Wo sind all die Videoclips hin? "Musiksender" haben sich mittlerweile längst auf Klingeltöne und Dating-Shows spezialisiert, ästhetisch interessant sind da höchstens noch die Trailer vor der Werbung, hier allerdings vermischt sich Game-Ästhetik mit Design und filmischen Elementen und es entsteht eine ganz neue Spezies Clip, an der Psyop aus New York nicht ganz unschuldig sind.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 94

PSYOP – Game zu Film-Konvergenzen

Traurig ist das schon, was mit dem Videoclip passiert. Seit einer Weile fristet er immer mehr ein Dasein im Netz – da ihm die altgedienten Plattformen weggebrochen sind, durch die er überhaupt erst so eine eindrucksvolle Karriere hinlegen konnte. Was dafür relativ neu ist, ist sein Weiterkommen, und vor allem auch das des Werbespots in erweiterten ästhetischen Bahnen: dem Vermauscheln mit Games. Nicht gemeint sind damit Game-ähnliche Sequenzen, die gerne in Filme eingeschoben werden. Das hatte Tarantino mit seinem Hongkong-Recycling “Kill Bill” wieder ins Gedächtnis gebracht, ist aber nur ein Manga-Verweis. Die Konvergenz zwischen Film und Game geht ins Strukturelle, weil sich die Techniken aneinander anpirschen. Eben hat das George Lucas vorgemacht, indem er Teile seiner Filmproduktion mit seiner Special Effects-Abteilung ILM und der Game-Entwicklung LucasArts auf einem ehemaligen Armee-Stützpunkt zusammen quartierte. Dass dort auf den gleichen Server und die gleichen Software-Tools zugegriffen wird, ändert einiges beim Ergebnis.
Äußerlich soll es aber erst mal um die Game-typischen 3D-Grafiken gehen, die sich seit einer Weile in andere Genres wie dem Spot einschleichen – und dabei gar nicht mal mehr so hässlich aussehen. Die Spiele-Ästhetik wird bislang nicht sonderlich geschätzt, denn klumpige Figuren, die sich wie Streichhölzer bewegen, wecken kein Wohlbefinden und sind mehr als uncool. Ausnahmen wie das japanische RES helfen nicht, auch nicht der inhaltliche popkulturelle Anschluss wie bei den GTA-Spielen von Rockstar Games. Mittlerweile haben aber Game-Engines mehr Saft und nähern ihr Output dem 3D-Design und der Animation von Werbespots an. Umgekehrt funktioniert die Überblendung von der dreidimensionalen Game-Ästhetik in den traditionellen Bereich der Spots. Game-Konzepter suchen sich Designer und Filmemacher, um für sie die Trailer zu drehen. Richtige Filme wie den Cinematic Opener für Onimusha 3 letztes Jahr oder als Vorzeigebeispiel die Clips der New Yorker Psyop: Die machen Trailer für NBA Street v3, EA Sports oder für Ubisofts Raven Shield. Wenn sie nicht Live Action mit Graffiti-Elementen kombinieren wie beim Sprayer-Game Getting Up für Atari. Folgerichtig hat auch die Ästhetik der Games ihren Marsch in herkömmliche Spots angetreten, in Trailer für TV-Serien wie für “Buffy“ bis zu Titelsequenzen von Kinofilmen wie kürzlich beim Bruce Willis-Action “Hostage“. Der ästhetische Anspruch ist wechselseitig. “Weg von der Gamer-Mentalität. Das Publikum, das spielt, wird älter und hat mehr Ansprüche“, erklärt Marco Spier, Mitbegründer von Psyop. Die früheren Kids sind auch mit MTV aufgewachsen wie der Berliner Spier, der als Praktikant bei MTV New York anfing. Nach dem Studium an der UDK machte er Anfang der 90er bei MTV die erste 3D-Abteilung auf: “Wir wollten die Tools aus dieser Geek-Ecke rausbringen und für den Grafik-Design-Bereich nutzen. Die 3D-Animationen zu der Zeit waren nur diese hochglänzenden Kameraflüge durch den Weltraum. Sehr langweilig.“ Mit anderen aus der Unit gründete er vor fünf Jahren Psyop. Damals in einer ehemaligen Bar samt Zapfsäule und Lizenz, residieren sie heute an der Lower East Side in einem für New York untypischen offenen Loft für das Berlin-Feeling. Psyop steht für “Psychological Operations”, die Propagandaabteilung der US-Regierung. “Ihre Waffen sind Handzettel und Lautsprecherwagen, wie in Afghanistan und wieder im Irak. Das stellt Werbung für uns eigentlich dar”, sagt er. Zum Abreagieren haben sie einen CI-Clip, eine Art Anti-Hymne gebastelt, die den Kapitalismus fröhlich abwatscht. “Wir üben Selbstkritik am Konsum, um uns den Kopf frei zu machen. Damit verdienen wir unser Geld”, sagt Marco.
Das Besondere an Psyop ist, dass die 3D-Gerätschaften wie Design-Tools benutzt werden. “3D muss nicht hässlich sein”, ist für Marco das oberste Gebot bei allem Psyop-Output. Das funktioniert bei traditionellen Spots für Nike Shox, in denen eine Blaxploitation-Story in Aquarell-Farben durchgespielt wird – und eigentlich wie ein Game aussieht. Interessant ist auch die Verbindung zu Elementen der Street Art, wie beim Spot für Lugz, einer Schuhmarke: Graffiti-Tags flutschen dreidimensional durch den S-Bahnhof. Die geistesverwandte Agentur MK12 hat da gleich einen Sprayer für die krakeligen 3D-Characters im Game-Trailer für EA Sports engagiert. Lange vor den Stencils, die momentan durch die Werbepausen bei MTV flitzen. Sich das Schnelllebige mit anderen Mitteln zu eigen machen: “Schließlich ist jeden Tag auf dem Nachhauseweg ein neues Graffiti da. Und warum machen nicht mal Architekten anständiges Game-Design“, fragt sich Marco. Psyops Glanzstück ist aber der Clip für NBA Street v3 als Vollendung von 3D, Game-Anmutung in Verbindung mit traditionellen Zeichentechniken und Street Art: Um die Basketball-Spieler in 3D schlängelt sich animiertes Graffiti, verbunden durch die Ästhetik eines Sprayer-Blackbooks. All das vor dem Live-Action-Hintergrund eines Basketball-Platzes. Ähnlich verfahren sie beim Sprayer-Game Getting Up für Atari, bei dem Mark Ecko als Lifestyle-Berater den Look aufhübschen sollte. Äußerlich mischen sich offensichtlich die verschiedenen Genres bei Psyop, strukturell aber noch nicht. Bis jetzt benutzen sie keine Game-Engines. Marco erklärt: “Die Shaders sind noch nicht auf dem Level für bestimmte Ästhetiken. Wir mixen relativ viele Elemente, alle unsere Spots haben 100 Layer. In Real-Time kann man das nicht bis zum Exzess machen.” Eine übergreifende Ästhetik also, die sich technisch noch nicht verzahnen kann. Aber bald.

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Elektronische Lebensaspekte.