Galia und Carim verstricken sich in wundersamen Elektronika-Folk, bei dem Katzen und Fische Krieg führen, und treffen damit eine Menge populäre Nerven. Es können eben auch noch andere Hippies Erfolg haben als Jonathan Meese.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 103

Carim und Galia versinken zufrieden und ein wenig erschöpft in die kunstledernen Hotelsessel. Das Photoshooting kurz vorher war anstrengend. Zugepflastert mit blöden Nike-Logos in alberne Posen verrenken. Galia verzieht trotzig das Gesicht. Dennoch: Beide wissen, dass es gerade kaum besser laufen könnte. Ihr wunderbares neues Album “The only thing I ever wanted” erscheint nicht mehr auf dem kleinen Elektronika-Label Arable, sondern bei dem von Franz Ferdinand gemästeten Aufsteiger-Indie Domino. Und irgendwo in Los Angeles gibt es einen mächtigen, Psapp versessenen Musikconsultant: Grey´s Anatomy, Nip/Tuck, OC California, alles Serien, die mit dem anarchisch streichelnden Sound des Duos gepflastert sind.
Auch in ihrer Heimatstadt London haben sich Galia und Carim mittlerweile außerordentlich bequem eingerichtet: Die Zwei-Personen-Kommune Psapp bewohnt dort ein kleines Haus. Das Studio ist im Keller, Galia wohnt im Erdgeschoss, Carim in der ersten Etage. “Wir können uns einfach aufwecken und sofort anfangen, an Musik zu arbeiten”, Erzählt Galia begeistert, während sie langsam Fäden um ein kleines Drahtgestell wickelt. Es soll eine Katze werden.
Wenn Carim und Galia über ihr Haus, die Musik und das Leben reden, klingt das, als hätten es die beiden geschafft, den Traum zu verwirklichen, den jeder geträumt hat, der als Kind von Pippi Langstrumpf beeindruckt war: selbst bestimmtes, grenzenloses Spielen. Manchmal funktioniert es eben doch, die naïven jugendlichen Träumereien zu bewahren, um sich daraus im Alter eine clevere und erfolgreiche Überlebensstrategie zu stricken. Psapp geben Einblicke:

Debug: Wenn ihr beiden auf eure Zeit als Psapp zurückblickt, was ist das Wichtigste, was ihr über Musik gelernt habt?

Carim: Keine Angst davor zu haben, Dinge einfach auszuprobieren. Wir brauchten etwas Zeit, um an einen Punkt zu kommen, an dem wir den Sound gefunden hatten, der uns beiden wirklich entspricht. Es war ein langer Prozess.

Galia: Die Regel ein wenig aufzulockern, Vertrauen in seine eigenen Entscheidungen zu haben. Wir hatten am Anfang keinen Plattenvertrag. Wir wussten nicht, ob irgendjemand unsere Musik mögen würde, ob wir damit eine Karriere begründen könnten. Wir haben trotzdem weitergemacht. Das ist ja eigentlich immer das Beste: zu machen, whatever the fuck you want.

Debug: Ihr verwendet sehr viele Field Recordings. Was interessiert euch daran? Der reine Sound oder auch dessen Herkunft und Bedeutung?

Galia: Der reine Sound. Wir sind in dieser Hinsicht sehr klar und fokussiert. Wir sind nicht politisch motiviert und keine prätentiösen Klangkünstler, die Stolz darauf sind, einen ganzen Song aus einem Ziegelstein zu schreiben.

Carim: Also, wenn gerade ein Ziegelstein zur Verfügung steht, dann benutzen wir den auch, aber einfach nur, weil er schön klingt, nicht weil es ein Ziegelstein ist. Wir würden ein Album dann auch nicht “Der Ziegelstein” nennen.

Debug: Der Titel “The only thing I ever wanted”, was bedeutet der für euch?

Carim: Vor allem bei Galia gibt es immer eine Sache, die sie unbedingt haben will. Es muss genau diese Sache sein. Und wenn sie es dann hat, kommt etwas Neues daher, das sie immer haben wollte.

Galia: Man strebt doch immer nach Dingen, die einem nicht zur Verfügung stehen. So ein Verlangen, eine dringende Sehnsucht nach etwas, das dich ganz einnimmt. Wenn du es dann hast, sagt man sich doch meistens: Ok, what ever, was kommt als nächstes.
Das ist sehr menschlich und irgendwie sehr ehrlich. Wir scherzen untereinander immer mit diesem Satz “The only thing I ever wanted”. Manchmal ist dann jede Kleinigkeit um uns herum das, was wir schon immer haben wollten.

Debug: Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Galia: Weiter Songs schreiben, Drogen nehmen, Essen, Journalisten nerven. Wir sind ziemlich beschäftigt. Ich arbeite an Material für eine Ausstellung. Wir designen Kondomverpackungen, das französische Modelabel Agnes B. hat bei uns angefragt, etwas für sie zu machen.
Außerdem arbeiten wir gerade an einem Computerspiel, in dem es um Katzen geht. Ich entwerfe die Illustrationen. Die Katzen sind im Krieg mit Fischen. Die Fische versuchen, die Katzen zu töten, in dem sie sie mit Handgranaten bewerfen.

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Elektronische Lebensaspekte.

Mit Psapp hat das kleine englische Label "Arable" einen großen Hit im Kasten. Das Londoner Duo erzählt so herzerweichende kleine Elektronika-Geschichten, dass man einfach begeistert sein muss. In Deutschland hat Herbert Grönemeyers "Grönland"-Label gleich lizenziert ...
Text: Hendrik Kröz aus De:Bug 90

DIE FAUNA WEISS DEN WEG
Psapp

Wer Katzen und andere kleine Helden mag, wird Psapp mögen, denn das Londoner Duo, das den Sound einer eiswürfelgefüllten, fallengelassenen Tüte zum Namen erkoren hat, folgt diesen Spuren. So gut sie es als Humanoide eben können – mit bittersüßen Liedern, ungeschminkt schönem Gesang und einer Produktion, die für jedes Zirpen, Quaken und Miau das richtige Eckchen weiß. Was haben wir uns unter einer radikal infantilen Position vorzustellen? Warum ist tragikomisch die beste Perzeption der Welt? Und was trennt die Katze – schlussendlich – vom Tiger? Psapp alias Ms Gal Durant (Vocals, Flohmarktelektronik, Artwork) und Mr Carim Clasmann (Sampling, Produktion) geben Auskunft.

Debug: Eure Musik klingt, als ob es im Studio manchmal hoch hergehen würde …

Gal: Da wohnen außer uns noch andere Typen, die oft mit überraschenden Vorschlägen ankommen wie “Kipp eine Tasse Tee über mich, sample und pitche das, und es wird klingen wie eine Hirschkäfer-Sinfonie”. Auch die Lyrics sind von Tieren geschrieben, wir prüfen nur die Rechtschreibung …
Carim: … die der Ameisen ist besonders haarsträubend, sie wollen es einfach nicht lernen. Im Grunde gibt es eine sehr harmonische Beziehung zwischen allen Kreaturen auf dem Planeten Psapp. Nur ein paar Mäuse haben neulich Platzverweis gekriegt, weil sie das Telefonkabel angenagt haben.

Debug: Wenn ihr für einen Tag ein bestimmtes Tier sein könntet, in wessen Haut würdet ihr schlüpfen?

Gal: In die einer Katze natürlich!
Carim: Eidechse auf einem sonnengewärmten Felsen … das genaue Gegenteil von London. Aber bitte nicht länger als einen Tag – habe wenig Lust auf rohe Insektenkost.

Debug: Was denkt ihr über Leute, die Musik mit einer infantilen Perspektive silly finden?

Gal: Das Leben IST infantil, genauso wie es tiefe Momente hat … also versuchen wir lieber, diesen seltsamen Mix in unseren Songs zu reflektieren, als nur die noblen Gedanken herauszustellen.
Carim: Jede Perspektive hat Gültigkeit. Die Sicht einer Katze, Trauer über angebrannten Reis in der Pfanne und sogar, wie Menschen übereinander denken. Aber “silly” Sachen sind immer gut – besonders dann, wenn du nicht mit ihnen rechnest. Wie eine schöne Überraschung, die sich von hinten anschleicht und dich auf die Matte schmeißt!

Debug: Was macht den Tiger so outstanding?

Gal: Das einzige Tier, das den Titel unseres Albums bevölkert.
Carim: Tiger sind manchmal nicht echt. Es gibt da diese Katze hinter meinem Haus … sie stolziert jeden Abend vor einer Lampe herum und wirft einen massiven, tigergroßen Schatten auf mein Fenster. Sie weiß genau, warum sie das tut – was für ein Poser! Alles, was sie will, ist Eindruck schinden.

Debug: Wenn ihr einen neuen Song macht, womit fängt er an?

Gal: Jeder fängt anders an, z.B. mit einem Sample von der Straße, in dem zwischen den ganzen Geräuschen eine Melodie zu hören ist, die wir dann weiterverfolgen. Oder ganz schlicht mit Gitarre, Keyboard oder einer komischen Unterhaltung. Wir mögen es, uns zu überraschen.

Debug: Psapps Plan für 2005?

Gal: Neues Material, ein Video, mehr Zeichnungen und endlich eine Liveshow zusammenkriegen.
Carim: Ich habe es schon lange aufgegeben, Pläne zu machen. Mehr Tageslicht, weniger Studio … aber das wird nie klappen. Eigentlich begrüße ich alles, was kommt – Hauptsache, es ist silly.

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