Steve Barnes aka Process blickt von Köln auf sein heimisches England und sinniert über nationale Differenzen musikalischer Kognition. Die Ergebnisse verlegt Fat Cat, das Forum für analytische Proletarierelektronik.
Text: riley reinhold aus De:Bug 33

/Techno An Englishman in Cologne Process FatCat ist aus der englischen Labelszene nicht mehr wegzudenken. Einerseits steht das Label im Unterschied zu vielen anderen Firmen der britischen Insel für Integrität und Roots-bezogene Arbeit, die über eine lange Zeit durch den gleichnamigen Plattenladen in Covent Garden unter Beweis gestellt wurde, andererseits ist das Label vielen sympathisch, weil es eine Art Indieimage transportiert, das es so nicht gerade häufig gibt. Von bekannten DJs geschätzte Techno-Projekte wie z.B. Grain existieren neben Rockbands und allerhand Elektronischem. Nicht alles, was man veröffentlicht, ist Qualität, ein Konzept scheint es nicht wirklich zu geben und zusätzlich steht man noch am Anfang der Arbeit. Die Verpflichtung des Brightoners Steve Barnes aka Process geschah entsprechend unspektakulär eher zufällig. Unter dem Namen Blueshift hatte Steve Barnes zwei 12″s auf dem englischen Label Ultimate Dilemma veröffentlicht. Jetzt folgt eine LP auf Fat Cat sowie etliche 12″s mit minimal abstrakter Tanzmusik, wie man sie vorzugsweise aus Köln kennt. DEBUG: Warum gibt es derart wenige englische Künstler, die sich mit minimaler Tanzmusik beschäftigen? Eine Weiterentwicklung im Genre Techno ist kaum zu erkennen. PROCESS: Meine Musik, so möchte ich annehmen, folgt einem Techno-Prinzip, auch wenn es für viele per Definition nicht so klingt. Ich muss aber zugeben, dass ich mich in Brighton ziemlich isoliert fühle mit der Musik, die ich mache. Das wäre in anderen Städten in England ganz genauso. Bis zu einem gewissen Grad verstehen meine engen Freunde was ich mache, einfach weil sie mich kennen. Davon abgesehen weiss ich nicht, wer sich dafür interessiert. 1989 hatte mir meine Freundin geraten, doch mal ein Demo an FatCat zu schicken und ehrlich gesagt, ich hätte nicht gewusst, wem ich sonst ein Demo hätte schicken sollen. DEBUG: Drum & Bass schluckt derzeit alles? PROCESS: Ich glaube, das Interesse für Drum & Bass rührt daher, dass viele es als eine englische Erfindung betrachten. Techno gilt als ein europäisch-germanisches Ding. Zudem wird Techno nicht als eine Form von ernstzunehmender Musik gesehen, sondern als etwas “elektronisches”, verbunden mit den ganzen negativen Implikationen. Warum es aber letztendlich so ist, kann ich nicht beantworten. Ich selbst habe mich immer eher mit einer Sache beschäftigt. Von 1986 bis 1990 hörte ich fast ausschliesslich Electro und HipHop, und der nächste Schritt war für mich Techno. Ich meine den frühen belgischen Techno, “Dominator”, GTO, etc. DEBUG: Wo liegen die Unterschiede zwischen England und Deutschland, was abstrakten Techno angeht? PROCESS: Ich habe in den letzten Tagen noch einmal über die Unterschiede nachgedacht. Es ist definitiv so, dass in Deutschland Künstler wie Mike Ink zwar verschiedene Einflüsse miteinbeziehen, diese aber dem Format Techno unterordnen. Engländer sind hingegen eher wechselhaft und springen gern zu anderen Genres. Es hat damit zu tun, wie die Musik vom Publikum wahrgenommen wird. In Deutschland hat man es scheinbar nicht nötig, Aufmerksamkeit zu erhaschen. Die Idee der Stücke wird verstanden. Ein gutes Beispiel ist derzeit Luke Slater, der jetzt Electro beinflusste Musik macht, obwohl er ein Techno DJ ist. Eine Qualität englischer Dance Musik ist es generell, Ideen anderer aufzugreifen, um sie dann zu transformieren, in etwas anderes zu überführen. Darin liegt unsere Stärke. DEBUG: Du hast jetzt eine zeitlang in Köln gelebt. Die msuikalischen Ergebnisse dieser Zeit liegen jetzt auf der Split EP mit Dat Politics auf FatCat und demnächst auch auf zwei weiteren 12″s auf Traum Schallplatten vor. Dieses neue Material ist wesentlich fröhlicher, poppiger und vielleicht das Beste, was du bisher gemacht hast. Färbt Köln ab? Process: Das ist schwer zu sagen, in wie weit die Umgebung meine Musik beeinflusst hat. Es war schön zu sehen, wie hier in Köln die Leute an einem Strang ziehen. Es gibt hier eine Community, die zusammenhält. Ich habe eine Menge Stücke in Köln gemacht. DEBUG: Process basiert im wesentlichen auf Loops, im Gegensatz zu deinem älterem Projekt Blueshift… PROCESS: Blueshift stand für “cheesy”, naivere Musik, bei der ich mit Drum & Bass Einflüssen experimentierte, aber es gab auch ein Electro Gefühl, dass sich durch die Stücke zog. Ich mochte Drum & Bass für eine Weile, auch weil Rave viel davon aufgriff. Für mich war das eine Phase des Experimentierens, bei der ich sehen wollte, in wie weit ich verschiedene Genres für mich, auf meine Art, begreifen kann. Ich komme ursprünglich vom Electro / Electric Boogie, wie eine ganze Menge anderer mit Working Class Background, und fand dann bei Fat Cat Menschen, mit denen ich mich über diese Musik unterhalten konnte. Auch der Cutter meiner ersten Platte verstand viel von Electro. Ich finde es immer wieder verwunderlich, dass Leute in meinem Alter Vorlieben für die selbe Art von Musik teilen. Die Musik muss doch weitere Kreise gezogen haben, als ich gedacht habe.

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Elektronische Lebensaspekte.