Text: gregor wilderman aus De:Bug 01

PROPELLERHEADS by Gregor Wildermann

Namen über Namen. Worte über Worte. What’s hot, what not. Im Paradies reichten noch Äpfel als Versuchung, doch wo jetzt Techno nach einer berechenbaren Formel aussieht, scheinen Dollar, Pfund oder DM mit Digirock, Rockno oder T-Rock in verlockener Nähe. Bei Prodigy wird die E-Gitarre ausgepackt und bei Madonna gesignt. Renton läuft zu Underworld durch die Kinos der Welt und die Chemical Brothers stellen sich in die Tradtion von Oasis und Kolumbus. Irgendwo in diesem Strudel der Musikgeschichte ein Label aus London, für das Majorlabel Unsummen boten, um dann von Labelchef Mark Jones abgewiesen zu werden: Wall of Sound und einer seiner Acts Propellerheads, bestehend aus Will White und Alex Gifford, der 100 Meilen vor London im kleinen Ort Bath inmitten der Studioarbeit zur ersten LP des Duos Rede und Antwort steht.
Braucht die Welt also den Technorockact? Ist das die Idee des Jahres ’97? Ein Blick auf die Anfänge von Alex und sein Leben mit Musik: “Ich spiele schon seit meiner frühen Kindheit Musik. Nach der Schule habe ich angefangen, auf der Universität Elektronik zu studieren, weil ich mir damit erhoffte, eine solidere Basis für eigene elektronische Musik zu schaffen. Das habe ich dann aber abgebrochen, weil das irgendwie der falsche Weg war, etwas über diese Musik zu lernen. Damals spielte ich Saxophon und hielt mich zuerst mit kleinen Jobs in Jazzbars über Wasser. Dann arbeitete ich fast 5 Jahre in der Band ‘The Stranglers’, was sehr lehrreich war, weil man das ganze Musikbusiness kennnlernte. Bei einer Recordingsession in den RealWorld-Studios (von Peter Gabriel), die direkt hier in der Nähe sind, lernte ich dann David und Mitch von ‘The Grid’ kennen, mit denen ich sehr gut auskam. Ich spielte dort einige Zeit Keyboard und als ich dann Will White kennenlernte, der in einigen Funk – und HipHop Bands gespielt hatte, gründeten wir die Propellerheads.”
Die beiden brachten zuerst die Dive EP und dann Take California heraus, machten Remixe für Neneh Cherry oder 808 State und unterlegten eine Adidas-Spot für Tennisschuhe mit ihrer Musik, die stark break-orientiert ist und wenn, in der Lücke zwischen Drum&Bass und HipHop zu suchen wäre. Ihre wahre Qualität entfalten sie live und treten dann mit Schlagzeug, Orgel und Turntables auf, scratchen mit alten Rap-platten oder spielen auch mal ein gemischtes Set mit den Labelkollegen Wiseguys. “Wir meinen mit Live mehr den Aspekt der Sounds und Arbeitsweisen, als den des Bandgefühls und der Instrumente. Es sollte eben auch immer etwas dreckig klingen und schon deshalb diesen unfertigen Livecharakter haben. Wir nehmen unsere Arbeit sehr ernst, aber betrachtet man das Ganze, wollen wir doch eher unseren Spaß haben. Dancemusik ist ja keine Kunstform.”
Propellerheads haben mit ihren Breaks im Rücken eine Nische besetzt, die zeitlos und adaptiv ist: “Wir behaupten ja nicht, daß unser Auftritt eine wundervolle brandneue Idee wäre. Aber durch die Mischung von Turntables, Keyboard und Schlagzeug ist es doch irgendwie anders. HipHop ist dabei einfach Teil unserer eigenen Musikgeschichte und wenn für Propellerheads eins wichtig ist, dann sind es Grooves. Wir mögen den Humor, mit dem zb. Digital Underground oder die Jungle Brothers an HipHop herangegangen sind. Die Einstellung, das HipHop auch etwas verspieltes und lustiges sein kann.”
Entertainment und Show sind für beide gewohnte Worte, Musik ein “approach to life”. Das für den Sommer geplante Album kann dabei mit Stilmitteln gefüllt werden, die scheinbar ungewöhnlich sind, am Ende aber für das offene System von Propellerheads stehen. “Was immer wir auch gemacht haben – wir wollten immer, daß es gut ist. Unser Soundmann spielt ziemlich gut Gitarre und wir haben schon immer überlegt, wie wir es schaffen, daß er in einem Track mitspielt und dann schnell wieder zu seinem Mixingdesk zurückläuft. Wir haben jetzt auch versucht, Songs zu schreiben, die mehr etwas von Soundtracks haben. Wir stehen dabei schon etwas unter Erwartungsdruck, da die Chance für ein ganzes Album ja auch nicht jedem geboten wird und nach den EPs jeder gespannt ist, was wir bei mehr als vier Tracks machen.” Der Erwartungsdruck wäre bei einem Majordeal natürlich noch gewachsen und auch die Aussicht auf Erfolg in Amerika hinterläßt bei den musikalischen Erwägungen seine Spuren. Die Gründe für den momentanen Erfolg von rockiger Dancemusik sieht Alex dabei in einem Generationenwechsel. “Die ganze amerikanische Gesellschaft ist ja von Disco bis zum Abwinken genervt worden. Das dauert ja so lange, daß es zb. diese “Disco Sucks”-Aufkleber gab. Jedes nur halbwegs vernünftige Kid wollte nichts mehr mit Dancesachen zu tun haben und deswegen gibt es jetzt nur Rock oder HipHop. Nach Verkaufszahlen ist Country & Western der größte Bereich in den Staaten, gefolgt von religiöser Musik, was immer darunter auch verstanden wird. Jetzt gibt es eben eine Generation, die Neuem aufgeschlossen ist und in dieser Mischung aus Rock und Dancemusik ihre Musik sehen. Wir könnten natürlich nicht einen auf Rockband machen, denn das würde man uns wohl kaum abkaufen. Was aber auch immer in eine Show eingebracht wird, solange es überzeugend und gut rübergebracht wird, geht es auch voll OK. Ich finde, daß nichts daran falsch sein kann, wenn ein Publikum sich eine Performance anschaut und dabei das Gefühl hat, daß das eine gute Performance ist. Das muß ja nichts mit Starkult oder Egowahn zu tun haben und da wird vieles auch zu ernst gesehen. Für den Moment genießen die Leute die Show und danach haben sie dich vielleicht auch wieder vergessen.”
In wessen Hände legen die Propellerheads also ihre Zukunft? Major oder Independent? Bestimmt in die eigenen und das Potential ihrer Kreativität dürfte da noch das beste Kapital sein. Große Firmen wie Virgin haben mit Daft Punk, Chemical Brothers, Source Direct oder µ-ziq zwar gezeigt, daß sie ein breites Gespür für Undergroundmusik haben, doch ist dies immer noch eher der Ausnahmefall. “Der Underground läßt sich wirklich schon von seiner Art her sehr schlecht verstehen, wenn man nicht Teil davon ist. Majorcompamies gehen für Undergroundmarketing die gleichen Wege, wie für Majoracts und das funktioniert einfach nicht. Sie investieren in einen Act und wollen dieses Geld irgendwann wieder zurück – und bei Danceacts will man es einfach schneller zurück. Es kommt bei diesen Firmen auch wirklich auf die Mannschaft an und da sind bei den A&R-Posten zum Glück immer jüngere Leute am Zuge.”
Vieleicht sind bis zum Sommer die Platten schon wieder neu gemischt und mancher Technorockact wieder auf dem Weg zurück vom Stadion in den kleinen Club.

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Elektronische Lebensaspekte.