ProTools ist seit Jahren der Standard für HardDisk Recording auf dem Mac. Soft- und Hardware sind hier wie aus einem Guss, und kommt ein neuer Rechner auf den Markt, wird erst monatelang getestet, ehe die offizielle Freigabe erfolgt. Mit der Digi001 hat Digidesign nun eine achtfach Audiokarte am Start, die im Bundle mit der ProTools Software erstmals auch für Windows vorliegt. Top oder Flop?
Text: Dok Digital aus De:Bug 42

Preiswerter Traum
Jetzt auch für Windows: ProTools 5.0.1 und Audiokarte Digi001

Es soll ja Leute geben, die heutzutage immer noch mit ‘nem ATARI ST produzieren…;) Ich will jetzt hier natürlich keine produktionsmittel-technische Grundsatzdiskussion anfangen, aber was ist zum Beispiel wenn es irgendwann auf den Flohmärkten keine neuen (alten) ATARI STs oder AMIGAs mehr zu kaufen gibt?! Richtig, umschauen nach was Neuem. Und wo schaut man hin? Zu den Profis natürlich. Und die haben ProTools.
Zugegeben, ich war ja sehr skeptisch. Digidesign Hardware + ProTools LE 5.0.1 für MAC OS und Win98(!). Und das ganze für etwas mehr als 2000 Mark. Wie geht das?! Wenn man genauer hinschaut, wird schnell klar, warum man die großen TDM Systeme erst ab 20 000 Mark aufwärts bekommt. Aber der Reihe nach.

LIEFERUMFANG

Hardware
Sofortiger Blickfang ist die Digi001-Break-Out-Box im 19″ Rackformat [1 HE]. Sie hat auf der Vorderseite zwei analoge Inputs, die sowohl als MIC- oder LINE-Eingang benutzt werden können [XLR und Klinke in einer Buchse (!)], sowie die obligatorischen Gain-Regler und je ein Switch für Phantom-Power[48V] und Pegelabsenkung [-26 dB]. Zusätzlich gibts noch einen Kopfhörer-Ausgang mit Regler und einen Switch für den sogenannten MONITOR-MODE. Betätigt, werden die analogen Inputs 3-4 durchgeschleift, auch wenn der Computer nicht angeschaltet ist. Zum CD oder Synth abhören ganz praktisch. Auf der Rückseite sind noch sechs analoge Inputs sowie 8 Outputs, der Monitor-Output, MIDI-IN/OUT, S/PDIF I/O [koax.], Footswitch, sowie die Connector-Buchse zur mitgelieferten PCI-Karte, die in den Rechner gesteckt wird. Auf der PCI-Karte befinden sich die beiden optischen ADAT-Ports [IN & OUT], die noch einmal acht digitale Kanäle oder alternativ einen optischen S/PDIF IN/OUT bereitstellen.

Software
Entgegen der landläufigen Meinung, handelt es sich bei ProTools LE nicht um ein TDM-system, d.h. es gibt keine DSP-Farm, die die Host-CPU entlastet. Hier kurz die weiteren Unterscheide im Überblick:

ProTools LE 5.0.1 DIGI001 ProTools 24 MIX/MIXPLUS Audio Tracks gleichzeitig abspielen 24 32/64
Interne Mix-busse 16 32
Inserts, Sends per Track 5 (CPU abhängig) 5 (DSP abhängig) Realtime Plug-In Standard RTAS (CPU) TDM (DSP)

Es gibt noch mehr Unterschiede, diese hier sind wohl die wichtigsten. Für die, die ProTools nicht kennen, sei nur soviel gesagt, dass dieses System Harddiskrecording, Midi-Sequenzing und Audio-Hardware vereint und somit logischerweise alles aufeinander abgestimmt ist. Klartext: Es ranzt weniger oft ab. Im Mixfenster hat man [ähnlich wie bei VST] ein virtuelles Mischpult, in dessen Kanalzüge Plug-Ins eingeschleift, Sends und Returns festgelegt, sowie die Faderbwegungen und Plug-In Parameter automatisiert bzw. aufgezeichnet werden. Im Editfenster können MIDI- und Audiotracks geschnitten/bearbeitet werden. Wer aber von dem internen MIDI-Sequenzer VST oder LOGIC Funktionalität erwartet, wird entäuscht. Den Midi-Support kann man eher als rudimentär bezeichnen, aber er ist ja auch der Neuzugang in diesem Programmpacket. ProTools hat sich im professionellen Bereich durchgesetzt, weil es in der großen Version u.a. diverse Synchronisationsmöglichkeiten für Filmnachvertonung und Postproduktion hat, sowie Broadcast-Wave Files [AES31] schreiben kann, die u. a. SMPTE Informationen enthalten. Radiosender sollten das brauchen. In größeren [Mastering-]Studios ist es sowieso schon lange Standard.

Das Testsystem / Installation
Weil unser AMD-800-Testrechner leichte Lieferverzögerung hatte, hab ich ProTools testweise auf einem völlig vermüllten P-II 400 installiert. Einfach mal schauen, obs funzt, dachte ich. Und siehe da, ein fetter Bug: Anscheinend kam PT mit den 600 installierten Fonts nicht klar und hat doch glatt seinen Menu-Font durch eine völlig unlesbare Psycho-Variante ersetzt. Das ist früher billiger Shareware passiert. Ok, ich geb’s zu, der Test ist schon ein bisschen unfair, er zeigt aber auch wie wichtig eine cleane Windows-Installation ist, damit es funktioniert. In der Zwischenzeit habe ich mich köstlich darüber amüsiert, wie Digidesign jeglichen AMD Support verweigert. Auf den Webseiten ist sogar der ausdrückliche Hinweis, daß AMD-Prozessoren [Athlon, Thunderbird etc.] NICHT FUNKTIONIEREN!!! Und ich sage Euch: ES GEHT DOCH! Auf unserem Testsystem AMD Thunderbird 800 MHz [sogar zeitweise hochgetaktet auf 950 Mhz!], ASUS A7V Motherboard, 256 MB 133 SDRAM, Fasttrack 60 GB HD-RAID, SCSI etc. sind trotz stundenlanger Sessions keine AMD-spezifischen Unregelmäßigkeiten aufgefallen. Während der Installation wurde schnell klar, daß PT sehr “touchy” ist, was die Rechner-Resourcen angeht, PCI-Karten, z.B. SCSi und DIGI001, dürfen nicht den selben IRQ teilen, obwohl IRQ-Sharing laut PCI Spezifikation ausdrücklich vorgeschrieben ist. Auch Netztwerkkarten sollten deaktiviert werden. Sobald man VST oder ähnliche Programme parallel öffnet, hagelt es die berühmten DAE-xxxx ERRORS [DAE – Digidesign Audio Engine] “PCI BUS too busy” etc.

Beim ersten Rumprobieren wird an allen Ecken und Enden klar, das ProTools für Win98 [wieso eigentlich nicht 2000?] eine MAC Portierung ist. Es ist ja schön und gut, wenn man versucht, das Look&Feel einer Anwendung “hinüberzuretten”, doch wer an das Win-GUI gewöhnt ist, kommt mit der mongomäßigen Einknopfbedienung der MAC-Welt 🙂 auf Anhieb einfach nicht klar. [Sorry Guys, ich musste es einfach mal sagen…;)] Es gibt keine Kontextmenüs für der rechten Maustaste, rätselhafte Dialogboxen, keine Mouse-over Hints und die Standard Hot-Keys stimmen natürlich auch nicht. Nervig ist auch, dass sich selbst auf einem AMD-950 die Protools-GUI träge “anfühlt”. Jede Aktion dauert….Momente…..Augenblicke. Am schlimmsten ist das Zoomen der Tracks. Ist das ein Tribut an die Stabilität? Wohl kaum. Eher an die Audio-Engine, denn die hat laut Digidesign Priorität. Nimmt man diese vermeintlichen Nachteile ersteinmal hin, kann ProTools im Alltagsbetrieb seine wahren Stärken ausspielen, indem es einfach das tut, was man ihm sagt. Ein richtiges Arbeitspferd eben, wenn auch kein Hengst. Ich bin mit der Stabilität vorerst zufrieden, was durchaus Seltenheitswert unter Win98 hat.

Fazit
Tja, was soll man sagen. Auf der einen Seite hat man ein stabiles PoTools, das für fast alle Anwendungen ausreicht. Die Session-Files kann man ohne Probleme in ein großes TDM-System importieren und die mitgelieferten PlugIns klingen sauber und professionell. Die Software läuft stabil und der Preis ist fair, wollten wir das nicht schon immer? Demgegenüber stehen eine für Neulinge sehr eigenwillige Bedienungsphilosophie und die etwas lieblose Windows Portierung. Das Fehlen von Direct-X und ASIO Audiotreibern unter Windows-Version ist auch nicht gerade das, was man von so einem Software-Klassiker erwartet. Es ist wie immer: Stabilität [Protools] gegen Features galore [VST und Konsorten]. Beschränkung hat aber auch ihren (kreativen) Vorteil. Womit wir wieder beim ATARI wären :).

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Elektronische Lebensaspekte.