Mit der Programmierumgebung Proce55ing zeigen die beiden ehemaligen John Maeda-Studenten Casey Reas und Ben Fry, wo die Messlatte für Softwareprojekte im Design liegt - und schaffen ganz nebenbei einen würdigen Nachfolger für Design By Numbers. Wir haben mit Mister Reas und John Maeda gechattet und erzählen euch die ganze Geschichte.
Text: Marcus Hauer aus De:Bug 64

Standards für das Design von morgen
Proce55ing

Manchmal braucht es eben doch die Schüler eines Großmeisters, damit die Entwicklung nicht an irgendeiner Kante hängen bleibt und wir alle uns fragen müssten, welche Innovation da gerade wieder hinterm Berg verschwindet. John Maeda ist einer dieser vermeintlichen, smart daherkommenden Meister. Drei Jahre ist es nun her, dass das Buch “Design by Numbers” (DBN) des Associate Director am “MIT Media Lab” über die gleichnamige Programmiersprache erschienen ist. In der Zwischenzeit hat sich in dem Bereich “Computational Design” einiges getan, denkt man an Flash und ActionScript oder auch an Adrian Wards “Autoillustrator” – trotzdem bleibt DBN bahnbrechend. Bei ihm selbst nachgefragt konkretisiert John Maeda das Anliegen von DBN folgendermaßen: “Programmieren, so wie wir es kennen, ist extrem limitierend. Um zu einem überzeugendem Ergebnis zu kommen, ist es nicht notwendig, erweiterte Programmierkenntnisse zu haben. Bei Design by Numbers ging es darum zu zeigen, wie langweilig Programmieren in Wahrheit ist, und zu hoffen und flehen, dass eine neue Programmiermetapher andere Möglichkeiten der Designperspektive aufzeigt. Anders gesagt, bin ich darauf gespannt, rein visuell motivierte Systeme zu sehen, die jenseits der textbasierten Programmiersysteme und gegenwärtig entstehenden visuellen Lösungen liegen.”

MALEN NACH ZAHLEN
DBN funktioniert nach dem einfachen Prinzip auf einer Matrix von 100 mal 100 Punkten, mit elementaren Instruktionen kleine Algorithmen zu programmieren, die sich zu luftigen Graustufenanimationen und –interaktionen verbinden. Soweit war das auch Maedas Idee. Diese wurde dann in die weite Welt getragen und bei verschiedensten Institutionen und Workshops als “DBN Courseware” verwendet, um so Designstudenten zu erklären, wie ein Computer und dessen Grafikdarstellung funktioniert. Der Idealfall brachte dann den Initialmoment eines solchen Zugangs zum Vorschein und verbreitete die Idee des “Computational Designs” und dessen Jünger um die Welt.

Kurz nach Veröffentlichung der ersten DBN -ersion übernahmen Ben Fry und Casey Reas den Quellcode von ihrem Professor der Aesthetics and Computation Group (ACG) – zwischenzeitlich war auch noch Tom White vom Media Lab dabei. Sie arbeiteten beharrlich an der Ausweitung des Prinzips in Form von neuen Beispielen etc. und behoben nebenbei auch noch einige Bugs. Casey Reas erinnert sich: “Es ist ein fantastisches System, um Anfängern die Basics sehr schnell beizubringen. Allerdings gibt es eine große Lücke zwischen dem, was ein Student nach dem Studium von DBN weiß, und was er braucht, um eine mehr komplexere Programmiersprache zu benutzen und in diesem Kontext zu bestehen.”

Innerhalb der eigenen Gruppe ACG verwendete man schließlich fast häufiger die Programmierumgebung “pert” von Jared Schiffmann, ebenfalls ein ACG-Student. Diese Software machte es möglich, mit einer einfachen, “C”-ähnlichen Syntax Zugriff auf alle Funktionalitäten von “OpenGL” (einem 3D Standard) zu haben. Doch damit war man noch lange nicht zufrieden. “Es muss einfach möglich sein, ein Tool für Leute mit unseren Kenntnissen, aber auch skalierbar für Anfänger und Fortgeschrittene, zu programmieren. Wir spürten, dass es keine Software gab, die das Skizzieren mit Code ermöglicht, die speziell auf interaktive Bilder zugeschnitten war. Wir wollten vor allem außerhalb des klassischen kommerziellen Software-Zirkel bleiben und das Programm kostenlos anbieten”, erzählt Reas.

DER PROZESS
Das Prinzip aller drei Konzepte, also DBN, pert und Proce55ing, beruht immer auf einem einfachen Zwei-Fenster-System. In dem einen Fenster befindet sich der Code, den ich schreibe, und im anderen wird das Resultat dieser Abfolge von Befehlen gezeigt. Viel mehr ist aber nicht mehr von DBN übriggeblieben. Die quasi minimalistische Lernsoftware DBN und das puristische Skizzentool “pert” galt es nun in geeigneter Form in eine neue Richtung voranzutreiben. Ben Fry, der parallel immer an seiner Vorstellung von “Organic Information Design” arbeitete, und Casey Reas, der kinetische Draht-Modelle mit seinen Sony Vaio zum Tanzen brachte und mittlerweile schon Professor am italienischen “Interaction Design Institute” Ivrea ist, begannen also, an einer völlig neu programmierten Software zu arbeiten. Sie nannten sie ganz in der Tradition eines soliden Designgedankens (The process is the point!) “Proce55ing”. “Ben und ich haben beide sehr ausgedehnt an Design by Numbers gearbeitet – wie auch immer, eine Menge an Entscheidungen, die wir bezüglich Proce55ing getroffen haben, resultierte aus unseren Erfahrungen beim Bauen, Programmieren und Lehren mit DBN. Bei Proce55ing kannst du ganz einfach wie in DBN beginnen und dich an eine Syntax heranarbeiten, die der von Java gleicht. Wie DBN ist es eine Lernsoftware.”
Auf die Frage, ob denn Proce55ing zum Standard für den digitalen Entwurfsprozess werden würde, meint Casey: “Es wäre prima, wenn Proce55ing zum Standardtool für Entwurfsarbeiten würde, die visuell als auch programmatisch sophisticated sind. Wir planen gerade eine Exportfunktion ins “Illustrator Format” und haben lustigerweise auch über eine Funktion nachgedacht, die von Proce55ing nach Flash exportiert. Am meisten haben uns die Leute überrascht, die damit selbstgebaute Interfaces ansteuern. Wir freuen uns schon darauf, Soundunterstützung in die Software einzubauen.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.