Transzendenz durch gemeinsames Konsumerlebnis
Text: Anton Waldt aus De:Bug 109


Alleine der Faktor Marketinghype kann die Hysterie ob des Erscheinens der neuen Sony-Spielkonsole Playstation 3 nicht erklären. Das gemeinsame Konsumerlebnis transzendiert das Konsens-Produkt zur verbindlichen Erfahrung.

Wo warst du, als Kennedy erschossen wurde? Wo warst du, als die Twin-Towers fielen? Aus den Antworten auf solche Fragen konstruieren sich Generationen ihre verbindlichen Fixpunkte, zu denen individuelle Lebensläufe in Beziehung gesetzt und dadurch vergleichbar werden. Wo hast du für deine PS3 Schlange gestanden? Das ist eine Frage, die einerseits in dieser Tradition steht, andererseits ganz offensichtlich zu einer Post-Ära gehört: nach der Politik und nach dem Popstar-Prinzip. Auch hier gilt das Longtail-Schema, an die Stelle eines großen treten viele kleinere Ereignisse, die für bestimmte Gruppen Verbindlichkeit konstruieren. Dass sich Teens und Twens rund um die Welt eine Produktserie als gemeinsamen Fetisch auserkoren haben, kann eigentlich nur noch ganz verbohrte Kulturpessimisten erstaunen, die PS3-Fans folgen einfach der Logik einer globalisierten Warenwelt. So veranlasst der Konsolen-Kult beispielsweise Cartman dazu, in jeder Folge der aktuellen “Southpark”-Staffel nach der neuen Xbox zu krähen, die natürlich nicht kommt, weil Microsofts Gerät “der dritten Generation” bereits vor der PS3 auf dem Markt war, aufgeweckte Kinder wissen so was. Zum Launch der neuen Sony-Spielkonsole ist die globale Medien-Inszenierung selbstverständlich fix einkalkuliertes Element der Marketing-Maschine, Redaktionen wollen mit schmissigem Bildmaterial und Schlagzeilen versorgt werden: “Neue Playstation – Japaner standen Schlange!” meldet dann die “Bild”-Zeitung. Daneben das obligatorische Foto der Bürgersteigcamper, grinsende Hardcore-Gamer, überdrehte Nerds und Sicherheitspersonal am Rande des Nervenzusammenbruchs. Wenn dann noch eine Horde YouTube-Spaßvögel auf die Idee kommt, eines der raren Spielzeuge zu ergattern, nur um es prompt mit dem Vorschlaghammer zu zerbröseln, kommt richtig Schwung ins Lager der Eventshopper. Das Sakrileg wird von den Satansbrocken natürlich penibel dokumentiert, die Hatemail-Sammlung inklusive.

Verschwörungstheorien
Bei flüchtiger Betrachtung könnte man sogar zu dem Schluss kommen, dass auch Sony längst nicht mehr Herr über sein Star-Produkt ist und sich genau wie die Gamer bereits hoffnungslos in der Eigendynamik der Playstation-Serie verheddert hat: Schließlich kosten alleine die Bauteile der Konsole laut Branchenschätzungen in der Basisversion mit 20-GB-Festplatte mehr als 800 Dollar, womit der Konzern bei einem US-Ladenpreis von rund 500 Dollar jeden Kauf mit mehr als 300 Dollar subventioniert. Und in dieser Rechnung sind weder die Gewinnspanne des Handels noch die Versand- und Entwicklungskosten enthalten, weshalb Sony derzeit jedes verkaufte Gerät deutlich mehr als 300 Dollar kosten dürfte. Dahinter steckt aber natürlich nicht die blinde Begeisterung angesichts der eigenen Kreation, sondern eine langfristige Kalkulation, in der Gewinne durch Lizenzabgaben der Spieleentwickler entstehen oder den Verkauf von Extras mit hohen Margen, wie zusätzliche Controller. Und auch die immer wieder geäußerte Vermutung, nach der Sony die Spielzeuge vor allem zur Markteinführung künstlich verknappt, um den Hype zu steigern, lassen sich wohl nicht halten: Die globale Berichterstattung über den Rekordandrang in Japan oder ein “Drive-By-Shooting” mit Luftdruck-Waffen, das in den USA auf eine Schlange PS3-Käufer verübt wurde, kann zwar als Gratiswerbung im Millionenwert betrachtet werden, aber Sony dürfte kaum den eigenen Produktionsplan sabotieren, um bei den Werbeschaltungen zu sparen. Dazu kosten die Engpässe bei der PS3-Herstellung den Konzern viel zu viel Geld, erst recht angesichts der speziellen Umwegkalkulation, nach der sich Gewinne immer erst einstellen, wenn die Konsole bereits massenhaft verkauft wurde. Hierzulande hat Sony bereits auf das Weihnachtsgeschäft verzichten müssen, in Europa kommt das Objekt der Gamer-Begierde erst irgendwann im Laufe des Frühjahrs in die Läden.

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Elektronische Lebensaspekte.