Musiker, Komponist oder Techniker?
Text: Sven v Th. aus De:Bug 123


Die Rolle des Produzenten hat sich in der Popmusikgeschichte heftig gewandelt. Waren sie in grauer Vorzeit vor allem technische Dienstleister, die im langen Schatten von Komponisten und Musikern am Mischpult saßen und am kreativen Prozess nur wenig beteiligt waren, haben sie sich im Laufe der Jahre und im Gleichschritt mit technologischem Fortschritt immer mehr emanzipiert. Der Siegeszug von Techno und allem, das sich daraus entwickelte, stellt die letzte Zuspitzung dieser Entwicklung dar. Plötzlich war der Produzent alles in Personalunion: Musiker, Komponist und Techniker.

Techno war wie Punkrock. Er katapultierte den alten Do-it-yourself Punk-Ethos in eine neue, aufregende Umlaufbahn aus billigen Drumcomputern, halbwegs erschwinglichen Synthesizern und euphorischer Aufbruchstimmung. Plötzlich, so das Versprechen, konnte sich jeder an ein paar Maschinen setzen und den Dancefloor rocken. Aus DJs wurden Produzenten und umgekehrt. Gelerntes Musikerhandwerk war plötzlich zweitrangig, stattdessen war Techno für viele die Befreiung von traditionellen Paradigmen, wie es auch Punk eine Dekade vorher gewesen war.

Aus den berühmten drei Akkorden wurden repetitive Sequenzen, aus Songs Tracks und alle fingen an, sich an der neuen Einfachheit und Direktheit, die Technologie und Dancefloor versprachen, abzuarbeiten. Aus den unzähligen Schlafzimmer-Studios schallte der dickflüssige Sequenzer-Funk, der in Clubs und auf Raves von DJs zu langen, endlosen Nächten verknetet wurde. Eine neue Zeitrechnung war eingeläutet. Die Zukunft war da und sie hatte eine gerade Bassdrum.

Obwohl Techno propagierte, mit dem Künstler- und Musiker-Prinzip Schluss zu machen, waren alle frühen (und auch alle späteren) Alben und Maxis der frisch zu (inter-)nationalen Superstars aufsteigenden deutschen DJ-Belle-Etage von Westbam über Sven Väth bis DJ Hell genau das: Künstleralben. In vertrauensvoller Zusammenarbeit mit Produzenten, ja Musikern, wie Ralf Hildenbeutel oder Klaus Jankuhn zusammengeschraubt.

Während Westbam also Rainald Goetz die Techno-Revolution erklärte, DJ Hell zum Vorzeige-Styler aller Herren-Magazine wurde und sich Feuilleton und Poptheorie am neuen Alphamännchen-Typus DJ abarbeitete, konnten sie ganz auf ihre Produzenten im Hintergrund vertrauen. Eine klare Arbeitsteilung also. Aber da der Tanzfläche Autorenschaft, ganz zu recht, ziemlich egal war, so lange die Basswucht nur schön in der Magengegend schubberte, störte sich auch niemand an dem scheinbaren Widerspruch zwischen ideologisiertem Anspruch und Realität. Klar, Gott war ein DJ, das wusste dann dank Faithless spätestens Mitte der Neunziger wirklich jeder.

Vorne rocken, hinten tweaken
Wenn man als Produzent wiederum nicht das zeremonienmeisterhafte Sendungsbewusstsein eines Sven Väth in sich verspürte, konnte man es sich im eigenen Studio bequem machen und sich ganz aufs Frickeln und Jammen konzentrieren, während die extrovertierten DJ-Rampensäue Nacht für Nacht zum kollektiven Entgrenzungserlebnis riefen und mit dem jeweiligen Sound der Stunde Raver-Hirne zum Schmelzen brachten.

Der Vinylmarkt war noch stabil und – bei aller einsetzenden Demokratisierung der Produktionsmittel – die Zahl der wöchentlichen Veröffentlichungen noch halbwegs übersichtlich. Insofern funktionierte Techno und später dessen Derivate als anonyme, von Produzenten-Biographien und wieder erkennbaren Gesichtern abgekoppelte Kultur natürlich sehr wohl. Das Einzige, was zählte, war die nächste Maxi. So einfach war das.

Mit der richtigen Mischung aus Inspiration und Arbeitstüchtigkeit funktionierte das bis Ende der Neunziger alles sehr gut. Als Produzent von Künstleralben für gemachte DJ-Stars oder andere Dancefloor-Projekte von untergrundigem Techno bis kommerziellem Trance war die Palette an stilistischen Feldern, auf denen man sich austoben und sein Geld verdienen konnte, ohne dabei zwangsläufig an die Öffentlichkeit treten zu müssen, recht groß. Aber dann kippte der Vinylmarkt langsam und stetig. Gleichzeitig entstanden immer mehr Label, die immer mehr Musik veröffentlichten, während der Markt sich immer mehr ausdünnte.

Mehr denn je sind Veröffentlichungen heute primär zum Promotion-Tool geworden, die trotz sinkender Verkäufe darüber mitentscheiden, wie erfolgreich man ist. Sie sind zum kulturellen Kapital geworden, dessen Stellenwert eine Verschiebung deutlich macht: Geld verdient man (in Techno) heutzutage primär mit DJ-Gigs und Live-Auftritten. Konnte man es Anfang und Mitte der Neunziger auch als reiner Plattenkoffer schleppender DJ in der neuen Rave-Republik noch zu einigem Ruhm und Ansehen bringen, braucht man jetzt meist mehr als nur Skills. Nämlich Releases, am besten natürlich: Hits.

Wer trotz Technikphobie sicherstellen will, dass die Tracks, die unter dem eigenen Namen veröffentlicht werden, genauso viel hermachen wie seine DJ-Sets, der sucht sich einen erfahrenen Produzenten und hofft, dass die Chemie stimmt. Insofern ist Erfolg bis zu einem gewissen Grad auch planbar geworden und das Verhältnis zwischen DJ und Produzent mitunter eine klar definierte Geschäftsbeziehung. Denn wenn die Hits kommen, sind mangelnde DJ-Skills im Zweifelsfall kein Thema mehr.

Raus aus der zweiten Reihe
In den letzten Jahren haben eine ganze Reihe deutscher Produzenten äußerst erfolgreiche Solo-Karrieren gestartet. Angesichts der veränderten ökonomischen Situation im Kontext von Clubmusik kein Wunder. Raus aus dem Studio, rein in die Clubs.

Booka Shade zum Beispiel konzentrieren sich jetzt, nachdem sie mit ihren Produktionen für DJ T, M.A.N.D.Y. und Chelonis R. Jones den Grundstein für den Get-Physical-Siegeszug gelegt haben, ganz auf sich. Und auch Timo-Maas- und Loco-Dice-Produzent Martin Buttrich lässt es sich nicht mehr nehmen, für Carl Craigs Renommierlabel Planet E oder auch für Sven Väths Cocoon punktgenaue Hits zwischen Detroit und Minimal unter seinem eigenen Namen zu produzieren.

Das große Geld ist allerdings längst woanders zu finden. Meist jenseits der geraden Bassdrum. Ein Produzent wie Switch hat vorgemacht, wie man sich vom Ministry-Of-Sound-Resident und Fidget-House-Mitbegründer in weniger als drei Jahren zum heiß gehandelten Produzenten von Pop-Acts wie M.I.A. und Santogold crossovern kann. Beats für Snoop Dogg sind wohl auch schon in der Mache. Da kann man es sich dann auch im Studiosessel wieder gemütlich machen.

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Elektronische Lebensaspekte.