Text: gregor wilderman aus De:Bug 08

Propellerheads – Nachsitzen mit Alex Gregor Wildermann gregorw@berlin.snafu.de Wo waren wir stehengeblieben? Als diese Zeitung noch Buzz hieß und zum ersten Mal zu lesen war, gab es die erste Bestandsaufnahme eines Acts und seines Labels, und ein bevorstehendes Album stellte so manche Frage in den Raum. Wall of Sound heißt der Vater, und eines seiner Lieblingskinder sind Will White (23) und Alex Gifford (32) alias Propellerheads, womit gleich die Geschichte des Namens ihren Anfang nimmt. “Ich war wirklich sehr enttäuscht, als ich erfuhr, daß Propellerheads ein Spitzname für Computernerds ist. Ein kanadischer Freund von uns erwähnte das Wort in einer Unterhaltung, und wir fanden das direkt so gut und bescheuert, daß wir diesen Namen angenommen haben. Außerdem sieht es geschrieben sehr gut aus!” So viel zu den fehlenden Details. Was macht also jetzt der Digirock? Letzterer ist zum Glück kaum mehr Thema, auch wenn Alex Gifford im Interview zugibt, daß sie zum Track “Bang On” ein Vocal von Motorheadsänger Lemmy wollten und sich dafür auch nie entschuldigen würden: “Maybe it’s a step backwards, but it’s a groovy step backwards!” Überhaupt ist Alex so wortgewandt, daß nach Sätzen wie: “Wir machen die Platten, die wir uns selber nicht kaufen können!” Opposition etwas mühselig erscheint. Daß sich Wall of Sound sympathischerweise keinem Angebot der Majorindustrie ergeben haben, erwies sich am Ende nur als Vorteil. “Wenn z.B. dem amerikanischen Office eines Majors die Musik nicht gefällt, dann kommt sie auch in Amerika nicht raus. Platten von Orbital sind in Amerika sehr schwer zu bekommen, nur weil dort dem FFRR-Office die Musik nicht viel bedeutet, und man deswegen auch für Orbital nichts tut. Wenn bei einem Major mal was gut funktioniert, dann ist das immer eher ein Zufall als ein Beweis des Könnens!” Somit kehrte also wieder Ruhe in das WAS-Kollektiv, das in der englischen Presse gerne auch als Trinkerhorde und Partycrasher gehandelt wird. Hier in Deutschland sind BigBeats, trotz des fließenden Outputs an Vinyl in diversen Formaten, ein Kind ohne Namen. Die fehlende Existenz von Clubgeschehen und Labelnähe macht dabei die Promotionarbeit zu einem Vollprogrammjob. Von Seiten der beiden Herren aus Bath/England entstand nun also unter dem selbstgenannten Motto: “Nobody goes into a studio to record a bad record” das Album “DecksandDrumsandRockandRoll”. Heraus kam eine Mischung aus bisherigen 12Òes, gut gelungenen Drumtracks, sinnlosen Rocksimulationen und Stücken mit garantierter Aufmerksamkeit seitens Presse und Industrie. Über die konzeptionellen Schwierigkeiten eines Albums waren sich beide bewußt. “Wenn man nur Dancetracks auf ein Album packt, klingt es wie ein Mixtape. Da muß man sich etwas einfallen lassen. Wir fangen meistens mit einer visuellen Idee an. Wenn man bei Instrumentalmusik sein Ziel verliert, endet man mit nichts weiter als mit irgendwelchen Sounds. Macht man dagegen einen Song, ist der Ansatz gleich ganz anders. Das hat uns gereizt, und als wir nach Gesang suchten, fiel uns direkt Shirley Bassey (62) ein. Zuerst dachten wir natürlich, das sei aussichtslos. Dann sagten wir uns aber, scheiß drauf, wir probierens. Eines Nachts haben wir dann den Song und die Lyrics geschrieben, wobei wir ziemlich betrunken waren. Für uns verkörperte Shirley Bassey mit ihren Vocals immer das, was wir instrumental machen; give me a big tune and do it with attitude. Wir haben das Band schließlich an ihr Management geschickt. S.B. wollte dann unseren Backkatalogue hören und unsere Presse lesen. Sie muß also irgendwann in ihrem Appartment in Monte Carlo gesessen haben und unsere Platten angehört haben! Sie hat danach nichts Spezielles zu unserer Musik gesagt, aber sie hat gefragt, ob wir diesen Song nur für sie geschrieben haben. Als wir das bejahten, hat sie gesagt: “Oh that’s really sweet.” Zusätzlich zu Shirley Bassey führte eine verpaßte Kollaboration mit Mike D. von den Beastie Boys (wird nachgeholt) zu Projekten mit Gruppen wie DeLaSoul oder den Jungle Brothers sowie zu zwei Remixen, die in Amerika wie Testballons zum Thema BigBeats umhergereicht werden. “Soul Coughing ist eine vierköpfige und sehr coole Rockband, und wir remixten ein Stück namens “Superbomber”, das relativ langsam war. Wir haben dann nur das Vocal benutzt und mittels Time-Stretching einen eher rockigen Propellerheadstrack draus gemacht. Lucious Jackson ist eine dreiköpfige Girlband auf GrandRoyal und kommt aus New York, wobei Mike D. den Kontakt herstellte. Die Stimme der Sängerin ist ziemlich smoky und wir versuchten das dann irgendwie einzufangen. Außerdem liegt in unserem Studio schon seit sechs Monaten das DAT mit allen separaten Spuren von Herbie Hancocks “Rockit”, aber wir sind wegen dem Album einfach nicht zu dem Remix gekommen. Wir werden es irgendwann doch noch machen, auch wenn es dann schon zu spät ist!” Im Februar kann man die Propellerheads wieder live sehen, was für beide mehr als nur ein “promotional exercise” ist. Über ihre bisherigen Auftritte in Berlin: “In einem Club namens Doughnuts holten wir Holz von einer Baustelle, um die Bühne größer zu machen. Und im E-Werk spielten wir danach, an einem Sylvesterabend 96/97, inmitten eines Sets von Westbam und keiner hat getanzt. Als wir dann fertig waren, war Westbam nirgends zu finden und wir liefen durch die Halle: Herr Bam, Herr Bam, wo sind sie! Wir brauchen sie am DJ-Pult! Meine letzte Platte lief dann aus, und für mindestens drei Minuten gab es keine Musik. Da sagte man uns nur: “So etwas hat es im E-werk noch nie gegeben!”

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Elektronische Lebensaspekte.