In Kopenhagen gibt es jetzt ein bewohnbares Designbuch. Mit 61 Seiten, äh Zimmern. Dank Volkswagen.
Text: Jan Rikus Hillmann aus De:Bug 93

Autos sollen sich verkaufen. Auch kleine. Der VW Fox ist so ein kleines possierliches neues Ding, ordentlich anzuschauen, kraftvoll und kompakt, mit vier Rädern und einer hübschen Anlage. Also das, was man wohl braucht, wenn man bald zur Generation Golf gehören möchte: ein Einstiegsmodell. Einstieg bedeutet in diesem Falle: unter 10.000 Euro. Einstieg bedeutet aber auch, dass die Auto-Marke beim nächsten Autokauf nicht so schnell gewechselt wird, denn Einstieg markiert auch manchmal den Anfang einer Life-Time-Partnership mit der Auto-Marke.
Wenn nun etwas neu und unbekannt ist, muss es beworben werden. Das macht man zuerst einmal, indem man Opinionleadern und Peergroups den Bauch pinselt. Opinionleader sind in unserem Foxfall 1., klar, Motorjournalisten und 2., nicht so klar, Szenejournalisten. Die Motorjournalisten müssen in der einschlägigen Motorpresse sagen, dass das Fahrzeug ordentlich fährt (damit Papa es finanziert, denn Papa kennt sich aus). Die Szenejournalisten müssen nun in Kultur-, Mode- & Frauenpresse sagen, dass das Autochen cool ist und damit bei Töchterchen und Söhnchen gezielte Begehrlichkeiten wecken, trotz des fehlenden iPod-Anschlusses. Natürlich sind die Motorjournalisten zunächst wichtiger, deswegen dürfen die immer zuerst ans Auto ran. Dann wird das Szenevolk zum Testen hinterhergeflogen. Da die Szenedeppen von Autos eh keine Ahnung haben (außer die von der Cosmopolitan), müssen sie anders beindruckt werden. Schampus und DJs schon am Morgen reichen da schon lange nicht mehr, es müssen echte Kreativkonzepte ran. Und siehe da, das Bürschlein vom Szenenischenblättchen ist tatsächlich vom Pinseln beeindruckt, denn es kitzelt regelrecht: Da hat nämlich jemand den Coup gelandet, VW (Agenturjargon: Volkswagen AG) ein Präsentationskonzept zu verkaufen, was so blöd nicht ist: Ein gesamtes Hotel mit 61 Zimmern in Kopenhagen wird von einem fein ausgewählten Zirkel von 21 Street-Art-Aktivisten, Illustratoren und Designern durchgestylt. Mit dabei aus allen Kontinenten u.a. AkimZasdBus, Birgit Amadori, Container, E-Types, Freaklub, Benjamin Güdel, Kim Hiorthøy, Masa, Neasden Control Centre, Rinzen, Speto uva. Da hat der Berliner Gestalten Verlag sehr ordentlich kuratiert und die Stars der Szene verpflichtet. Eventlabs aus Hamburg entwickelten das Konzept und koordinierten den Ablauf. Eine Hoteliersfamilie wird überredet, ihr kleines Stadthotel komplett auszuräumen, die Möbel an die Kopenhagener zu verschenken und es den pinselnden, sprühenden, nähenden und klebenden Kreativhorden zu überlassen. Jeder Künstler gestaltet daraufhin 2-3 Zimmer. Dazu drumherum etwas unklares Neo-Mobilitätsgewäsch und eine Art Hotelfach-Castingshow als MTV-TV-Kontakt-Kommunikationskit, damit alles dicht und rund ist. Das Hotel wurde flugs noch mit einem Studio als DJ-bespieltes-Fahrerlager und einem Club samt mondäner Sitz-Liege-Speiselounge kombiniert, damit die europäische Journallie über Monate ordentlich, fachgerecht und kompetent verköstigt und bespaßt werden kann.

Das Konzept geht auf
Kopenhagen hat nun ein kleines hübsches Designhotel. Wären alle Zimmer auf einmal begehbar, könnte man durch ein zeitgenössisches Grafik- und Illustrations-Best-Of des Gestalten Verlages wandeln. Von opulent bis minimal, von emotional bis aseptisch, von stringent bis chaotisch, von konzeptionell bis kunstvoll, von typografisch bis ornamental, von gesprüht bis gezeichnet spannt sich der stilistische Facettenreichtum. Dort wo raumerfahrene Designer am Werk waren und die 15-25 qm Räumen gestalteten, wird es atmosphärisch immer deutlich spannender, als dort, wo die Illustratoren in ihrer Zweidimensionalität an Wänden und Decken kleben bleiben. Dennoch bleibt der Eindruck eines funktionierenden und einzigartigen Gestaltungs- und Hotel-Konzeptes. Gerade weil nach der Fahrzeugpräsentation das Hotel komplett an die Eigentümer zurückgeht und die Zimmer mit einer Preisbindung regulär vermietet werden.

Geht das Konzept auf?
Auf dem Rückflug von Kopenhagen habe ich das Auto komplett vergessen. Etwas unspektakulär verblasst es neben dem spektakulären Hotel-Konzept, dem Lob der Künstler und Designer für das Projekt, dem Bauchpinseln mit feinem Essen, Wein und Schampus und Vodka-Cranberries. Eingebrannt bleibt der Name der Marke: Aspirin.

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Elektronische Lebensaspekte.