Das gibt es: Sonys PSP hält alle Erwartungen, die sie geweckt hatte.
Text: Nils Heiko aus De:Bug 96

He, Gameboy, lutsch meine Hecklichter

Im Marktsegment der mobilen Spielkonsolen tut sich was: Nach über 15 Jahren Vorherrschaft von Nintendos Gameboy und den Pleiten der potenziellen Mitbewerber Zodiac, Game Park und Gizmondo, aber auch nach der wahrnehmbaren, breiten Akzeptanz der immer mehr nach Konvergenz strebenden Handys als Spielplattformen hat Sony die PSP nun endlich auch in Europa herausgebracht, wobei der Name recht nahe liegend den Killer-Brand mit dem entsprechenden Adjektiv verbindet. Soso, die portable Playstation also.
Im Gegensatz zur Konkurrenz, also den Game Boys, Handys und PDAs, zeichnet sich die PSP vor allem durch eine bisher nicht zwischen zwei Hände passende Performance und ein Display aus, dass einem die Freudentränen in die Augen treibt. Der Screen ist hochaufgelöst, breitwandig und noch dazu derart fix, dass es eine wahre Freude ist, auf ihm zu spielen. In der Breite liefert er etwas mehr als eine Kippenschachtel im Querformat, damit können die anderen vorerst einpacken. Das “Value Pack” enthält neben dem Gerät noch ein paar Kopfhörer inkl. Fernsteuerung, eine schicke Neopren-Tasche, einen 32 MB-MemoryStick, den Akku, eine Trageschlaufe sowie eine Demo-Disc. Somit fehlt zwar das für den Datentransfer benötigte USB-Kabel, dieses ist in genügend Haushalten jedoch eh schon vorhanden, stimmt, Sony.
Das Gerät macht in seinem schwarzen Finish schon von vornherein klar, wohin die Reise geht: Edel fasst sie sich an und liegt gut in den Händen, wenn sie auch für Kinderhände etwas schwer sein dürfte und der Controllerknubbel unter dem Steuerkreuz für Menschen mit relativ langen Daumen ungünstig platziert ist. So ist das aber mit standardisierten Controllern: Allen recht machen kann man es eh nicht. Das Design weist bereits auf die Konvergenz von Videospielen in grafischer und spielerischer Qualität der Playstation 3 mit den Möglichkeiten der Video-, also auch MP3-Wiedergabe. Ach, und einen Picture-Viewer gibt es ebenfalls. Das Navigieren durch die verschiedenen, slick designten Menüs geht butterweich, wenn auch die Optionen manchmal etwas wild gewürfelt daherkommen; das Betriebssystem hat außerdem einige Clous auf Lager. So wird die Wiedergabe von Content bzw. des laufenden Spiels pausiert, wenn man den Powerschieber auf “aus” stellt, ansonsten kann ein Spiel/Video an jeder Stelle durch Drücken des “Home”-Buttons und bejahen der folgenden Frage abgebrochen werden. Neben den Playern für Video und MP3 bzw. ATRAC, die in ihrem Bedienungskomfort leider nicht mit spezialisierten Hardwareplayern mithalten können, hat Sony dem Gerät einen Browser spendiert, über den via WLAN im Internet gesurft werden kann. Dort wird man kaum bildschirmseitenlange Emails tippen, da die Zeicheneingabe zwar für Hyperlinks und Passwortabfragen gerade noch reicht, man sich dann aber doch eine Tastatur wünscht. Dennoch ist der Internet-Browser mehr als nur ein Gimmick, was nicht zuletzt an der gebotenen hohen Auflösung liegt.

Jetzt aber spielen
Dem schon relativ lange zurückliegenden Release in Japan und Amerika entsprechend wartet ein eindrucksvolles Portfolio an First- und Third-Party-Titeln auf die europäischen Endnutzer. Vor allem die Rennspiele stellen alles bisher für Handheld-Konsolen Erschienene locker in den Schatten. Dabei hängt es vor allem vom persönlichen Gusto ab, ob es nun lieber Ridge Racer, Wipeout Pure oder vielleicht Need for Speed oder Midnight Club 3 sein soll. Alle relevanten Brands der großen Hersteller warten mit einem verfügbaren oder bald erhältlichen PSP-Release auf, nur bei einigen ist noch etwas Geduld gefragt. Puzzle- und Audio-Freaks dürfen sich über Lumines, eine neue, süchtig machende Kreation des Rez- und “Space Channel 5”- Erfinders Tetsuya Mizuguchi freuen, während auch Freunde von Sportspielen angesichts der Umsetzungen des Klassikers Virtual Tennis sowie der meisten EA-Sports-Titel feuchte Augen kriegen. Der langen Vorlaufzeit für den Europa-Release entsprechend ist auch die Heimentwickler-Szene nicht untätig gewesen: So existieren mittlerweile Emulatoren für die meisten älteren Spielkonsolen und Heimcomputer ebenso wie Umsetzungen der SCUMM-Engine (v.a. für alte Lucasfilm-Grafikadventures) oder Ports von Klassikern wie Doom für Sonys neues Baby. Dennoch geht das Angebot weit über potenziell Urheberrecht verletzende Ports hinaus, zahlreiche Eigenkreationen warten, ein Web-Server ist ebenso wie ein Drum-Sequenzer schon gesichtet worden. Dabei laufen die meisten dieser Eigenentwicklungen nur mit bestimmten Versionen der Firmware zusammen, was bei den Downloads immer bedacht werden sollte. Für die Zukunft wird sich wohl das übliche Katz- und Mausspiel zwischen der Szene und dem Hersteller im Hinblick auf Firmware-Updates und geupdateten Applikationen einstellen. Wo wir gerade über den Drumsequenzer gestolpert sind: Die Audio-Eigenschaften der PSP sind beeindruckend, sobald ein vernünftiger Kopfhörer benutzt wird: Bässe satt und saubere Höhen, da denkt man mit einem verächtlichen Lächeln an die 12-Bit-Sample-Loops des GBA zurück.

Kaufen?
Am Ende steht die Frage, wer sich eigentlich noch eine PSP kaufen wird, angesichts der immer umfangreicheren Handy-Features, der grundsätzlichen PDA-Konkurrenz und der immer noch marktführenden Gameboys und des für portables Gaming eine Spur innovativeren DS. Dennoch: Die PSP ist in gewisser Hinsicht die eierlegende Vollmilchsau im genialen Handtaschenformat und schlägt im Hinblick auf die technischen Daten alle oben genannten Konkurrenten für mobiles Gaming haushoch. Sowohl Nintendo als auch Sony fehlt es indes weder an finanziellem Polster, die Handhelds am Markt zu etablieren, noch an großartigen Umsetzungen bekannter Spielkonzepte um diese auch über einen langen Zeitraum mit spannendem Futter zu versorgen. Allein die Pläne Sonys, Multimedia-Inhalte wie Filme auf dem neuen Datenträger der PSP, der so genannten UMD (Universal Media Disc) zu verkaufen, stimmt skeptisch: Wer möchte schon Geld für einen Datenträger ausgeben, der anders als die DVD nicht von einem anderen Device als der PSP abgespielt werden kann? Noch dazu, wenn es schon Tools gibt, mit denen eigene DVDs für den Memory Stick der PSP aufbereitet werden können. Übrigens fangen schon die ersten Game-Magazine mit DVD an, ihren Content auch als PSP-Mediafiles mit auf den Silberling zu pressen, wozu es scheinbar erst mal der Bereitstellung einer entsprechenden Plattform bedurfte.
Ephrain Kishon sagte einmal, er habe sich einen Billardtisch gekauft und dann sein Haus drumherum gebaut. Ähnlich muss es vor knapp zwei Jahren bei Sony vorgegangen sein: Wir haben hier ein Killer-Display, lasst uns doch eine Handheldkonsole drumherum konzipieren! Gesagt, getan, und endlich auch bei uns erhältlich: die Zukunft der Playstation. Klein, schwarz und mit einem Display ausgestattet, um das einen jeder beneidet, der es erst einmal in Aktion gesehen hat.

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Elektronische Lebensaspekte.