Entweder oder. Beim Retro im Techno scheiden sich die Geister. Verrat am oder Rückkehr zum Ursprung? Ist Elektro wirklich an allem schuld? Und hätte man die Mode nicht weglassen können? Waren die 'Retro'-Platten nicht immer da? Hat sich da was verselbständigt?
Text: felix denk | felix@iname.com aus De:Bug 50

Der große Retro Schwindel

Im Club ist gerade alles Retro. Warum weiß keiner.

In mancher Hinsicht ist die Retrowelle nicht unbedingt das Schlechteste, was Techno passieren konnte. Endlich gibt es wieder mal ein Thema, zu dem man eine Meinung haben muss: Entweder man findet es so richtig scheiße, oder man setzt selbst auf dieses Style-Pferd und legt den Kram auf, produziert ihn oder spaziert eben mit Nietengürtel, ärmellosen Shirt und Designersonnenbrille durch die Clubwelt. Eine Zwischenposition gibt es scheinbar nicht. Während Retro so manches Ohr mit süsslichen Melodien verklebt und sich damit anschickt, wichtige Errungenschaften des Techno wieder rückgängig zu machen, versucht das Hirn, den neuen Zeichenüberschuss zu sortieren.

Keine Melodien

Prinzipiell musste es ja so kommen, dass man nach den melodienarmen 90er Jahren nicht an den üppig instrumentierten 80ern vorbeikommt. War Techno lange Zeit mit der Suche nach neuen Schlüsselreizen beschäftigt, ging es in der Minimalphase vor allem darum, der Anatomie des Techno auf den Grund zu kommen: den Knall differenzieren, so dass es immer neu knallt. Diese Nabelschau des Techno aus Minimalisierung und Abstraktion, hatte die Nebenwirkung, dass dem Selbstreflektiven irgendwann der Makel des Akademischen anhaftete. Von der Intellektualisierung des Techno und der Enteuphorisierung der Tanzfläche war die Rede, aber irgendwie wollte man doch lieber in Clubs ohne Abiturzwang. Das Wiedereinführen von Ravesignalen und Sägezähnen war die Reaktion der einen, die anderen pushten Elektro. Beides rekurrierte auf bereits Formuliertes und war im weiteren Sinne lustig gemeint. Eigentlich konnte man annehmen, dass man 1998 schon über dem Berg sei. Aber dann kam doch alles anders. Die Elektroästhetik übertrug sich auf House und entwickelte eine neue Breitenwirkung.

Keine Tränen

Wenn man es genau nimmt, dann gehen Retro und Techno nicht zusammen, denn das Merkwürdige daran ist der “Nichtverweis” darin. Retrotechno dagegen quält uns mit einem Futurismusentwurf, der um 1982 schon so anachronistisch gewirkt haben muss, wie die merkwürdig bunten Drinks, die Captain Kirk in der Borddisko von Raumschiff Enterprise aus spiarlförmigen Gläser schlürfte. Eine Sache muss man den 80ern ohnehin zugute halten: Sie selbst waren weitestgehend revivalfrei. So groß der Hype um Retrotechno auch ist, bemerkenswerter sind Folgen auf das Ausgehverhalten und damit die Attitüde der TänzerInnen insgesammt. Es ist eine Sache, wenn DJ Hell Tuxedomoon ausgräbt, No Tears lizensiert, remixen lässt und dann noch mit ihnen auf Tour geht. Muss ich im Zweifelsfall ja nicht hingehen. Zu Zoot Woman gehe ich ja auch nicht, zumal mir der Veranstaltungsmodus Konzert nicht liegt. Eine andere Sache ist es, wenn man in dem Club um die Ecke mit dem Phänomen konfrontiert wird.

Keine Ahnung

Das Retro-Kommunikationsmodell funktioniert in etwa so: Diejenigen, die die 80er selbst miterlebt haben, dürfen sich als Stilberater üben, und gefallen sich ganz gut in dieser Funktion. Wer nicht in der Schlaumeierliga mitspielen darf, weil zu spät geboren und demnach über kein subkulturelles 80er Jahre Kapital verfügt, überkompensiert dieses Authentizitätsmanko, indem er sich akribisch einen Stil aneignet, dessen Kontext er nicht kennt. Alle, die dazwischen liegen, Formel Eins zwar noch aus dem Fernsehn kennen, allerdings erst in den 90ern in Clubs gingen, wundern sich über beide Fraktionen.
Und irgendwie drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei dem ganzen Hype am Ende nur um ein großes Missverständnis handelt. Was die einen als nostagischen Witz gedacht haben, interpretieren die anderen als das heiße neue Ding, und weil es jetzt zu spät ist, den Fehler zuzugeben, muss der Hype um so vehementer vorangetrieben werden. Wohin man auch beim Ausgehen hingerät, fühlt man sich zunehmend wie auf einem Kostümball. Die modische Exaltiertheit der 80er wird reduziert auf die plakativsten Elemente, so dass die ursprünglich individualisierend gemeinte Stoßrichtung in eine ganz neue Form der Stilkonformität mündet. Die Mischung aus abgesichertem Schenkelklopfhumor – Vergangenheit wird per se als Schrulligkeit interpretiert – und aufgesetzten New Wave Ennui wirkt so unerträglich, dass man sich schon fast die Raving Society zurückwünscht. Ohnehin scheint es, als ob die Menschen in Nietengürteln und “been there – done that” Attitüde die Rückkehr der “me decade” und demnach das grausame Ende der extasyseligen und harmoniesüchtigen Verbrüderungskultur der 90er einläuten.
Zugegeben: Immer das Neue einfordern – ob musikalisch, stilistisch oder sonst wie – ist ja auch schon wieder ein Konservatismus. Aber in Anbetracht der Fönfrisuren das kleinere Übel. Oder werden die Revolutionäre jetzt von ihren Eltern gefressen?

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Elektronische Lebensaspekte.