Domotic landet mit seinem Debutalbum nicht nur Topergebnisse, was den immer wichtiger werdenden Kuschelfaktor angeht. Während in Frankreich zur Zeit eigentlich krachig und knarzig ganz oben auf der Veröffentlichungsliste steht, beweist Domotic auch, dass Paris viel lieber träumt als anzustrengen.
Text: RENE MARGRAFF aus De:Bug 57

Protools-Poesie

Domotic

“Oh là là…“, dachte ich, als die Debüt 12“ von Domotic letzten Sommer ihren Weg auf meinen Plattenteller fand. Auf vier elegischen Stücken crushte Stéphane Laporte verträumte Pianotöne und addierte verhalltes und verhaltenes Geknackse, der minimale Plinkerpop und das harmonische Gestolpere passten mit ihrem Zeitlupenfeeling genau zur erschlagenden Hitze des Sommers. Doch auch im Herbst dachte ich noch immer “danke dafür“…

Der 23jährige Stéphane lebt inzwischen seit ein paar Monaten in Paris und zeichnet sich nun ganz alleine verantwortlich für Domotic. Sein Debutalbum “Byebye“ erscheint beim feinen “Active Suspension” Label. Neben anderen schönen Platten von Osaka, Aerosol und Melodium gibt es für die Neugierigen mit “Variable Access“ eine Art Werkschau. Diese CD stellt das Labelprogramm in seiner Vielfalt ganz gut vor. Neben Melodien für Millionen (Melodium, Domotic) gibt es auf Active Suspension Gitarren, die nie verhallen dürften (Osaka, Encre) und Experimentelleres (Hypo, Shinsei). Doch zurück zu Domotic. Alle, die etwas für melancholische Musik zwischen Protools und Yamaha-Portasoundkeyboard übrig haben, sollten sich beim Auflegen von “Byebye“ auf 42 große Minuten gefasst machen.

Domotic mag Gegensätze. Einerseits sind seine Stücke eigentlich immer traurig, aber kleine Hoffnungsschimmer wuseln überall herum in seinem Plinkerpopland. Dann ist die Musik einerseits – rein technisch betrachtet – schon recht modern (Stichwort: Protools), die Melodien vermitteln aber auch immer eine gewisse Nostalgie, so als würden einem die Legosteine (Liebe Leserin, lieber Leser, bitte setze hier alternativ dein Lieblingsspielzeug aus der Kindheit ein.) aus dem Karton vor die Füße prasseln. Zumindest mich hat seit langem keine Indietronic-Platte mehr so gekrallt und begeistert mitnicken lassen. Morgen wird alles gut.

Stéphane wurde mit Indie “sozialisiert“. Seine Einflüsse liegen wohl daher eher bei Sonic Youth und Yo la Tengo, aber auch Isan, Kit Clayton und Jim O’Rourke.
Vor seiner Zeit als Domotic hat er schon in Indiepopbands gespielt und ab und an dann mal gerne alles alleine gemacht. Als er in Marseille wohnte und in einem Studio jobbte, nahm er an Tagen, an denen dieses frei war, ein paar Songs auf. Damals natürlich noch auf Tonband und Spur für Spur. Ein Überbleibsel dieser postrockigeren Sachen findet sich in Form einer Fender Rhodes-Melodie auf dem Stück “consilium_industri“ wieder.
Die Arbeit mit dem Computer hat seine Musik verändert: “Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Für mich funktioniert es einfach. Ich arbeite recht experimentell. Meist habe ich einen Sound und versuche ihn zu verändern, ohne Masterplan dahinter, mehr nach dem Zufallsprinzip. Gut, manchmal weiß ich, was ich mache, aber das meiste sind wirklich Zufälle. Ich versuche, die Maschine dazu zu bringen, Sachen zu machen, für die sie nicht gedacht war. Ich behalte dann die Sounds, die mir gefallen. Die Arbeit an den eigentlichen Melodien ist aber viel ernsthafter. Ich schreibe sie und versuche auch, sie richtig zu arrangieren. Hm, meine Musik ist tatsächlich sehr bipolar, mein Kopf versucht, die abstrakteste Musik zu machen, mein Herz will den puren Pop und meine Hände müssen das dann eben managen, hahaha.“

Was gleich geblieben ist, ist das, was es für Stéphane so spannend macht mit dem Musizieren und Produzieren: das Zeitgefühl verlieren, den eigenen Frust vergessen, die Welt mal sein lassen, die Tür schließen.

BYE BYE ZUM HAPPY END

Für den Titel “Byebye“ gibt es mehrere Erklärungen. Zunächst klangen die meisten Lieder für Stéphane so, als wären sie ein guter Schluss für eine Platte, dann ist es natürlich auch etwas seltsam und daher gut, die erste Platte so zu nennen (typische Logik des Herrn Laporte) und darüber hinaus ist dieses “Byebye“ noch an seine Tante und seine Großmutter gerichtet. Wir haben ein Herz und wir benutzen es.

Von Domotic müssen wir also keineswegs Abschied nehmen, denn momentan arbeitet Stéphane zusammen mit einem Freund an der Liveumsetzung, dabei soll der Computer eher zu Hause bleiben. “Wir arrangieren die Stücke gerade neu und das wird wohl so eine Art Ambientset mit ein paar Loops vom Minidisk, Gitarre und Synths. Wir wollen auch ein Video dazu machen, was wir ja beide auf der Schule in Brest gelernt haben… Aber im Moment klingt es alles zugegebenermaßen noch etwas langweilig, wir müssen noch üben, um Löcher zu vermeiden.”
Immer alleine rumzumachen, kann ganz schön traurig sein. Daher hat Stéphane auch noch ein neues Projekt namens Modul und das funktioniert so: “Wir treffen uns, hoffen auf eine Idee und nehmen die dann auf einem 4-Spur-Rekorder auf. Die Arbeitsweise ist auch hier wieder experimentell, aber das Ergebnis ist ziemlich musikalisch. Denn wir verwenden dabei nur Instrumente, keinen Computer oder so.“ Modul wird es vielleicht bald im 7“ Format geben.

Bis dahin solltet Ihr aber noch die erste Domotic 12“ und das neue Album hören, euch verlieben und den Winter wegschicken. Wenn man sich was ganz doll wünscht, dann geht das nämlich auch.

domotic – “bye bye” review bei de:bug

active suspension

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Elektronische Lebensaspekte.