diesem Gewalt-, Sex-, Knast- und Drogen-Monster den Standard für zwei Jahrzehnte kommerziell erfolgreichen US Gangsta Rap. Protagonisten, Orte, Oberflächen mochten wechseln – Symbolik und Inhalte blieben die immer Gleichen. Hartes (Ghetto-)Leben, harte Sprache, harte Männer: Werde reich oder stirb dran. Bis beinahe jetzt. Eine Verschiebung findet statt, es bewegt sich etwas, ein Lüftchen von vorn und ein Echo aus alten Tagen weht uns ins Gesicht. Die Hipster kommen.

Schon in den späten 80ern versuchten sich die Gangsta-Rap-StartUps der Westküste wie Schooly D, NWA oder Ice T natürlich nicht allein an einer eigenen Definition von HipHop. Rap existierte bereits seit einer knappen Dekade, internationale Karrieren und Profit eingeschlossen. Die Gründung von Def Jam markierte ’84 die Zäsur zwischen Old School und New School. Run DMC und die Beastie Boys hatten die Ostküste im Griff und Europa im Schlepptau.

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The Cool Kids
[Foto von Julio Enriquez]

Die Kids wollten Straße
Entwürfe und Gegenentwürfe, es brodelte westseits wie ostseits, und während sich in LA der Gangsta als leader of the pack etablierte, machte sich im Mutterschiff New York die zweite New-School-Welle bereit, um mit etwas mehr Hirn ins Game einzusteigen. A Tribe Called Quest, Public Enemy, ein nach dem Kopfschuss-Tod seines Boogie Down Productions-Partners Scott La Rock geläuterter KRS-One und die vom eigenen Hardcore-Stil entfremdeten EPMD bildeten die Säulen für Abstract-, Polit- und Conscious-Rap, ohne dabei allerdings nachhaltig Wurzeln in den Köpfen und Portemonnaies der Konsumenten schlagen zu können. Die Kids wollten Straße.

Die 90er brachten der Westside Death Row Records mit Dre, Snoop und 2Pac. Im Osten chartete Notorious B.I.G. auf Bad Boy Entertainment und so weiter, ihr wisst Bescheid. Dutzendmal totgesagt und auferstanden, weitgehend unangetastet von Eskapaden und Nebenschauplätzen wie Afrozentrismus, Indie-Rap oder Backpackertum, behauptete das große G die Pole Position, bis es kürzlich vom garantiert gangsterfreien Professorinnensöhnchen Kanye West überholt wurde. Ein Paradigmenwechsel scheint in Sicht.

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Amanda Blank
[Foto von yapsnaps]

Es ist das Faszinosum, aus sicherer, weil bürgerlicher (weißer) Entfernung an den selbstreferenziellen Obszönitäten des fremden Lebensentwurfes Gangster-Rapper teilzuhaben, der Macht, Reichtum, Anerkennung und willkürlichen Sex verspricht. Dies geschieht unter völligem Ausschluss moralisch-ethischer Grundsätze (sofern sie nicht eine homemade Gangster-Ehre bedienen und/oder die eigene Familie betreffen) oder noch signifikanter, das eines Nachleben-Wollens aus der vermeintlichen Chancen-Gleichheit im Ghetto heraus, mit dem Unterschied, dass es, so sehr man sich auch am Habitus seiner Stars abarbeitet, mit dem Reichsein nicht klappen will (dafür aber mit dem Knast). Man muss sich schließlich demaskieren und verschleißen.

Selbst der tumbeste Fan (vielleicht der gerade nicht, wie einige Beiträge in den Foren großer HipHop-Portale wie XXL oder Allhiphop.com belegen) ahnt, dass das über Jahrzehnte sorgfältig inszenierte Medienimage der HipHop-Reelness die Wirklichkeit nicht mehr abtastet und reflektiert, sondern vorgibt, was bitteschön real zu sein hat. Der Fan weiß, dass ein Jay-Z im Tom-Ford-Anzug mit einer paillettenbesetzten Beyoncé am Arm nicht in einen schwarzen Hoody schlüpft, sobald die Kameras weg sind, um in der nächsten Seitenstraße big pimpin’ ein paar Cops abzuknallen. Nein, er mag es lieber, bequem in seinem Heimkino abzuhängen, egal was seine oder Fiddys oder Weezys Texte erzählen.

Outkast als In-Referenz
Dass nun ausgerechnet die Hipster, per definitionem Mitglieder einer bohemistischen Subkultur, die alles, was cool, trendy und modern ist, auf der Welt zum Lebensinhalt haben, als namensstiftende Quelle potentiell heilbringenden Neo-Retro-HipHops herhalten dürfen, erklärt sich erst einmal aus den modischen Einflüssen vieler der zu Recht oder Unrecht mit Hipster-Rap belabelten Newcomer.

Als Teil einer offenen internationalen Blog- und MySpace-Clique von Gleichgesinnten und in Abgrenzung zu den Gangzeichen, Quadruple X und Brillie-Orgien (oder den Shiny Suits) der Gangsta-Outfits bezieht der hippe Rapper sich auf die Ikonographie eines spät 80er/früh 90er B-Boy-Styles in Anlehnung an Jazzy Jeff & The Fresh Prince, De La Soul oder (wie so oft) Run DMC, zeitgemäß abgemischt mit Club- und Laufstegchic. Ganz ähnliche Versatzstücke finden sich im musikalischen Output, Reminiszenzen zuhauf an Old School, New School, Golden Age und Pop von Gänseblümchen-HipHop bis Master Ace, 808 Sounds und Tandem Rhymes upgedated durch moderne Synthparts, Chopped & Screwed Hooks und rösche elektronische Dancefloor-Beats.

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itz Mickey
[Foto von yapsnaps]

Die jungen Helden der Szene leben nicht on the grind, sondern sind on the way, vielleicht zum nächsten Coffee-Shop, wie die beiden feschen Brüder Alvin “Rah Almillo” und Kintrell “Krispy Kream” Lindsey von The Knux, die sich einen ganzen hübschen Track lang einen “fresh fresh cappuccino with a mocha twist” wünschen. Auf ihrem gerade erschienenen absolut empfehlenswerten Debüt-Album Remind Me in 3 Days grooven sie locker von ihrer Heimatstadt New Orleans zur neuen Homebase Hollywood mit Outkasts Ms. Jackson im Herzen und (europäischen) Club-Remixen im Sinn. Garage-Hop nennen sie das.

Ganz ähnlich die Kidz In The Hall, auch sie Outkast-Liebhaber in Ton und Bild, wobei sie ihren etwas ungelenken Dandystil nicht ganz auszufüllen wissen, ohnehin kaum möglich André 3000 zu toppen, der zu allem Überfluss gerade sein (von Anna Wintour geadeltes) High Fashion Label Benjamin Bixby lanciert hat. Auf solch einen Luxus müssen die Kidz aus Pennsylvania mit conscious Texten zu mainstreamfreundlichen Club Bangern noch hinarbeiten.

Eine nicht unbedeutende Gruppe unserer Genre-Brüder und Schwestern, wie die hierzulande bereits bekannteren Szeneführer Cool Kids aus Chicago, der HipHouse-affine Kid Cudi aus Brooklyn oder die Rapperinnen Amanda Blank und Kid Sister, verdanken ihre wachsende Popularität der internationalen Jäger& Sammler-Hypemaschine Diplo und seinen Freunden aus nah und fern. Diplos einflussreicher Label/Blog-Zusammenhalt Mad Decent, A-Traks Fool’s Gold Imprint und selbstverständlich Mother Cool M.I.A. haben ihre JetSet-verwöhnten Fingerchen im Spiel. Sie pushen, wo es geht, und sorgen für eine globale Verschränkung ihrer Goldstücke mit Produzenten und Remixern von UK bis Afrika.

Straighte Gorillas im Abseits
Auch das toughe Lesben-Duo Yo Majesty aus Miami, die erfrischenderweise mit Mode nichts am Hut haben (es rappt sich eh besser ohne Oberteil), lassen sich ihre Beats in Übersee schneidern, bis hin nach Germany, wo Chris de Luca & Phono oder Ben Mono ihren Teil zur Hipness beitragen. Yo Majesty bedienen sich alt gedienter Gangster-Metaphern. Sie stecken noch mitten in der Kampfzone, eingekreist vom homophoben HipHop-Mob. Das Hipster-Prädikat verschafft ihnen die Freiheit, so aggressiv wie nötig mit ihren Brandthemen an die Öffentlichkeit zu gehen, geschickt verpackt in take-your-hands-up Party-Anthems.

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Kid Sista
[Foto von yapsnaps]

Der häufig im Hipster-Kontext erwähnte DC-Rapper Wale macht in einem Interview zur alljährlichen Coverstory der “Top 10 Rappers to look out for” des XXL Mag deutlich, dass es sich bei der Herausbildung seiner Künstlerpersönlichkeit um einen (politischen) Akt bewusster Entscheidung wider das allgegenwärtige Gangster-Diktat handelt:

“… Me, personally, I’m from one of the roughest cities in America, which is also the nation’s capital. I grew up with straight gorillas … They drug dealers, they doing what they doing, but I’m representing something different. I can easily speak about something else, but this is what I choose to represent.”

Und damit beschreibt er die besondere Qualität – und lassen wir das Hipster mal außer Acht und sprechen einfach von einem HipHop-Update -, die diese Strömung bereithält. Sie gibt den Young’ns die Möglichkeit zu wählen. Sie macht es leicht, das Richtige zu tun (eine Chance, die Yes we did!-Amerika gerade zur Tugend erhoben hat), ohne den moralistischen Zynismus etwa von Indierap & Co. Man kann gegen etwas sein, weil man ganz einfach für etwas anderes ist (was mehr Spaß macht).

Die Zeichen der Zeit stehen also auf Veränderung unter Zuhilfenahme von Oldschool-Werten; Ökobewusstsein und New Deal, Spitzen-Rolemodel Obama macht es vor. Und sieh an, der Baum der Erkenntnis trägt manchmal die seltsamsten Früchte. Wer hätte sich je ausmalen wollen, dass 50 Cent medienwirksam in trauter Einigkeit mit (der old white bitch) Bette Midler (!) einen Community-Garten für Kinder in Queens eröffnet? So geschehen im November 08.

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Elektronische Lebensaspekte.

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