15 Jahre Publizieren
Text: Axel John Wieder; Sascha Kösch aus De:Bug 165

Laptop im Bett, Kindle in der U-Bahn, iPad in der Wanne, und doch – noch immer stapeln sich Zeitschriften und Magazine in unseren Leseecken, raschelt Papier verheißungsvoll, ganz ohne Akku und sozialer Daumen-hoch- Repression. Printliebhaber Axel John Wieder schaut zurück auf 15 Jahre unabhängige Magazinmacherei aus der Hauptstadt und Sascha Kösch sieht schwarz, was vor allem die Zukunft von Internet-Publikationen angeht

Vor fünfzehn Jahren war die Idee eine Zeitschrift zu gründen zumeist mit viel Aufwand, eigener Produktion und Vertrieb verbunden. Über Jahrzehnte hinweg gab es in Deutschland nur wenig außer dem Magazin Spex, damals aus Köln, was unabhängig von großen Verlagen und nahe an der aktuellen Kulturproduktion längerfristig überleben konnte. 1996 erschien die letzte Ausgabe der Zeitschrift tempo aus Hamburg, die einen Brückenschlag zwischen Coolness und Markt versucht hatte. Was blieb, war der Blick auf das internationale Geschehen, das sich in einigen wenigen spezialisierten Buchhandlungen finden ließ.

Seit Ende der 1990er Jahre änderte sich diese Situation. Mit DE:BUG erschien erstmals eine Zeitschrift aus Berlin mit Diskursanspruch für den gesamten deutschsprachigen Raum und wurde interessanterweise zunächst über einen Plattenvertrieb ausgeliefert. Zudem adressierten neue Buchhandlungen und Concept Stores mit einem ausgewählten angebot eine Zielgruppe – Hipster, Akademiker, Kulturschaffende –, die an dieser art von Nischenangebot nicht nur Interesse hatten, sondern zunehmend auch zahlreicher wurden. Themen aus Kunst, Literatur, Architektur, Stadtkritik, Musik und Mode verbanden sich zu einem interdisziplinären Gegenwartsdiskurs. Die Anzahl der seitdem gegründeten, zum Teil auch wieder eingestellten, Titel ist atemberaubend. So entstanden zahlreiche spezialisierte Magazine aus unterschiedlichen Bereichen wie etwa an architektur, Mono.kultur, Starship, Freier, Babel oder Basso, die alle für spezifische Auseinandersetzungen eine wichtige Funktion hatten. Neben gesunkenen Produktionskosten war es vor allem die kritische Menge an autorinnen und autoren und eines potentiellen Publikums vor Ort, die solche unabhängigen Zeitschriftengründungen möglich machten. Die wachsende Bedeutung des Internets ermöglichte zudem interessanterweise gerade für spezialisierte Magazine eine höhere Sichtbarkeit. Innerhalb weniger Jahre bildete sich ein internationales Netzwerk von Buchhandlungen, Vertrieben und messeähnlichen Großereignissen heraus, in denen die Spezialformate mit niedrigen Auflagen zirkulierten.

Die Zeitschrift 032c, im Jahr 2000 von Jörg Koch und Sandra von Mayer-Myrtenhain gegründet, wurde wegweisend für eine Idee vom internationalen Independent-Titel. An internationalen Vorbildern wie Purple geschult, oder dem wirklich zwischen allen bekannten Kategorien irrlichternden, großartigen Re- Magazine vom späteren Butt- und Fantastic- Manherausgeber Jop van Bennekom aus Amsterdam (beste Ausgabe: Nr. 6, The Information Trashcan, Frühjahr 2001), waren diese formal oft ihrer Zeit voraus und unvermittelt, ökonomisch dabei jedoch durch anzeigen internationaler Konzerne auf der Suche nach Distinktion gut aus- gestattet. So begann 032c, nach dem Pantone-code der roten Fahne benannt, als Fanzine auf Zeitungspapier, bevor ein Hochglanz-Magazin mit Leinenbindung und schließlich durch den Relaunch des Grafikdesigners Mike Meiré “The New Ugly” (Creative Review) daraus wurde.

Einen diskursiven Hochpunkt erreichte die Zeitschriftenwelle 2003 mit kiosktauglichen Titeln wie Qvest, Deutsch Magazine oder Zoo, letzteres von Bryan Adams mit initiiert. Als “das gedruckte Berlin-Gefühl” beschrieb Die Welt diese Konjunktur. Tatsächlich war das Phänomen namens “Berlin” so etwas wie ein Katalysator, allerdings weniger als tatsächlicher sozialer Ort, sondern als Projektion einer internationalen Aufmerksamkeit für die Kulturproduktion in der neuen deutschen Hauptstadt. Bis heute verkauft 032c den Großteil seiner Auflage von 40.000 Stück im ausland, erscheint allerdings auch seit Beginn durchgehend in englischer Sprache. Herausgeber Jörg Koch ist zudem inzwischen Chefredakteur der deutschen Ausgabe von Interview. Betrachtet man sich das Angebot interessanter Neuerscheinungen der letzten Jahre, dann fällt vor allem wieder das internationale Netzwerk ins Auge. Das bereits erwähnte Fantastic Man und Gentlewoman (Amsterdam und London) , Pin-Up (New York), apartamento (Milano) und Candy (Madrid), kommen alle aus unterschiedlichen Metropolen. Nach wie vor funktionieren Magazine als materielle Spuren spezifischer Auseinandersetzungen, die sich transportieren lassen und dabei verschiedene Orte imaginär verbinden. Digital eignet sich eigentlich in jeder Hinsicht besser für die Veröffentlichung von Text, wahnsinnig viel gemerkt haben wir davon in den letzten 15 Jahren jedoch leider nicht.

Text: Axel John Wieder

Der Rückblick auf die ersten Jahre Internet-Publikationen bis weit in die 2000er hinein ist schmerzhaft bis unfreiwillig komisch. Bis auf ein paar grandiose und grandios scheiternde Miniformate und den Pflichtauftritten der großen Zeitungs- und Magazin-Formate gab es in Deutschland, und damit auch in Berlin, lange Zeit kaum etwas, das neben Spiegel Online Relevanz über technik-themen hinaus (Heiliger Heise und ein Dank an das würdevoll ergraute telepolis) erzeugen konnte.

2002 war dann das Jahr der Blogs in den USA. Auch bei uns machten die ersten von sich reden, das frisch gegründete Spreeblick musste noch zwei Jahre auf seinen großen Klingelton-Druchbruch warten. Es mag nun seit vielen Jahren schon die re:publica in der Stadt geben, die Bloggerkonferenz, wie sie mal hieß, und mit Netzpolitik.org ist die Wirkung von Blogs durchaus bis in den letzten Winkel der Medien gedrungen: Eine Gegenöffentlichkeit bilden sie aber nach wie vor kaum. Das liegt nicht zuletzt banal am Mangel an Popularität. Bis auf ein paar Technik-Seiten sind unter den ersten 1.000 Webseiten Deutschlands eigentlich keine klassischen Blogs zu finden. Selbst der Medien- Darling Netzpolitik von Markus Beckedahl landet bei Alexa im Deutschlandranking gerade mal auf Platz 1.796. Wo wir oder ähnliche Publikationen stehen, wollen wir schon gar nicht mehr wissen. Der versprochene oder erhoffte Medienwandel durch Selbstveröffentlichung ist hierzulande nicht aufgegangen und selbst Perlentaucher – trotz Feuilleton-Nähe – überlebt nur dank Spenden. Blogger mögen gelegentlich den Weg über Kleinstpublikationen oder den unteren Rand der Hierarchien in klassischen Publikationen nehmen, aber ein Karrieremodell ist das nach wie vor nicht. Trotz Sascha Lobos Riesenmaschine (Rank 117.227). Mit Inhalten im Netz Geld zu verdienen, das über die Armutsgrenze hinausreicht (oder gar Profitabilität bedeutet), dürfte auch jetzt noch nur den Wenigsten gelingen.

Internet First mag sich als Devise seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts unter den Verlagen herumgesprochen haben, so wie vermutlich in den letzten Jahren “Mobile First” auf allen anderen Ebenen. Die originäre Internetpublikation, eine deutsche Huffingtonpost gar, selbst ein deutsches Pitchfork, sucht man nach wie vor vergebens. Und vielleicht ist genau dafür auch das kurze Zeitfenster der revolutionären Möglichkeiten schon verstrichen. Während bis vor ein paar Jahren Traffic und damit Werbeeinnahmen weitestgehend von den Suchmaschinen generiert wurde, und sich SEO-Spezialisten nach wie vor die Köpfe einschlagen mit dem frischesten Google-Voodoo, bewegt sich die Quelle der Zugriffe immer mehr auf Facebook. Und damit in die endlos flache und obendrein völlig zersplitterte Hierarchie der Subgruppen und Freundesfreunde. Demokratisierung eröffnet so einerseits einen neuen Populismus, andererseits kurze Schlaglichter, aber es ist kein Wunder, dass wir noch nicht von dem Facebook-Star gehört haben, geschweige denn von einem, der schreibt, es gibt ja nicht mal Twitter-helden. Und seit selbst in den USA einige Blogger ernsthaft mit einem Umstieg der eigenen Plattform auf Google+ gespielt haben, ist die Orientierung am großen Teich auch nicht einfacher geworden.

Währenddessen sitzt die darbende Journaille in der Zwickmühle zwischen sinkenden Bannereinnahmen ihrer Onlinebetriebe, schrumpfenden Zeitungsauflagen, endlosen Praktika, mühsam angepeppelten iPad-Editionen und massiven digitalen Nebeninvestitionen, die obendrein auch noch gelegentlich grandios Scheitern – wie das von holtzbrink gründlichst in den Sand gesetzte StudiVZ. Und bei denen alles andere, nur nicht das Schreiben im Vordergrund steht. Kein Wunder, dass Kleinstmagazine (siehe Gegenseite) sich wacker und trotz aller Probleme in ihren breiten Nischen immer wieder neu erfinden.

Text: Sascha Kösch

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