Tiefgang? Nicht nötig.
Text: Constantin Köhncke aus De:Bug 119

Achim Brandenburg und Murat Tepeli können sich bedingungslos aufeinander verlassen. Das ist das Geheimnis hinter der unverstellten Emotionalität ihrer Musik. Und natürlich, dass sie Benson & Hedges rauchen, die Leibmarke von Mick Jagger.

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Achim Brandenburg steht barfuß im Eingang seiner unverputzten Wohnung. In der gemütlichen Sitzecke der Küche prangt ein dickes Schild einer nicht durchgestrichenen Zigarette. Rauchen gestattet. Er sitzt zurückgelehnt am Massivholztischtisch, genießt goldene Benson & Hedges und ungezuckerten Schwarztee. Achim aka Prosumer erzählt von einem Auftritt in London, seiner Wohnung, vom Aus eines großen englischen Plattenvertriebs und dem dramatischen Einbruch von Vinylverkäufen. Überhaupt hat man hier das Gefühl, in eine alte Welt eingetreten zu sein, in der Langsamkeit noch einen Stellenwert einnimmt. Das Telefon klingelt. Murat Tepeli ruft zurück. Zusammen haben die beiden über das letzte Jahr ihr erstes Album ”Serenity“ für das Berliner Label Ostgut Ton produziert.

Achim und Murat kennen sich schon lange. Aus der deutschen Provinz. Murat wächst in einer Kleinstadt bei Hannover auf, Achim schiebt bei der Saarbrücker Dependance der Berliner Plattenladen-Institution Hardwax Urlaubsvertretungen und gehört schnell zum Inventar des Ladens. Hier genießt er seine musikalische Früherziehung. Über den Plattenladen lernen sich beide dann kennen, auch musikalisch. Murat zieht ins Saarland und beginnt, Achim seine Musik zu schicken. Meist nur Instrumentals, zu denen Achim sehr schnell einen textlichen Zugang findet, denn beide verbindet eine Liebe. Die Liebe zu House, Chicago, um genau zu sein. Die rohe Ästhetik der frühen Maschinen, den Soul der Texte, den warmen analogen Klang der Synthesizer. Das Gefühl der Musik.

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Ihre gemeinsame Arbeit spiegelt das wider und zählt Chicago zu einem großen, nicht wegdiskutierbaren Einfluss. Aber beiden geht es auch nicht darum, Musik neu zu erfinden. Vielmehr werden bei ihren Produktionen Gefühle verarbeitet, Stimmungen erzeugt, Nächte nacherzählt. Nach Kollaborationen für Playhouse veröffentlichten sie im Mai 2007 ihre erste gemeinsame EP auf Ostgut. Eine glitschige Abschleppnummer erster Güte, die so nur im fahlen Licht der Panoramabar entstehen kann. ”Does your boyfriend know? What do you tell him when you go out at night?“ Durchlebte Nächte, Beziehungsansprüche, Fantasien; in Arrangements gepresste Momente, auf Beats angelegte Fragmente, die ihre Klarheit durch Prosumers Vocals erhalten.

Der erste Langspieler ”Serenity“ versetzt uns mit dem gleichnamigen Openertrack auch direkt in diese Welt. Das so schön anmutende Wort übersetzt sich als Gelassenheit, heiterer Gemütszustand, Klarheit und Bescheidenheit. Substantive, die in den 17 Tracks der CD-Version des Albums ihre Entsprechung finden. Da wird der Beziehungsstress und -schmerz auf ”I Go Mad“ besungen, in ”Makes Me Wanna Dance“ wird der Groove auf dem Dancefloor durch Clapsnares und fluktuierende Synthies gefeiert. Die Lyrics bleiben heiter. Genauso auf ”Give and Take“, ein soft pumpendes House-Monster, bei dem die Texte bewusst locker und gelassen ansetzen: ”Give and Take, Play the game“. Tiefgang? Nicht nötig. Das Leben ist ja auch keine konstante Depression. Vielmehr ein Wechselspiel. Fluktuation aus Hoch und Tief. Tiefer geht es auf ”Serenity“ zu. Ein Seelenstriptease, der großes Vertrauen zwischen Murat und Achim voraussetzt. Nackt ist man eben nur gerne zu zweit. Dazu kommen die Tracks mit Sängerin Elif Bicer, die mit ihrem souligen Gesang den Stücken immer eine Pop-Nuance verleiht, die eine Symbiose mit den oft auch etwas synthetischeren Klängen der Musik eingehen. Besonders diese Stücke sind es, die so gelassen, einfach und entkrampft klingen, ohne Zweckdenken oder Vorgaben.

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Es ist keine Überraschung, dass Murat und Achim mit ”Serenity“ so locker um die Ecke kommen können. Beide sind sie nicht an sturer elektronischer Reduzierbarkeit interessiert. Schnelllebigkeit – ein Fremdwort. Viel lieber wollen sie mit ihrem Album einen Langspieler veröffentlichen, der langlebig ist, so wie die Platten, die sie selber lieben. Labels wie Relief, Prescription, Dance Mania. Musik, die man auch nach langer Zeit noch hören kann, bei denen sich ein bestimmtes Gefühl immer wieder auf den Hörer transportiert.

Achims Studio ist durch einen langen Flur von der Küche getrennt. In der Mitte des Raumes erhebt sich der Tempel, ein breiter Tisch mit einer Masse an Hardwaregeräten. Rundherum liegen Platten, Unmengen an Platten. Ganz vorne an den Tisch gelehnt, auf einem kleineren Plattenstapel, liegt eine Janet-Jackson-Platte. Achims Augen leuchten auf, als er das Instrumental auf der B-Seite anspielt. Die Beats klingen hart aneinander gesetzt, als hätte hier jemand seine Drummachine bis zum Äußersten ausgereizt und sich dabei doch auf das Wesentliche konzentriert. Aneinander gereihte Loops im Wechselspiel, die einen mitreißen und ein Gefühl haptisch werden lassen. Achim erzählt, er hat die Platte gerade erst am Wochenende aufgelegt. Und in der Panoramabar ginge die auch schon mal. Und überhaupt, das Stück sei ja schon eine Weile alt.

De:Bug: Was ist das Faszinierende an diesem alten Sound?

Achim: Ich glaube, wir suchen beide immer nach etwas Echtem. Und das ist oft eben auch was Roughes. Rough sein, das machen ja heute ganz viele nicht mehr. Du hast einfach inzwischen viel bessere Möglichkeiten, technisch bessere Musik zu produzieren. Dabei geht aber auch oft was verloren. Früher wurde auch einfach mit dem Drumcomputer rumgespielt und geschaut: Was kann der? Dadurch klingt es auch gleich echt, direkt und unmittelbar.

Murat: Heute ist auch alles viel Sound-fixierter. Jeder versucht, an seinen Sounds dermaßen rumzufeilen und was Neues zu machen. Dabei werden die Musik und das Gefühl einfach vergessen. Das ist aber, worauf es wirklich ankommt. Das musste ich auch erst mal lernen. Das Gefühl für die Musik wiederzubekommen, dass man den Leuten das auch vermitteln kann. Und ich denke, dieses Gefühl spiegelt sich auch in unserem Album wider.

De:Bug: In jedem Fall. Das Album strotzt ja vor Emotionalität.

Achim: Das stimmt schon. Aber es kommt ganz auf das Stück an. Teilweise sind das reine Partystücke wie “Give and Take” zum Beispiel. Ein anderes Beispiel ist “I Go Mad”. Nicht nur aufgrund des Titels konnte ich da sofort hören, wie Murat drauf war. Der war sauer, der war verletzt, und das kam auch so bei mir an. Bei mir gibt es von diesem Gefühl natürlich auch genug Entsprechungen. Ich kann das nicht steuern. Im Fall “Serenity” habe ich innerhalb von drei Stunden den Rough Mix an Murat zurückgeschickt. Das ist dann auch ein Grund, warum es für mich so wahnsinnig toll ist, mit Murat zusammenzuarbeiten. Er kann bei mir Sachen triggern, die wirklich tief sitzen. In dem Moment, wo ich mit Murat arbeite, kann ich ihm vertrauen. Und das beruht auf totaler Gegenseitigkeit. Und dann kann auch ein sehr persönlicher Text rauskommen. Theoretisch muss ich nicht rumrennen und jedem Menschen von meinen Depressionen erzählen, aber das kommt einfach aus mir raus, wenn wir zusammen Musik machen.

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De:Bug: Elif Bicer singt auf sehr vielen Tracks als Gegenstück zu Achims Stimme. Wie kam es dazu?

Achim: Elif ist Barfrau in der Panoramabar, daher kennen wir uns schon länger. Sie ist auch unsere Bookerin. Letztes Jahr im September hatten wir einen Auftritt im Weekend und Elif und Nicole, unsere andere Bookerin, waren auch da. Wir waren blau, die waren blau. Nicole sagte dann: Elif kann so toll singen, lass die doch mal singen. Ja mach mal, sagte ich und hab das Murat gesagt. Murat hat es irgendwie schon nicht mehr mitgekriegt oder war abgelenkt. Auf jeden Fall war dann auf einmal Elif am Mikrofon. Murat hat sich nur noch gewundert, ich fand’s toll, Murat fand’s dann auch toll. Und Elif hatte sichtlich ihren Spaß.

Murat: Das hat alles von Anfang an so viel Spaß gemacht. Auch das Gefühl, dass ich in dem Moment hatte, das war einfach überwältigend und das wollte ich auch am liebsten so oft wie möglich hören. Deswegen bin ich auch sehr froh, dass wir es dann geschafft haben, zusammenzukommen. Bei unseren gemeinsamen Jam-Sessions ergeben sich einfach immer wieder tolle Sachen. Spaß und Gefühl stehen dabei total im Vordergrund.

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De:Bug: Also ist eine Menge der Musik auf dem Album auch Resultat von Jam-Sessions?

Achim: Ja, gerade wenn auch Elif dabei ist. Elif kommt aus dem HipHop und hat schon viele Open-Mic-Geschichten gemacht. Also was Spontanes angeht, ist sie ein gutes Stück fitter als ich. Das merkt man bei der Arbeit mit ihr. Ein gutes Beispiel ist das Stück “Butterfly” vom Album. Das Instrumental gibt’s schon länger. Einen Tag bevor das Mastering anfing, haben wir mit ihr noch schnell die Vocals aufgenommen. Und ich hatte keinen Mikroständer, hab ihr dann das Mikro vor den Mund gehalten und Murat auf der anderen Seite ihren Zettel mit dem Text, den sie sich so aus den Jam-Sessions aufgeschrieben hatte. Am Anfang war das schon klasse, ich liebe ihre Stimme und wie sie singt. Gegen Ende wurde das dann immer besser, weil sie dann so freigedreht hat und Sachen kamen, die eben nicht mehr auf dem Zettel standen. Murat und ich haben uns nur noch angeguckt und gedacht, jetzt nicht wackeln, jetzt nicht knacken. Das ist jetzt gerade ein toller großer Moment. Gerade das, was da am Schluss kam, hat dann auch primär am Ende in die Vocalspur des Tracks hineingefunden. Das sind einfach die magischen Momente beim Musikmachen.
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Elektronische Lebensaspekte.