Das Multimedia-Ensemble Pulseprogramming tritt mit "Tulsa for one second" an, allen emüdeten Indietronics-Hörern mit deepem Landhonig den Glauben wiederzugeben. Wenn Indietronictown nicht zerstört werden darf, weil es einen Gerechten gibt, dann sei Pulseprogramming Dank.
Text: René Margraf aus De:Bug 69

Pulseprogramming
Next level Wohntronics

Klar, im letzten Jahr gab es einfach zu viele Releases aus der so genannten “Indietronics”-Ecke, aber es wäre falsch, sich nun von all dem komplett abzuwenden und nur noch HipHop zu hören. Pulseprogramming machen nämlich alles genau richtig. Ihr wollt Gründe? Ihr sollt sie bekommen! Ihr Label “Aesthetics” kümmert sich sonst noch um unser aller Lieblingsband Hood oder solche Perlen wie Windsor For The Derby. Die Vocaltracks auf “Tulsa For One Second“, dem dritten Album des Multimedia-Ensembles, sind einfach eigen und wunderbar deep. Falls sie “Tulsa“ zu hören bekommen, rutschen Figurine und Múm auf der einen und Matmos und Safety Scissors auf der anderen Seite bestimmt gerne noch etwas zusammen und hören mit, wie Pulseprogramming von Schnappschüssen erzählen und zwischen Ambientpopexperiment und 808-Elektropop pendeln, mit wirklich pulsierenden Beats ihrem Namen alle Ehre machen und einfach nur hypnotisieren. Freundlich, aber kitschfrei.

All joy and rural honey
Für uns also genug Gründe, Pulseprogramming zu kontaktieren. Das Ergebnis dieser Idee: eine Email mit einer Millionen Zitatzeichen. Denn wo die überall rumgeflitzt ist, weiß wohl keiner der Beteiligten mehr. Da helfen einem farbenblinden Schreiber dann auch die fünf verschiedenen Farben nicht mehr weiter, die sie benutzt haben. Klar ist, dass Pulseprogramming nur auf den ersten Blick ein Elektronikduo sind. Für die Musik sind zwar größtenteils Joel Kriske und Marc Hellner zuständig, allerdings gibt es mit Hans Seeger und John Shachter auch noch zwei Designer/Art Directors, den Videokünstler Eric Johnson und den Schriftsteller Joel Craig. Diese Herren wurden dann auch alle ins Interview mit einbezogen. Was verursacht so ein Personalaufwand? Crossoverhölle oder Gesamtkunstwerk? Für mich eher letzteres, denn auf der CD gibt es ein wunderbares Video und aus der CD-Papphülle lässt sich ein Haus bauen.
Wie wollen Pulseprogramming denn wahrgenommen werden?
Marc Hellner (Musik): “Ich weiß, dass Hans danach strebt, die Musik im Design zu reflektieren oder zumindest Sachen zu schaffen, die mit der Musik harmonieren. Es ist schwer zu sagen, wie die Leute auf die Verpackung reagieren, bisher war es meistens mit einem Lächeln. Ich denke schon, dass sie sehr einladend ist.“
Eric Johnson (Video): “Ja, es ist eine Einladung, die Musik zu hören, aber genauso stand die Idee im Raum, ein Haus als ein Ort der Kreativität und Inspiration zu sehen …“
Zum warmen Gesamtbild der Musik ergänzt Joel Kriske (Musik): “Wir wollten eigentlich immer Platten veröffentlichen, die etwas Sanftes haben, und ich hoffe, dass alle Elemente von ‘Tulsa’ dies zusammen erreichen.“

Tulsa for one second
Kokettiert hier jemand zur Abwechslung mal damit, aus der Provinz zu kommen oder wie kam es zum Titel?
Joel Craig (Texter), von dem genau der stammt, kennt die Stadt Tulsa, Oklahoma, nicht wirklich. In seiner Vorstellung ist es aber eine eher verschlafene, verschlossene Stadt, die auch viele Geheimnisse in sich trägt. Er erklärt: “Ich weiß nicht, ob Tulsa wirklich besonders ist. Ich war noch nie selbst dort, aber den Klang des Namens mag ich sehr. Ich glaube, dass alle, die ich kenne, eine eigene, aber sehr genaue Vorstellung von der Stadt Tulsa haben. Ich schreibe viel Poesie und bin vor allem von Sachen, die mit starken Bildern arbeiten, beeinflusst, John Ashbery oder Georg Trakl. Ich versuche, Dinge zu schreiben, die für jeden ihre eigene Bedeutung haben. Ich schlug ‘Tulsa for one second’ zunächst nur als Songtitel vor, wollte etwas schrägen Humor einbringen, aber Hans und John (Design) dachten, dass er sehr gut zum Design passen würde. Es schien uns ein guter Titel für eine Platte zu sein, auf der ja doch einiges passiert.“

Blooms eventually
Die ersten beiden Alben von Pulseprogramming sind mir leider nicht bekannt, ich weiß nur vom Hörensagen, dass diese schon noch eher postrockig und ambient waren, was hat sich mit der Zeit bei euch geändert?
Eric Johnson: “Ich denke, dass wir uns sehr stark verändert haben. Irgendwie ist ein Knopf aufgegangen, es ist ein Sprung, als würdest du einen 10-Jährigen mit einem 16-Jährigen vergleichen. Wir fahren jetzt rum und machen Ärger. Ernsthaft, wir sind zu unseren Popwurzeln zurückgekehrt, die für uns so wichtig waren, als wir die Smiths und My Bloody Valentine hörten. ‘Tulsa’ ist auch sehr viel vocal-lastiger als unsere alten Alben, was mir wirklich gut gefällt, denn eigentlich bin ich ein ganz großer Fan von guten Popsongs. Wir haben ein Album gemacht, dass sehr viele Einflüsse von außen als auch von uns selbst vermischt.“
Joel Kriske: “Die Zeit, die wir in dieses Projekt gesteckt haben, führte zunächst mal zu einer Verfeinerung unseres Arbeitsstils. Wir wissen nun beispielsweise besser, wie wir was erreichen. Andererseits möchte ich nicht, dass du nun denkst, das ganze Album sei ein großartig vorgeplantes Konzeptding gewesen. Denn in Wirklichkeit ist alles sehr organisch abgelaufen. Was die Musik angeht, wissen wir aber inzwischen einfach besser, wie wir welche Sounds bekommen und wie es abgemischt werden muss. Charlie Cooper (von Telefon Tel Aviv) hat gemixt, das hat auch ziemlich viel ausgemacht.“

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Elektronische Lebensaspekte.